Mythos und Logos

Das Wissen des Menschen gleicht einem Tropfen, sein Nichtwissen einem Ozean.
Sir Isaac Newton (1642 – 1726)

1. Die Religion ist eine Interpretation der Wirklichkeit.

Der Ausgangspunkt des Christentums ist die Sicht des Menschen in seiner Freiheit der Zukunftslosigkeit. Alles, was Menschen können, gilt als nichtig. Diese Erfahrung der menschlichen Unzulänglichkeit wird in einem Text der Heiligen Messe so formuliert: „Richte uns, Herr, aber verwirf uns nicht, denn wir haben keine andere Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen.“ Es gibt in der christlichen Sichtweise keine Zuflucht, die aus uns selbst käme. Das Kreuz wird zur einzigen Hoffnung des Christen. Somit vollzieht das Christentum einen radikaler Abschied von jener Geschichtsphilosophie, die glaubt, dass der Mensch letztlich über alles verfügen können wird. Dass der Glaube gegenüber der Moderne heute weniger dumm dasteht als noch vor hundert Jahren, hat mit der Dekonstruktion dieser zu tun. Denn inzwischen bringt sie mehr Risiken als Verheißungen hervor. Es ist nicht auszuschließen, dass unsere Kultur in den Schlund einer alles vertilgenden Barbarei gerissen wird.

2. Gibt es einen Gegensatz zwischen Religion und Naturwissenschaft?

Unter Naturwissenschaft versteht man jene empirischen Wissenschaften, die sich mit der Erforschung der gesamten Natur aufgrund von Messung und Analyse befassen. Nicht selten wird behauptet, die Wirklichkeit bestehe nur aus Materie und Energie. Demgegenüber weist Werner Heisenberg* in seinem Buch Physik und Philosophie darauf hin, dass die „Wirklichkeit, von der wir sprechen können, nie die Wirklichkeit an sich ist, sondern […] eine von uns gestaltete Wirklichkeit. Wenn […] eingewandt wird, dass es schließlich doch eine objektive, von uns und unserem Denken völlig unabhängige Welt gebe, […] so muss diesem […] entgegengehalten werden, dass schon das Wort »es gibt« aus der menschlichen Sprache stammt und daher nicht gut etwas bedeuten kann, das gar nicht auf unser Erkenntnisvermögen bezogen wäre.“
Zweihundert Jahre vor Heisenberg formulierte bereits Immanuel Kant diese Einsicht. Der Mensch könne die Wirklichkeit nicht objektiv erfassen, meinte Kant. Die Erkenntnis des Menschen richte sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände ergeben sich aus der Form der menschlichen Erkenntnis. Der Mensch trägt die Vorstellung von Raum und Zeit in den Erkenntnisprozess hinein. Sie existieren unabhängig von ihm nicht. Der Mensch erkennt die Wirklichkeit nicht, wie sie ist, sondern wie er sie mit seinen Sinnen erfassen kann.
Im Jahre 1927 formulierte Werner Heisenberg die sogenannte Unschärferelation, wonach Ort und Impuls eines subatomaren Teilchens nicht gleichzeitig bestimmt werden können. Im oben genannten Buch bezeichnete er die Schöpfung als ein Innerhalb, das ein Außerhalb nicht nur denkbar macht, sondern geradezu fordert. Jeder Versuch einer „Weltformel“ im Sinne Einsteins müsse deshalb scheitern, weil sie das Innerhalb ohne das Außerhalb hinreichend erklären wolle. Dieses Bestreben überschreite aber jede menschliche Kapazität.

3. Anspruch und Demut

Die Geste der Religion ist nicht die Behauptung, sondern das Flehen.
Dies war zwar immer so, doch wurde es verhüllt durch Ansprüche der Macht und der Wahrheit. So wurde oft Theologie zur Ideologie. Dabei gab es in der christlichen Theologie immer das Bewusstsein, eine unumgängliche Anmaßung des Menschen darzustellen, welche das Undenkbare, das Heisenberg als das Außerhalb bezeichnete, zu denken wagt. Doch die glanzvolle Pose des Wissens verstellte die bescheidene Erkenntnis des menschlichen Nichtwissens.
Seit wir etwas über menschliche Kultur wissen, sucht der Mensch seinen Ursprung und sein Ziel zu verstehen. Diese Suche führt in irgendeiner Weise zur Religion, auch wenn es nur ein peripheres Anstreifen ist.

