Die großen Orden

Orden: lat. ordo = Stand, Regel

Nach dem Kirchenrecht (Codex iuris canonici) sind Orden klösterliche Gemeinschaften, die nach Vollkommenheit streben.
Nach ihren Mitgliedern unterscheidet man männliche und weibliche Orden, nach der Tätigkeit kontemplative, aktive oder gemischte Orden, bei denen klösterliche Kontemplation mit äußerer Tätigkeit verbunden ist.

Das Bild der christlichen Orden in der gegenwärtigen Gesellschaft ist eher zwiespältig. Klöster und Ordensmitglieder gehören im Bewusstsein vieler Menschen definitiv der Vergangenheit an. Mönche und Nonnen, die sich heute den drei Gelübden Armut, Keuschheit und Gehorsam unterwerfen, gelten als Anachronismus.

Die spirituelle Lebensweise der Orden verstand sich seit dem Mittelalter als Alternative zu einem Leben in der Welt, stand aber deswegen nicht abseits, sondern hat die Kultur der Welt in allen Bereichen entscheidend geprägt, auch da, wo sich Mönche und Nonnen räumlich weit zurückgezogen haben, um sich ganz auf Liturgie (= Gottesdienst) und Gebet zu konzentrieren. Klöster waren gerade in ihrer inselhaften Abgeschiedenheit Abbilder und Vorgriffe der Civitas Dei, des Gottesstaates, zu dem die ganze, jetzt noch in Sünde und Unordnung verharrende Welt einmal werden sollte. Sie versuchten, diesem umfassenden Anspruch auf vielfältige, oft kulturell sehr anspruchsvolle Weise gerecht zu werden. Kultur ist dabei im weitesten Sinn zu verstehen, also nicht auf künstlerische Zeugnisse beschränkt, sondern schließt soziale Tätigkeit und Bildungswesen, regelmäßige Tageseinteilung und Arbeitsethos ein.

Die Theologie war im Mittelalter nicht wie heute eine Randwissenschaft, sondern war seit der Spätantike für über tausend Jahre unangefochtene Leitdisziplin aller anderen Wissenschaften, auch der Naturwissenschaften.

Die künstlerische und konstruktive Leistung von Architekten hat sich in erster Linie an geistlichen Bauten bewährt. Die Architektur der Klöster und Kirchen zeigt die spezifischen Ordnungsvorstellungen der Orden - Vorstellungen von der inneren Ordnung des gläubigen Menschen, der Ordnung der Gemeinschaft und einer möglichen Weltordnung.

Schriftsteller waren zum großen Teil geistliche Schriftsteller, Musiker haben geistliche Musik komponiert und aufgeführt. Die in den Orden entstandenen Bilder und Melodien sind Ausdruck und Symbol des Lebens nach einer bestimmten Regel.

Der größte Teil unseres Wissens über außereuropäische Länder in der frühen Neuzeit stammt von Missionaren, die im Auftrag ihrer Orden unterwegs waren.

Es gibt bis hin zum Theater, das die Jesuiten während des Barock kultivierten, keinen wissenschaftlichen oder künstlerischen Bereich, der nicht bis heute von den vergangenen Leistungen der christlichen Orden mitgeprägt wäre.


Aufforderung zur Vollkommenheit

Jesu Aufforderung zur Vollkommenheit bildete vom Anfang des Christentums bis heute den Grundimpuls der christlichen Orden.

Bei Mt 5,48 sagt Christus: "Seid vollkommen, so wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist!" Für den gläubigen Menschen des Mittelalters war dies ein Auftrag Gottes. Es ging nur mehr darum, den besten Weg zu finden, um diesen Auftrag zu erfüllen.
Als "Königsweg" zum Heil galt seit der Spätantike die mönchische Lebensform. Man berief sich auf Mt 19,27-30, wo es heißt:
"Da antwortete Petrus: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? Jesus erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen. Viele aber, die jetzt die Ersten sind, werden dann die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein."

