Die Flucht vor dem eigenen Sein

Bereits Origines nannte die Acedia den Nährboden, auf dem der δαίμων μεσημβρινός, der Mittagsdämon*, seine Gewächse sprießen lässt. Dazu zählt er:

   •   otiositas – Nichtstun, Müßiggang
   •   somnolentia – Schläfrigkeit
   •   importunitas – Rücksichtslosigkeit, Frechheit, Unverschämtheit, Schroffheit
   •   inquietudo – innere Rastlosigkeit
   •   pervagatio – Umherschweifen
   •   instabilitas mentis et corporis – Unbeständigkeit
   •   verbositas – Geschwätzigkeit
   •   curiositas – Neugier

Gregor der Große* nannte sechs Töchter des Überdrusses:

   •   malitia – Bosheit
   •   rancor – Groll, Auflehnung
   •   pusillanimitas – Kleinmütigkeit
   •   desperatio – Verzweiflung
   •   torpor circa praecepta – Stumpfheit gegenüber Regeln und Ratschlägen
   •   vagatio mentis circa illicita – Herumschweifen des Geistes im Verführerischen

Gregor nannte diesen Überdruss auch Traurigkeit. Diese unterschied er allerdings von jener Melancholie, welche jemanden befällt, der vor einem schweren und mühevollen Werk zurückweicht oder aus allen möglichen Gründen traurig ist. Die aus dem Überdruss entstandene Traurigkeit sah Gregor darin begründet, dass der Mensch mit seinen Begabungen hadert, jede Hoffnung ablehnt und die vor Augen liegenden Güter missachtet.



Albrecht Dürer, 1471 – 1528: Melencolia I

Thomas von Aquin* beschreibt als wichtiges Kennzeichen der Demut die Fähigkeit des Menschen, die eigenen Mängel zu erkennen. Nur so bewahrt er sich vor jener Überheblichkeit, welche das eigene Ich aufbläst und das Verhältnis zu den anderen Menschen empfindlich stört. Verachtet der Mensch aber das Gute, das er besitzt, gehört dies zur Undankbarkeit, die alles andere als ein Kennzeichen selbstkritischer Betrachtung ist. Aus einer solchen Verachtung entsteht eben jener Überdruss, vor dem Origines und Gregor warnten.

Dante Alighieri* eröffnet seine Commedia mit den Worten Auf der Hälfte des Weges unseres Lebens fand ich mich in einem finsteren Wald wieder, denn der gerade Weg war verloren*. Der der Acedia verfallene Mensch sieht seinen Horizont verdüstert und sich selbst hoffnungs- und ziellos in der Gegenwart verfangen. Jeder Ausweg scheint ihm versperrt. Dante schildert den Weg zum Licht, der ihn durch Inferno und Purgatorium führt.

Nach Blaise Pascal fliehen die Menschen vor jeglicher Muße, weil sie vor der Erkenntnis ihrer Situation fliehen. Diese sieht er durch Unbeständigkeit, Langeweile und Unruhe gekennzeichnet. Deshalb verfällt der Mensch der Zerstreuung, die zwar das Elend der Condicio humana zu verbergen sucht, jedoch die Spitze dieses Elends ausmacht. Pascal beschreibt das Grundübel des Menschen in einer Metapher. Alles Unheil komme von einer einzigen Ursache, nämlich dass der Mensch nicht in Ruhe in seinem Zimmer sitzen kann.
Diesem Grundübel setzte Pascal wahrhaftige Selbstsuche entgegen, welche von der Größe des Menschen vor dem Sündenfall übriggeblieben ist. Doch ist es das Unglück des Menschen, vor der Selbsterkenntnis in die Zerstreuung zu flüchten. Die daraus entstehende Trostlosigkeit widerspricht dem Verlangen nach einem glücklichen Leben und erzeugt Verzweiflung, mit welcher der Mensch leben müsse.

In seiner Schrift Die Krankheit zum Tode siedelt Sören Kierkegaard* das Dilemma des Menschen in der Sphäre des menschlichen Willens an. Die aufeinander zurückführbaren Formen der bewussten Verzweiflung, die des verzweifelten Selbstseinwollens und die des verzweifelten Nichtselbstseinwollens, sind Versuche eines Sich-los-werden-Wollens und zugleich Ausdruck für das Scheitern dieser Absicht. Sie bezeugen gerade, dass der Mensch sein Selbst nicht loswerden kann. Der Wille überwindet diese Verzweiflung durch die Selbstannahme des Menschen, wenn er, wie Kierkegaard hervorhebt, auf Gott hofft, obwohl es im Leben in dieser Welt keinen Grund dafür gibt. Dies zu ertragen, bedeutet Mensch sein.

Martin Heidegger* beschreibt in seinem Hauptwerk Sein und Zeit die Weltverfallenheit des Menschen als Flucht vor sich selbst. Die Flucht in das Gehäuse der Alltäglichkeit ist eine Flucht vor jener Unheimlichkeit, die den Menschen als ins Dasein geworfenen und auf den Tod hin entworfenen versteht. Es ist die Flucht vor der eigenen Verantwortung und der Erkenntnis der Todesverfallenheit.
Auch im vermeintlich Ewigen versteckt sich nur ein abgestelltes Vergängliches, abgestellt in die Leere. Solange das Dasein des Menschen an die von anderen ausgelegte Welt gekettet bleibt, verliert der Mensch rettungslos sein Fundament.
In seiner Schrift Holzwege bezieht sich Martin Heidegger auf ein paar Zeilen aus Rainer Maria Rilkes Sonette an Orpheus, welche die menschliche Situation beschreiben. Menschsein heißt leben angesichts der Gewissheit:

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.