Anselm von Canterbury
Der ontologische Gottesbeweis


Abtei Le Bec-Hellouin (Normandie)

In groben Zügen kann der Beweis wie folgt wiedergegeben werden:

  1. G ist eine Abkürzung für "dasjenige, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann".
  2. G kann begriffen werden.
  3. Aus 2 folgt, daß G entweder Ga sein muß, d.h. etwas, das nur begriffliche Existenz hat; oder ein Gb, d.h. etwas,     das sowohl begrifflich als auch in Wirklichkeit existiert.
  4. Ein Gb wäre größer als ein Ga.
  5. Man kann sich ein Gb vorstellen.
  6. Die Annahme, daß G ein Ga ist, führt in Verbindung mit den Schritten 4 und 5 dazu, daß man sich etwas vorstellen kann, das größer ist als G, was der Definition von G in Schritt 1 widerspricht.
  7. G kann also kein Ga sein. Schritt 3 zufolge muß G daher ein Gb sein.
    Indem vorausgesetzt wird, daß G wirkliche Existenz hat, versucht Anselm von Canterbury nun zu zeigen, daß G - im Gegensatz zu anderen wirklichen Dingen - notwendig existiert, daß man sich also nicht vorstellen kann, daß G nicht existiert. Der Beweis gleicht dem vorigen und verläuft in den Hauptzügen wie folgt:
  8. G ist entweder ein Gc, d.h. etwas, wovon man sich vorstellen kann, daß es nicht existiert; oder ein Gd, d.h. etwas, wovon man sich nicht vorstellen kann, daß es nicht existiert.
  9. Ein Gd wäre größer als ein Gc.
  10. Man kann sich ein Gd vorstellen.
  11. Die Annahme, daß G ein Gc ist, führt in Verbindung mit den Schritten 9 und 10 dazu, daß man sich etwas vorstellen kann, das größer ist als G, was der Definition von G in Schritt 1 widerspricht.
  12. G kann also nicht Gc sein. Laut Schritt 8 ist G damit ein Gd.

Auf den Einwand, daß es doch Menschen gebe, die denken, daß Gott nicht existiert, antwortete Anselm, dies seien Leute, die im eigentlichen Sinn gar nicht denken. Sie hätten nämlich die Bedeutung der Wörter, die in ihre sogenannten Gedanken eingehen, überhaupt nicht begriffen.

Anselm von Canterbury: Leben und Werke

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