Das, worum es geht, ist also, die Teilhabe am Reich Gottes zu erreichen. Dies geschieht durch Verzicht hier auf der Erde: Verzicht auf Besitz (Armut), Selbstbestimmung (Gehorsam) und Sexualität (Keuschheit).
Das Gefängnis der Seele, den Leib, zu disziplinieren, soll ihren Aufstieg in die Welt Gottes garantieren, soll aber die Gottesbegegnung auch schon im irdischen Leben, in der Kontemplation, ermöglichen. Diesen Verzicht nennt einer der einflussreichsten Mönchs-Schriftsteller der Frühzeit, Johannes Cassianus (+435), an erster Stelle von allen Gütern, "so dass man alles andere geringschätzen und verwerfen soll, um dieses Eine zu erlangen" (Collationes 23,3).
Bis zum Auftreten karitativer Gemeinschaften im Hochmittelalter ist die Selbstheiligung durch liturgisches und persönliches Gebet sowie durch Askese (= Enthaltsamkeit) das Zentrum mönchischer Existenz. Sie vollzieht sich an von der übrigen Gesellschaft abgeschiedenen Orten, ist Weltflucht und Weltverachtung.


Ordensgelübde

Eigentlich heißen sie "Evangelische Räte" und sind, wie der Ausdruck "Rat" nahelegt, Empfehlungen aus den Evangelien, die aber für das christliche Leben nicht unbedingt nötig sind. Bei Mt 19,12 heißt es daher: "Wer das erfassen kann, der erfasse es." Die drei evangelischen Räte sind: Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam.

Ehelosigkeit:

Dieser Rat geht unter anderem auf die Stelle bei Lk 9,61-62 zurück: "Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes." Manche Menschen kommen zur Überzeugung, dass sie die Hingabe an Gott für ihre Person in einem ehelosen Leben verwirklichen sollen.

Armut:

Das Armutsgelübde beruft sich vor allem auf die Stelle vom "Reichtum", z.B. bei Mk 10,17-27. Hier heißt es: " ... Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt ... ." Manche Menschen gelangen zur Auffassung, dass eine vollkommene Hingabe an Gott nur durch die Loslösung von jedem Besitz erreicht werden kann.

Gehorsam:

Er ist der Versuch, die von Jesus geratene Demut zu verwirklichen. Bei Mk 9,35 heißt es: "Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein."


Ordensregeln

Die älteste erhaltene Mönchsregel ist die in Ägypten entstandene des Pachomios, die vor 346 koptisch geschrieben wurde. Zu erwähnen sind auch die Regeln des Augustinus, des Basileios, des Johannes Cassianus und des Hieronymus, die im 4. und 5. Jahrhundert entstanden. Im Okzident gewann eine Regel besondere Bedeutung: Die Regel des Benedikt von Nursia (480-547). Benedikt gilt als der Begründer des abendländischen Mönchtums. 529 gilt als Gründungsjahr seines Klosters Montecassino, das zur Keimzelle der späteren Benediktiner wurde.

Die Ordensregeln des heiligen Benedikt von Nursia:

Karl der Große erbat sich von Montecassino eine Abschrift der Regel und führte sie in allen Klöstern seines Einflussbereiches ein. Bereits im 9. und 10. Jahrhundert lebte man in allen Klöstern Europas nach ihr. Sie ist ein herausragendes Erbe des abendländisch-römisch-christlichen Geistes. Ihre Intention ist es, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden und Maß zu halten.

Die Führung des Klosters liegt beim Abt, die Entscheidungen aber werden im Rat der Mönche getroffen. Das berühmte "ora et labora" (bete und arbeite) steht nicht wörtlich in der Benediktregel, wohl aber sinngemäß.

Die drei benediktinischen Gelübde sind stabilitas (innere und örtliche Beständigkeit), conversatio morum (mönchische Lebensführung) und Gehorsam gegenüber dem Abt.

Alles Lebensnotwendige soll innerhalb des Klosterbereichs sein. Diese Klausur (lat. claudere - schließen) schuf eine in sich geschlossene und sich selbst genügende Produktions- und Konsumgemeinschaft. Das gab den benediktinischen Klosterwirtschaften ihre organisatorische Überlegenheit und befähigte sie zu kolonisatorischen Großtaten.

