Thomas von Aquin

(1225 - 1274)

von Nikolaus Werle

Thomas Aquinas in Santa Maria Novella

Andrea di Bonaiuto schuf um 1366 in Santa Maria Novella in Florenz diese Darstellung. Thomas wird rechts und links von Tugenden begleitet, vierzehn weiblichen Gestalten, welche die Fächer der Theologie und der freien Künste repräsentieren, zu ihren Füßen jeweils ein Vertreter dieser Kunst, so sitzt Pythagoras zu Füßen der Arithmetik, Euklid vor der Geometrie und Cicero vor der Rhetorik.
Thomas verstand unter Philosophieren, den Blick auf die Gesamtheit zu richten und die Frage zu erörtern, was es mit der letzten Bedeutung dieses Ganzen auf sich habe, was das überhaupt sei, das Wirkliche, der Mensch und das Geistige. Unter Theologie verstand er, eine Antwort zu finden auf die Frage, was das in der göttlichen Offenbarung Gesagte eigentlich bedeute.

Vom Standpunkt des Theologen aus ist es unmöglich, thematisch einen bestimmten Bereich abzugrenzen. Denn dies würde ja bedeuten, dass er den Versuch unternähme, Gott auf bestimmte Inhalte einzugrenzen. Dies wäre absurd, weil es darauf hinausliefe, festlegen zu wollen, wovon Gott reden darf und wovon nicht. Theologie ist natürlich nicht identisch mit Gottes Rede oder göttlicher Weisheit, sondern sie ist die menschliche Bemühung um die Interpretation der Offenbarung. Daher steht sie im Spannungsfeld der vollen menschlichen Existenz, mit allen Möglichkeiten, auch der Entartung. Der Theologe hat es außerdem mit einer verhüllten, keineswegs zutage liegenden Wahrheit zu tun. Henry Kardinal Newman präzisierte dies so, dass die typischen Entartungserscheinungen der Theologie Systematisiererei, Phantasterei, Dogmatismus und Bigotterie seien.

Summa, Bibliothek Angers
Thomas Aquinas, Summa theologiae prima, Angers (France), ca. 1275
© Institut de recherche et d'histoire des textes - CNRS
Die grundlegende These des Thomas von Aquin ist, dass in jedem erschaffenen Sein das ESSE etwas anderes ist als das Wesen und nicht zu seiner Definition gehört.

Er greift in der Durchführung seiner Gottes- und Schöpfungslehre immer wieder zu Termini, mit denen die neuplatonischen Philosophen den Kosmos als Emanation Gottes und als abgestufte Partizipation an Gott selbst darstellen. Thomas zieht eine Grenze zur Vorstellung einer Teilhabe des Geschöpflichen an Gott selbst und verweist strikte auf die aristotelische Differenz einer von der Wirkung unterschiedenen Wirkursache.

De Deo scire non possumus quid sit, sed quid non sit. (Summa theologiae I, 3 prolog) Und weiter: „Dies ist das Äußerste menschlichen Gotterkennens, zu wissen, dass wir Gott nicht wissen...“ (Quaestiones disputatae de potentia die 7, 5 ad 14) Auch die geschaffenen Dinge sind nach Thomas unergründlich, weil alles als einem göttlichen Entwurf nachgebildet ist, der uns aber unzugänglich bleibt. Rerum essentiae sunt nobis ignotae. (Quaestiones disputatae de veritate 10,1)

Thomas von Aquin ist der Überzeugung, dass der metaphysische Gottesbegriff nicht als Fremdkörper an die religiöse Gotteserfahrung herangetragen wird, sondern die aufgeklärte Gestalt dessen darstellt, was eigentlich auch das religiös bewegte Subjekt unter Gott versteht.

Dies alles hat mit Agnostizismus nichts zu tun. Gott und die Dinge sind so sehr erkennbar, dass wir mit dem Unternehmen, sie zu erkennen, niemals zu Ende kommen. Es ist ihre Erkennbarkeit, die unausschöpfbar ist. Daher ist äußerstes Misstrauen angebracht, wenn der Anspruch erhoben wird, endgültige Erklärungen gefunden zu haben. Denn die Dinge sind zugleich erkennbar und unbegreiflich.

"Cognito de aliquo an sit, inquirendum restat quomodo sit, ut sciatur de eo quid sit. Sed quia de Deo scire non possumus quid sit, sed quid non sit, non possumus considerare de Deo quomodo sit, sed potius quomodo non sit."
Summae theologiae prima pars, quaestio III, De Dei simplicitate
Dass das Werk des Thomas von Aquin unvollendet geblieben ist, ist nicht bloß mit der Tatsache zu erklären, dass er relativ jung gestorben ist, sondern auch mit seiner genau datierbaren Aussage vom 6. Dezember 1273: „Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Stroh...“ So wird der Fragmentcharakter seiner Schriften zum Ausdruck seines Denkens...

Dass Thomas von Aquin im Lauf der Jahrhunderte immer wieder rezipiert wurde, hängt damit zusammen, dass er die großen Traditionen der vorangehenden Denkgeschichte zusammenfasste, andrerseits aber diese Synthese zu vielen Deutungen anregt.

Kurze Biographie

Literatur:
Thomas von Aquin, Auswahl der Summe der Theologie, Kröner 1985
Thomas von Aquin, Summa contra gentiles, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1974
Friedrich W. Graf (ed.), Klassiker der Theologie, C.H.Beck 2005
Alain de Libera, Die mittelalterliche Philosophie, Wilhelm Fink 2005
Josef Pieper, Hinführung zu Thomas von Aquin, Herder 1967
M.-D. Chenu, Thomas von Aquin, Rowohlt 1960




Petrus Lombardus/Thomas Aquinas: Comment. in Petri Lombardi Sententias, Angers (France), ca. 1275
Initiale M, St. Thomas beim Unterricht.
© Institut de recherche et d'histoire des textes - CNRS
Werke im Web:
Corpus Thomisticum
Thomas Aquinas in der Latin Library




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