Die wichtigsten Prinzipien der Katholischen Soziallehre (KSL)

Grundsätzliches

Träger jeder sozialen Wirklichkeit ist der einzelne Mensch. Das Überindividuelle und historisch den Einzelnen Überlebende an der Gesellschaft ist immer an das soziale Wesen der Einzelnen gebunden.

Ebenso ist das Gemeinwohl als Zweck der Gesellschaft vom Wohl der Einzelnen her bestimmt. Sein Vorrang liegt darin, dass ohne soziale Verbundenheit wesenhaft kein Mensch existieren kann.

In seiner personalen Verantwortung übersteigt der Einzelne mit seiner Einmaligkeit die Gesellschaft und bedenkt und beurteilt die gesellschaftlichen Beziehungen und Wirklichkeiten mit sittlicher Verantwortung in seinem Gewissen.

So ergibt sich das Verhältnis von Einzelmensch und Gesellschaft als eine Beziehung polarer Spannung, weil der Mensch seinem Wesen nach sowohl ein Gesellschaftswesen als auch ein Einzelwesen ist. Der Mensch ist ein individuelles und ein soziales Wesen: In seinem personalen individuellen Sein ist der Mensch ergänzungsbedürftig und ergänzungsfähig, sein soziales Sein wiederum dient der Entfaltung der vollen Personalität und Sozialität.

So ergibt sich eine Definition der Gesellschaft. Gesellschaft bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig hilft und fördert, um wesentliche Ziele des Lebens zu erreichen. Die Gesellschaft ist eine überindividuelle Wirklichkeit. Die Einzelperson hat auch ein gesellschaftsunabhängiges Sein. Darum ist das Wohl ihrer Glieder wesentlich für jede Gesellschaft, sie hat keine von den Individuen losgelöste eigene Existenz.

Die KSL unterscheidet sich daher wesentlich vom totalitären Gesellschaftsbegriff des Kollektivismus, aber auch vom atomistischen Gesellschaftsbegriff des Individualismus. Die traditionelle katholische Sozialphilosophie spricht daher von der Solidarität der Personen und wendet sich gleichermaßen gegen den liberalen Kapitalismus wie auch gegen den materialistischen Marxismus.

Über den Zweck der Gesellschaft

Hier geht es natürlich wieder um die vorher besprochene Bipolarität menschlicher Existenz. Das Ziel der Gesellschaft wird im Begriff des Gemeinwohls zu erfassen versucht. Gemeinwohl bezeichnet den Inbegriff jener Voraussetzungen, die den Menschen die volle Entfaltung ihrer Werte ermöglichen oder zumindest erleichtern. (Siehe dazu die Sozialenzyklika "Mater et Magistra" von Johannes XXIII. aus dem Jahre1961)

Die Ursachen des Gemeinwohls liegen vor allem in den Anstrengungen der Einzelnen. Das Gemeinwohl ist die Gesamtheit jener Bedingungen, die den Gliedern der Gesellschaft ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen. Das Gemeinwohl ist die Hilfe, die die Einzelnen für die Erfüllung ihrer grundlegenden Lebensziele benötigen und durch die gesellschaftliche Kooperation am ehesten finden. Diese Doppelwertigkeit ist nicht ungewöhnlich, sie verweist auf ein Fundament christlichen Denkens, das schon in der Antwort Jesu auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot zum Ausdruck kommt. Mk12,28-33: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." ist kein verhüllter Egoismus, sondern ein Hinweis auf die Vollendung menschlicher Existenz.

Wichtig ist es, in diesem Zusammenhang auf den Unterschied von Gesellschaft und Staat hinzuweisen. Gesellschaft, ein zwar vieldeutig gebrauchter Begriff, bezeichnet eigentlich die Verbundenheit des Menschen mit anderen und ihr Eingebettetsein in einen gleichen Lebenszusammenhang. Mit Staat hingegen meint man jene Institutionen, deren Zusammenwirken ein dauerhaftes und geordnetes Zusammenleben eines Staatsvolks auf einem Staatsgebiet gewährleisten soll.

Die Prinzipien

  1. Das Gemeinwohl

    Damit wird jene ideale Ordnung bezeichnet, die anzustreben jede Gemeinschaft verpflichtet ist, die aber wegen der menschlichen Natur nie voll erreichbar ist. Es ist das oberste Prinzip jeder Gemeinschaft.

    Das Gemeinwohl begründet und regelt Autorität, verpflichtet die einzelnen Glieder der Gesellschaft und regelt den Vorrang des allgemeinen Wohles vor dem Einzelwohl.