Wichtige Klöster: Montecassino (I), St. Gallen (CH), Fulda (D), Schottenabtei in Wien, St.Peter in Salzburg, Admont, Göttweig, Melk (A)


Überblick über die wichtigsten Orden der römisch-katholischen Kirche
  1. Mönchsorden:
    • Benediktiner
    • Zisterzienser
    • Kartäuser
  2. Chorherren:
    • Augustiner
    • Prämonstratenser
  3. Hospitalorden:
    • Barmherzige Brüder
  4. Ritterorden:
    • Johanniter
    • Deutscher Orden
  5. Bettelorden:
    • Franziskaner
    • Dominikaner
    • Karmeliten
  6. Regularkleriker:
    • Jesuiten
    • Piaristen

Zu den einzelnen Orden:

Die Kartäuser (Ordo Cartusiensis, OCart) wurden 1084 von Bruno von Köln in Chartreuse bei Grenoble(F) gegründet. Der Orden, zunächst der mittelalterlichen Mystik sehr verbunden, öffnete sich später dem Humanismus. In der Zeit der Säkularisation nach der französischen Revolution wurde der Orden aber fast vernichtet. Heute gibt es weltweit 23 Kartausen. In Österreich gibt es keine Niederlassung mehr.

Die Zisterzienser (Sacer Ordo Cisterciensis, SOCist) wurden 1098 von Robert von Molesme in Citeaux(F), lat. Cistercium, als benediktinischer Reformorden gegründet. Er zeichnet sich durch besondere Hochschätzung der körperlichen Arbeit aus. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts spalteten sich die Trappisten ab, die größeren Wert auf Kontemplation legten. Die österreichischen Niederlassungen der Zisterzienser sind: Zwettl, Heiligenkreuz, Viktring, Stams und Rein.

1216 gründete Dominikus den Ordo Praedicatorum (OP), den Prediger- oder Dominikanerorden. Besonderen Wert legte er auf wissenschaftliches Studium. 1232 wurde dem Orden vom Papst die Inquisition übertragen. (Daher die wortspielartige Benennung ihres Namens mit "Domini Canes" = Spürhunde des Herrn). Albertus Magnus und Thomas von Aquin waren Dominikaner. Auch der gegenwärtige Erzbischof von Wien gehört diesem Orden an, (Niederlassung in Österreich z.B. in Wien I, Postgasse.)

Franz von Assisi gründete 1223 den Franziskanerorden (Ordo Fratrum Minorum, OFM), der in mehrere Zweige aufgespalten ist: Minoriten, Kapuziner, Franziskaner. Mit den Dominikanern zählen die Franziskanerorden zu den großen Bettelorden der Kirche.

Nach dem zweiten Buch der Könige lebten der Prophet Elias und seine Schüler auf dem Berg Karmel (beim heutigen Haifa, Israel). Der französische Kreuzfahrer Berthold berief sich auf dieses frühe Zeugnis, als er sich mit Gleichgesinnten auf dem Berg Karmel niederließ. 1226 entstand daraus der Orden der Karmeliten (Ordo Fratrum Beatae Mariae Virginis de Monte Carmelo, OCarm).

1537 gründete Johannes de Deo den Orden der Barmherzigen Brüder (Ordo Hospitalarius Sancti Joannis de Deo, OSJdD), der sich vornehmlich der Krankenpflege widmet.

1534 gründete Ignatius von Loyola in Paris die Societas Jesu (SJ), die Gesellschaft Jesu, die Jesuiten. Besonderen Wert legt der Orden auf wissenschaftliche Ausbildung und Forschung. Im Zuge der Gegenreformation breitete sich der Orden schnell in ganz Europa aus. Die Schwerpunkte des Ordens sind: Mission, Schule, Universität.

Joseph von Calasanza gründete 1597 in Roms Armenviertel Trastevere die erste öffentliche und unentgeltliche Knabenschule und bald danach den Ordo Clericorum Regularium Pauperum Matris Dei Scholarum Piarum (SP), die Piaristen (Wien VIII., Piaristengasse).

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