Von der Trägheit des Herzens


Die Suche nach den Ursprüngen des Begriffs Acedia führt zunächst zu einer ähnlichen Auskunft, wie sie jener Ägypter gab, von dem Plutarch erzählt. Ein Neugieriger wollte partout erfahren, was er in seinem Korb, über den er ein Tuch geschlagen hatte, trage. Der Korb ist eben deshalb bedeckt, war die Antwort, damit sein Inhalt verborgen bleibt.

Der Begriff Acedia ist im Deutschen schwer wiederzugeben. Am ehesten trifft wohl die Bezeichnung „Trägheit des Herzens“ den Kern der Sache. Jedenfalls ist sie der immer wieder verwendeten „Faulheit“ vorzuziehen.

Acedia tauchte in der frühchristlichen Mönchsliteratur als Beschreibung für jenen Überdruss auf, der auch als morbus monasticus bezeichnet wurde und der als Unlust, Unrast und Widerwille gegen Meditation und Arbeit in Erscheinung trat. Der Mönch erkennt weder einen geistlichen Gewinn noch einen menschlichen Fortschritt in seiner Lebensform. Deshalb überlässt er sich der Trägheit, erstrebt einen Wechsel seines Klosters, beginnt zu wandern oder sucht die Rückkehr in die Welt.

Diese nicht nur dem Mönch bekannte Gestimmtheit führt dazu, dass alle möglichen, nicht selten sehr unwichtigen, Dinge vorgeschoben werden, um sich nicht dem widmen zu müssen, das vorrangig getan werden sollte. Der Mensch versagt sich dadurch dem Anspruch der Zielgerichtetheit, die seine Persönlichkeit in einem hohen Maße trägt, indem er sich durch seine Trägheit selbst vernachlässigt.

Wir genießen und vergnügen uns, wie man eben genießt und sich vergnügt. Wir empören uns über das, was man empörend findet. Wir distanzieren uns von der Masse, wie man sich zu distanzieren pflegt. Dieses Man, diese Durchschnittlichkeit wacht über jede Ausnahme. Alles Ursprüngliche wird geglättet, alles Erkämpfte wird handlich, jedes Geheimnis verliert seine Kraft. Gleichheit, Transparenz, als Freiheit getarnte Verantwortungslosigkeit und als Individualität verbrämter Egoismus tragen das Ihre dazu bei. Der seiner Trägheit verfallene Mensch verschließt und entfremdet sich seiner Eigentlichkeit, indem er in die Bodenlosigkeit seiner Alltäglichkeit stürzt. Sich mit dieser tristen Belanglosigkeit abzufinden, kennzeichnet die gelungene Flucht vor dem Eigentlichen. Zwar können daraus Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit und Melancholie entstehen, doch bewirken sie oft nichts anderes als eine Lähmung des Aufschwungs aus der Dumpfheit und Saturiertheit des Alltags. Das ist die Trägheit des Herzens.