Die Verderbnis des Ausruhens vor jeder Anstrengung

Als der Mensch anfing, von der Vernunft zu träumen und zu glauben, Entscheidungen zu treffen sei ein Segen statt ein Fluch, meinte er, alles rational begründen zu können.
Doch inzwischen sind diese Träume zerstoben. Die Skepsis gegenüber der Vernunft resultiert aus der unhaltbaren Behauptung, dass jede Erkenntnis auf Fakten zurückgeführt werden kann, die jeder Mensch zu erkennen fähig sei. Der Vernunft wird dadurch eine Macht zugewiesen, die sie nie erfüllen kann und deren Missbrauch ihre Spuren durch die Geschichte zieht. Die Erwartung, dass die Vernunft das von den menschlichen Sinnen gelieferte Material identifiziert und integriert, kann nie erfüllend sein.

Der Ansatz der antiken Mönchsregeln war ein anderer. Ausgangspunkt war die doppelte Gewissheit, die keine Erkenntnis war, dass der Mensch sich immer bereit halten müsse, morgen zu sterben und zugleich seinen Körper so zu pflegen, als ob man hundert Jahre alt würde. Wer seinem Leben eine feste Ordnung gibt, klug angeordnet im Wechsel von Arbeit und Muße, Spannung und Entspannung, der überwindet die Anfechtungen der Acedia.
Durch den Mangel an Zielstrebigkeit irrt jedoch der Mensch ins Belanglose ab. Diese Verfehlung wird als Ausschweifung ins Unzulässige (evagatio circa illicita) beschrieben, als eine Zerstreuung ins Einzelne, wodurch sich der Mensch seinem großen Horizont entzieht.



Peter Jalhea Furnius, 1540 – 1626: Acedia

Gemäß Isidor von Sevilla* gibt es zwei Formen der Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Vermessenheit. In ihnen gefriert das Menschliche, das allein in der Hoffnung zu gedeihen vermag. In der Verzweiflung verneint der Mensch seine eigene Sehnsucht, die zum Unzerstörbaren des Menschseins gehört. In der Vermessenheit maßt sich der Mensch an, seine Erfüllung oder wie man heute sagt, sein Glück erlangt zu haben, was jedoch angesichts des Todes eine kolossale Selbsttäuschung ist.

In der alten Mönchsliteratur besagt Acedia, dass der Mensch nicht das sein will, was Gott von ihm gedacht hat. Er will nicht sein, wer er wirklich ist. Der in der Acedia gefangene Mensch verliert den Willen, seine menschliche Größe mit all ihren Beschränkungen anzunehmen. Acedia ist die zur Untätigkeit verkommene Energie.

Den der Acedia verfallenen Menschen fehlt die Kraft, die Vergeblichkeit ihrer Situation zu erkennen, und der Schwung, sich daraus zu erheben. Sie werden zu Repräsentanten der Leere, zu Gespenstern des Begehrens, zu unentschlossenen Lüstlingen, die ewig auf ihre schalen Erfüllungen warten, und enden als Karikaturen ihres Menschseins.

An Sich

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir's gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.

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