6. Der Tempel in Jerusalem

Wie bei vielen Angaben der Bibel, welche sich auf historische Ereignisse beziehen, ist auch hier darauf hinzuweisen, dass diese biblischen Aussagen ein theologisches Konzept verfolgen, dem jede Chronologie untergeordnet wird. Der erste nach König Salomon, den Sohn Davids und der Bathseba, benannte Tempel in Jerusalem ist archäologisch nicht nachweisbar. Nach den Büchern der Könige und der Chronik wurde dieser erste Tempel 951 vChr fertig gestellt.

Nach seiner Zerstörung durch den babylonischen König Nebukadnezar im Jahre 586 vChr und der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil wurde an der gleichen Stelle nach dem Plan des ersten der zweite Tempel errichtet, der an Größe und Pracht nicht an den ersten heranreichte. Serubbabel, der als letzter Nachfahre des Königs Davids galt, wurde unter der Herrschaft des persischen Königs Kyros mit der Wiedererrichtung des Tempels betraut.

Unter König Herodes begann man um 20 vChr mit einer Umgestaltung und Vergrößerung des Tempels im griechischen Stil. Der Gesamtbau, welcher 15% der Gesamtfläche Jerusalems umfasst haben soll, wurde 64 nChr abgeschlossen.

Die wichtigste Rolle im Tempel spielte der Hohepriester. In allen Fragen der Religion, der Priesterschaft und des Gottesdienstes hatte er die oberste Aufsicht und Weisung. Er war zu einer besonderen kultischen Reinheit verpflichtet und durfte einmal im Jahr zum Versöhnungsfest Jom Kippur das Allerheiligste des Tempels betreten. Dort empfing er stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes. Im Jahreslauf brachte er die wichtigsten Opfer dar. Allmählich wuchs ihm höchste Autorität zu, da wegen der politischen und sozialen Wirren keine andere Institution allgemeine Anerkennung behielt. Im ersten Buch der Makkabäer* heißt es: Darum beschlossen die Juden und ihre Priester, Simeon solle für immer ihr Anführer und Hoherpriester sein, bis ein wahrer Prophet auftrete. Auch solle er ihr Befehlshaber sein und für das Heiligtum Sorge tragen. Durch ihn seien die Beamten zu ernennen für die Arbeiten am Tempel, für das Land, das Heer und die Festungen. Alle hätten ihm zu gehorchen. Jede Urkunde im Land müsse in seinem Namen ausgestellt werden. Auch dürfe er sich in Gold und Purpur kleiden. Keinem aus dem Volk oder aus der Priesterschaft sei es erlaubt, eine dieser Bestimmungen außer Kraft zu setzen, gegen seine Anordnungen zu verstoßen, ohne seine Erlaubnis im Land eine Versammlung einzuberufen, Purpur zu tragen oder eine goldene Spange anzulegen.

Im Jahre 70 nChr wurde der Tempel von den Römern unter ihrem Feldherrn Titus, der dann von 79 bis 81 römischer Kaiser war, endgültig zerstört. Nur ein Teil der Außenmauer, die Klagemauer, blieb bis heute erhalten.



Detail am Titusbogen in Rom, 1. Jhd. nChr.

Im Talmud, der maßgeblichen Selbstinterpretation des Judentums, wird erzählt, dass Jahwe auf dem Tempelberg die Erde entnommen hat, aus der er Adam* formte. Nach der islamischen Eroberung Palästinas wurden an dieser Stelle zwischen 686 und 691 der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee errichtet. Von 1099 bis 1187 war der Tempelberg im Besitz der Kreuzfahrer, welche den Felsendom Templum Domini* nannten und in ihm eine Kapelle einrichteten. In der Al-Aqsa-Moschee befand sich der Hauptsitz des Templerordens. Die gegenwärtige Gestalt der beiden Moscheen geht auf die Umbauten nach der endgültigen Eroberung 1187 durch die Moslems zurück.


   
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