4. Vom täglichen Überdruss befreien uns nur das Ungreifbare, das Unsichtbare, das Unaussprechliche.*

Das griechische Wort Mythos bedeutet Rede, Erzählung, Begebenheit, Lüge. Mythos hat für uns einen feierlichen Klang, zugleich aber auch den Einschlag des Unwahren und Unwissenschaftlichen. Doch eines steht vor alldem fest: Im Mythos vollzog sich in der erzählenden Rede eine selbstverständliche Geborgenheit alles menschlichen Wissens und Ahnens.
Das griechische Wort Logos hat eine ähnliche Bedeutung, nämlich Wort, Erzählung, Gerücht, Lehre, aber auch Vernunft.
Nicht ohne Grund beginnt das Johannesevangelium mit: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.”
Das Erzählen erklärte die Welt und machte das Unbegriffene fassbar. Es beseitigte die tödliche Angst vor dem, was am Himmel und auf der Erde geschah und nicht verstanden werden konnte. In der durch den Mythos geschilderten Welt konnte man sich einrichten. Das Wort machte die Welt berechenbar. Das lähmende Grauen vor dem Unverstandenen wird durch Geschichten beseitigt. Es gab viel Furcht, aber weniger Angst.
Das älteste Erzählen war Welterklären. Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft waren noch eins. Das heute Getrennte war vereinigt in der Gestalt von Geschichten. Diese Geschichten erzählten, warum es überhaupt Menschen gibt, wer die ersten Menschen waren, wer sie gemacht hat, wer die Welt gemacht hat, warum die Erde etwas anderes ist als der Himmel, warum die Sonne wieder aufgeht, wenn es Nacht geworden ist, und was für Mächte und Gewalten über Himmel und Erde regieren und deshalb auch über die Menschen. Dies waren die Hauptthemen des Mythos.
Als sich die Wissenschaften aus dieser Erzählkultur verabschiedeten, bekam die Religion als Theologie ein Wahrheitsproblem. Denn Wahrheit im strengen Sinn reklamierten die Wissenschaften. Der Satz, auf dem die Arbeit aller ernsten Wissenschaft besteht, der Satz vom Widerspruch, dass A nicht zugleich Nicht-A sein kann, wird von der Theologie ignoriert. In Christus ist Gott und Mensch zugleich, Maria ist Mutter und Jungfrau zugleich, der Mensch ist Sünder und gerechtfertigt zugleich.
Die Religion, dieses Überbleibsel aus der vorwissenschaftlichen Welterklärung, überlebte deshalb, weil sie der wissenschaftlichen Welterklärung die Grenzen ihrer Wahrheiten vor Augen rückte. Da es den Wissenschaften nie gelang, die umfassende Welterklärung der mythischen Erzählungen vollständig und ohne Rest zu ersetzen, blieb die Religion das, was sie immer war. Diesen Gegensatz drückte Goethe so aus: “Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, ist der Konflikt des Unglaubens und Glaubens." *


Walter Navratil, Serapion * , 1982

5. Versuch einer Reparatur

Religion wird heute nicht selten als Obskurantismus* archaischer Gefühlsreste angesehen. Doch “Glauben ist nichts anderes als zustimmendes Denken”, bemerkte schon Augustinus. Und er fügte hinzu: “Aber nicht jeder, der denkt, glaubt, da doch viele nur denken, um nicht glauben zu müssen.” 250 Jahre einer rastlosen Aufklärung haben dem religiösen Glauben in Europa immer noch nicht den Garaus machen können.
Das Mittelalter hat den Europäern zwei kostbare Regeln hinterlassen. Die eine besagt, dass geistliche und weltliche Macht zu trennen sind, die andere stellt die Aufgabe, Vernunft und Glauben zu versöhnen. Die besten Theologen und Philosophen verwandten ihren Scharfsinn darauf, in langen Traktaten den kurzen Satz der Bibel zu deuten: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Die Geschichte Europas wäre anders und möglicherweise besser verlaufen, wenn man sich genauer an dieses Prinzip gehalten hätte. Denn seitdem die Vernunft meint, auf die Glaubenskraft der Menschen verzichten zu können, sie gering zu achten oder sogar zu verspotten, hat die Aufklärung nicht nur mit den unmündig machenden Fehlformen des christlichen Glaubens aufgeräumt, sondern vielfach auch seine positiven Elemente, etwa das Gewissen, zugeschüttet. Die darauf folgenden gottlosen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts haben Millionen von Menschenleben gefordert. An die Stelle der Religion trat die Vergötzung des Staates, der Rasse, einer Klasse oder der Nation. Die daraus entstandenen Katastrophen haben gelehrt, dass die Vernunft nicht das ganze Wesen des Menschen ausmacht. Vernunft und Glaube sollten ins Gleichgewicht gebracht werden. Der Glaube könnte die Wucherungen der banalen Rationalität beschneiden, so wie die Vernunft den Exzessen des Religiösen entgegen getreten ist. Es ist wahrscheinlich fatal, wenn Europa auf die Weisheit der Religion verzichtet, nur weil man meint, dies sei der einzige Weg, religiösen Irrwegen zu entgehen.

Daher möge Blaise Pascal das Schlusswort dieser Überlegungen haben: „Gott erkennt man mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand.“ Dies ist gewissermaßen die gültige Interpretation der Formulierung des Augustinus: „Si comprehendis, non est Deus.“

→  Über die Weisheit der Mythen und die Torheit der Vernunft

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