Auflösung in die Leere

Walter oder Werner Jecken – der wirkliche Vorname ist nicht mehr rekonstruierbar – wurde am 30. Januar 1942 in Mistelbach, einer kleinen Bezirksstadt im Osten Österreichs, als Sohn eines Gemeindebediensteten und seiner Frau, die aus Norddeutschland stammte, geboren.

Seit er gelernt hatte, auf eigenen Beinen zu stehen, inmitten einer zusammenbrechenden und einer darauffolgenden Welt, war er bemüht, fast einem inneren Befehl gehorchend, perfekt zu sein. Er fertigte mit seinem kleinen Matadorbaukasten sinnlose, aber gut funktionierende Maschinen an. Dies fiel allerdings niemandem auf, da die Belanglosigkeit der Apparate ihre Perfektion in den Schatten stellte.

W. wuchs heran, wurde Schüler, wurde Lehrer und schließlich Direktor eines Gymnasiums in Wien. Nach der Beendigung seiner Berufslaufbahn widmete er sich mit großer Begeisterung seinen Computern und wird zum routinierten Nutzer des World Wide Web.

Eines Nachts liest er um 23.55 Uhr eine Nachricht der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, die sein Leben verändern wird. Die Universität betreut ein Forschungsprogramm, das den menschlichen Geist von seinem Gehirn, seinem Körper trennen soll. Alle Vorarbeiten waren abgeschlossen. Erstmals sollte der menschliche Geist aus dem Gefängnis des sterblichen Körpers befreit werden. Die Voraussetzungen waren erfüllt, um ein neues Zeitalter beginnen zu lassen. Die interdisziplinär arbeitenden Institute der Universität waren nun so weit, die nie für möglich gehaltene postbiologische Ära einzuläuten. Der menschliche Geist sollte nun, da alle physikalischen, chemischen und biologischen Grundbedingungen geschaffen waren, seine körperliche Bedingtheit überwinden.

W. ist fasziniert. Er greift sofort zu seinem Handy, um mit der Universität Kontakt aufzunehmen. Und es funktioniert. Er erhält sofort Informationsmaterial und in einer ersten Phase wird untersucht, ob er die wichtigsten Voraussetzungen für das Experiment erfüllt. W. gelangt schließlich in die engere Auswahl. Man ersucht ihn, in die USA zu kommen, um sich den entscheidenden letzten Tests zu unterziehen. Alle medizinischen und psychologischen Untersuchungen besteht er glänzend. Dadurch nähert sich der Zeitpunkt, um endlich das Experiment zu ermöglichen, den ersten Menschen, besser gesagt das, was man menschlichen Geist zu nennen pflegte, auf eine festplattenähnliche Kreation zu transformieren. Die Wissenschafter sind von W.s Kooperationsbereitschaft zunächst überrascht, dann aber fasziniert und begeistert.

Die notwendigen biochemischen und technischen Vorbereitungen wurden innerhalb von sieben Monaten abgeschlossen. Am 14. August um 12 Uhr Mittag wurde der erste Schritt in eine postbiologische Welt, die von denkenden, sich selbst organisierenden und verbessernden Maschinen beherrscht werden sollte, getan. W. wird in eine speziell entwickelte Nährlösung gelegt und nach siebzehn Minuten und zweiundzwanzig Sekunden so verdichtet, dass die Übertragung auf die Festplatte vorgenommen werden konnte. Das Experiment gelingt. Zwischen den Wissenschaftern und W. kann auf verblüffend unkompliziert erscheinende Weise kommuniziert werden. W. beschreibt seine neue Sicht der Wirklichkeit so anschaulich, dass eine fast religiöse Ergriffenheit bei den meisten Forschern spürbar wird.

Nach siebenunddreißig Stunden, zwei Minuten und elf Sekunden fällt dem diensthabenden Team der Wissenschafter eine gewisse Unwilligkeit W.s auf, seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit scheint abzunehmen. Im Rückgriff auf die Untersuchungen Milgrams, die als letzte Begründung für ihre Versuchspersonen immer die Floskel, die Wissenschaft will es so, benutzten, schafften es die am Experiment beteiligten Psychologen, W.s Unlust zu mäßigen und ihn zum Sprechen zu bringen. W. erzählt nun von seiner Faszination, die von den Zwischenräumen und leeren Feldern ausgeht. Schließlich bekennt er auch nach weiteren zwanzig Stunden und achtundvierzig Sekunden, dass sein höchstes Glück nur in Verbindung mit diesen Leerstellen erreichbar sein könne. Man versucht ihn mit allen Mitteln von seinen Phantasien abzubringen. Vergeblich. Seine Tendenzen, sich in die Leerstellen zu begeben, werden immer stärker und die Gespräche mit ihm brechen allmählich ab. Nach einer Stunde, einunddreißig Minuten und vierzehn Sekunden kann kein Kontakt mehr mit ihm festgestellt werden. W. hat seine Vollendung in der Leere gefunden.


   
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