    Sowohl das Gemeinwohl als auch die Gesellschaft gründen letztlich in der Lebenserfüllung aller Glieder: Das Gemeinwohl ist nie Selbstzweck, sondern immer nur Hilfestellung für die Vollendung des Einzelnen.
  2. Das Personprinzip

    Das lat. Wort persona bedeutet eigentlich Maske, Rolle im Schauspiel. Es bezeichnete die Maske des Schauspielers, die dieser als Darsteller einer Rolle im antiken Schauspiel vor seinem Gesicht trug. Nach Johannes XXIII., Mater et Magistra, ist "der Mensch der Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen". Unter Person versteht die KSL die Befähigung zum geistigen Selbstbewusstsein und zur daraus folgenden Selbstverwirklichung.

    Die Einmaligkeit der Person zeigt sich besonders in ihrer Freiheit. Durch diese bestimmt der Mensch seinen Lebensweg.

    Die Person existiert als Alleinsein und als Mitsein in der Gemeinschaft. Ihr Dasein gründet also in der Zweipoligkeit ihrer Individual- und Sozialnatur. Als Einzelner kann die menschliche Person aus ihrem sozialen Geflecht herausgelöst sein und steht für sich in Freiheit aus eigener Einsicht und Initiative. Die menschliche Person ist aber keine sich selbst genügende Individualität, sondern darauf angelegt, sich im Leben in der Gemeinschaft zu entfalten und zu bewähren.

    Der Mensch erfüllt den Sinn seiner Existenz durch Wertverwirklichung in der Gemeinschaft, kann aber der Gemeinschaft nur als eigenständige und selbstverantwortliche Person dienen.
  3. Das Solidaritätsprinzip

    Weil der Mensch auf die Gemeinschaft hin angelegt und von ihr abhängig ist, trägt er auch Verantwortung für die Ordnung der Gesellschaft.

    Weil die Glieder einer Gemeinschaft auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind, folgt daraus die Verpflichtung zum Einstehen füreinander, zum Dienst der Person am Ganzen und des Ganzen an der Person.
  4. Das Subsidiaritätsprinzip

    Es versucht, die Zuständigkeit von Person und Gemeinschaft abzugrenzen. Dieses Prinzip ist ein Zuständigkeitsprinzip. Zunächst betont es als Ausgangspunkt die Freiheit und Selbstverantwortlichkeit der Person. Dies bedeutet, dass der Mensch jede an ihn herantretende Aufgabe selbst erfülle, soweit er dazu fähig ist. Die Gemeinschaft muss dabei subsidiär (unterstützend) eingreifen, sie muss Hilfe zur Selbsthilfe leisten, welche die Eigenkräfte des Menschen weckt und sie nicht überspringt oder gar ausschalten oder vernichten will.

    Die Gemeinschaft muss dem Einzelnen die Grundchance der Persönlichkeitsentfaltung sichern.

    Das Subsidiaritätsprinzip gilt aber nicht nur generell im Verhältnis von Person und Gemeinschaft, sondern auch im Verhältnis der jeweils kleineren zur größeren Gemeinschaft. Die kleinere Gemeinschaft hat das Recht und die Pflicht, alle Angelegenheiten, die sie aus der natürlichen Nähe zu den Dingen besser zu beurteilen vermag, selbst zu verwalten. Die größere Gemeinschaft darf und muss eingreifen, wenn die kleinere Gemeinschaft die Grenzen ihrer Kraft erreicht hat und weitere, für das Wohl ihrer Einzelglieder notwendig zu leistende Aufgaben nicht mehr bewältigen kann.

  5. Die päpstlichen Sozialenzykliken

    Sie bilden das Fundament der KSL. Diese Rundschreiben der Päpste befassen sich mit den Problemen des menschlichen Zusammenlebens und wollen zur Lösung der sozialen Fragen beitragen.
  6. Die fünf großen Sozialenzykliken sind:
    In einer sehr deutlichen und engagierten Sprache wenden sich die Päpste, nach Jahren des Schweigens und der Abwehr der Moderne den sozialen Fragen der Zeit zu. Leo XIII. spricht vom "sklavenähnlichen Joch" der Arbeiterschaft und betont, dass die Güter der Welt allen Menschen der Welt zu dienen haben. Uneingeschränkte Mitbestimmung und Beteiligung der Arbeiterschaft am Produktionsvermögen werden gefordert. Die Sozialverpflichtung des Privateigentums wird hervorgehoben. Sozialer und wirtschaftlicher Fortschritt für alle Völker sind eine Voraussetzung des Weltfriedens. Da die menschliche Arbeit über dem Kapital steht, wird der Kapitalismus ebenso abgelehnt wie als anderes Extrem der materialistische Kommunismus.

   
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