3. ... der Glanz des Scheiterns

Nicht nur die menschliche Vernunft, auch das Neue Testament selbst erhebt die schwersten Einwände gegen das Lehrgebäude des dogmatischen Christentums.

Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloï, Eloï, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Hört, er ruft nach Elija! Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: Lasst uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt. Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei.

Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß, schreibt Goethe im dritten Kapitel des West-östlichen Divan. Doch ist es eine Gewissheit, die im Leben eines jeden Menschen immer deutlicher wird, dass er enden wird. Dieser Gewissheit stellt er sich, wenn er sich auf das Wagnis einer denkenden Existenz einlässt. Dies verleiht dem Erkennenden eine Ernsthaftigkeit, welche seine philosophische Einstellung und seine Moral prägt. Sie verleiht ihm eine tiefe Skepsis sowohl gegenüber Wahrheiten mit Letztgültigkeitsanspruch als auch einer Moral, welche sich überall Deutungshoheit anmaßt.

Der glückselige Gott und Markus 15, 33 - 38

Im Markusevangelium wird berichtet, dass die letzten Worte Jesu am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? waren. Weniger die Theologie, wohl aber die kirchliche Alltagsroutine zeigte sich dieser neutestamentlichen Grundwahrheit nicht gewachsen, man ignorierte sie oder verharmloste sie als Vorspiel der Auferstehung Jesu.

Joh 8, 1 - 11: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Geschrei und Wichtigtuerei der Schriftgelehrten stehen in einem bedenkenswerten Kontrast zum Ende dieser Erzählung. Am Schluss ist Jesus mit der Frau allein. Dem Lauten, dem Rechthaberischen und der Deutungshoheit der Pharisäer* steht nun die Ästhetik der Stille gegenüber, die es ermöglicht, dass die Frau die Herrschaft der Moralisierer überlebt und ihr Leben überdenkt.

Statt Geschrei Versenkung, statt des Auflaufs, den die Moralapostel veranstalten, stille Reflexion, statt der allgegenwärtigen Sexualisierung der sanfte Rat, wegzugehen und besser zu werden, statt moralischer Korrektheit ein mutiger Freiheitsbegriff.

Damit sind keine Institutionen zu gründen, kein Staat zu machen, keine Kirchen aufrecht zu erhalten, wohl aber wird das Höchste angesprochen, wozu Menschen imstande sind, das eigene Leben zu überdenken, um ein besserer Mensch zu werden.

Dieser feinen Humanität der Selbstverantwortung steht die Kreuzigungsszene gegenüber, welche das Scheitern in fast unüberbietbarer Dramatik thematisiert. Beide Szenen bilden die zwei Brennpunkte des Christentums: Humanität und Scheitern.

Die Verharmlosung des Christentums wird heute zunehmend von kirchlichen Amtsträgern mit eher kleinbürgerlichem Sozialisationshintergrund, von Mutti- und Vatitypen und nicht von Intellektuellen und Asketen betrieben. Deren Form von Religiosität zeitigt meist einen Wohlfühlgott mit dem eigenen schlechten Geschmack. Die europäischen Kirchen versinken so in die Harmlosigkeit karitativer Unternehmungen, welche sich durch nichts von anderen ihresgleichen unterscheiden.



Jan Brueghel der Ältere, 1525 – 1569: Christus und die Ehebrecherin