Akropolis






Drachme, Athen, 5. Jhd. vChr

... die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.*

Die ältesten Besiedlungsspuren auf der Akropolis* in Athen gehen weit in das dritte Jahrtausend vChr zurück. Die der Göttin Athene heilige Stadt machte eine einzigartige Entwicklung von der Monarchie zur Demokratie durch, wobei die aristokratische Oberschicht sehr lange politischen und wirtschaftlichen Einfluss besaß. Solon* schuf etwa um 594 vChr die Grundlagen der athenischen Demokratie. Herausragende Bedeutung erlangte Athen um 500 vChr nach dem Sieg über die Perser. Mit dem Aufstieg Mazedoniens im vierten Jahrhundert vChr begann die politische Bedeutung Athens zu sinken. Mit der römischen Eroberung durch Sulla im Jahre 86 vChr geriet Athen in jene Bedeutungslosigkeit, welche erst durch die Überwindung der Herrschaft des osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert beendet wurde.

Athen blieb jedoch auch in der römischen Kaiserzeit ein kultureller Mittelpunkt. Erst als 529 Kaiser Justinian I. die philosophische Akademie schließen ließ, fiel Athen nach der politischen auch in die kulturelle Bedeutungslosigkeit.

In der Antike besaßen die Griechen zu keiner Zeit einen Priesterstand, der über gesellschaftliche Macht oder geistige Prägekraft verfügte. Daher hat die Priesterschaft nie die Entfaltung freien Denkens entscheidend beeinflusst wie etwa in Ägypten. Auch gab es keine mit prophetischem Anspruch Auftretende, welche eine Weiterbildung religiöser Ideen zu politisch-geschichtsinterpretatorischen Denksystemen betrieben wie etwa Zarathustra in Persien.

Es gibt bis heute keine hinreichende Erklärung für die erstaunliche Tatsache, dass sich zwischen 550 vChr und 529 nChr in Griechenland, und hier besonders in Athen, der menschliche Geist von der Religion löste und begann, mit selbständigem und vernunftmäßigem Denken das Dasein zu verstehen. Diese Entwicklung vollzog sich ungebrochen auch in der Zeit des politischen Niedergangs. Auch in der Dämmerung des Verlustes der politischen Unabhängigkeit hat die Eule der Athene ihren Flug ungehindert entfaltet.

Den Griechen wurde bei ihren Kontakten zu anderen Kulturen immer mehr bewusst, dass das Selbstverständliche und scheinbar Unverrückbare auch anders konzipiert werden könne. Die Griechen verfielen nicht einem ratlosen Relativismus, sondern begriffen alles mit ihren eigenen Kategorien, die sie zwar in Frage stellten, aber akzeptierten, wenn sie nichts Besseres an ihre Stelle setzen konnten. Diese Sichtweise könnte differenziert dargelegt werden, doch wird hier eine Beschränkung auf drei „Gründergestalten“ vorgenommen, welche in einzigartiger Weise den griechischen Geist repräsentieren.

Herodot* repräsentiert die außerordentliche Bereitschaft und Fähigkeit der Griechen zur Ernsthaftigkeit, wenn es darum geht, das Fremde zu verstehen. Das Bemühen, das seine Schriften trägt, sich in Fremdes hineinzudenken, resultierte aus der in Griechenland nicht zuletzt wegen der zahlreichen Handelsbeziehungen so weit verbreiteten Offenheit gegenüber dem Anderen und Fremden.

Thukydides* repräsentiert die Fähigkeit zur Selbstkritik des gesamten politischen Systems der athenischen Politik. Für ihn war Selbstkritik die Voraussetzung eines Wandels zum Besseren. Illusionslose Analyse kennzeichnet das Werk des Thukydides, nicht Moralismus und Empörungsattitüden, die bevorzugten Posen der Gegenwart.

Platons Erkenntnis, dass das letzte Prinzip der Wirklichkeit jenseits vom Sein liegt, schockiert das postmetaphysische Denken bis in die heutige Zeit. Ratlos bis ablehnend steht man heute der platonischen Auffassung gegenüber, dass die Voraussetzung für Erkenntnis zunächst eine Umkehr der Seele ist. Eine Erfolgsgarantie in wahre philosophische Erkenntnis ist nicht erzwingbar. Um Missverständnisse zu meiden, hat Platon es abgelehnt, die entscheidenden letzten Stufen seiner Prinzipienlehre schriftlich darzulegen. Denn ein Buch kann immer missverstanden und missbraucht werden. Wohl aber berichten seine Schüler, nicht zuletzt Aristoteles, von seiner nur mündlich vorgetragenen Lehre über die entscheidenden letzten Stufen seiner Dialektik* und Prinzipienlehre in der Akademie von Athen. In den platonischen Dialogen stellt Sokrates eine ungeprüfte Meinung in Frage und widerlegt sie. Oft wird in so einem dialektischen Gespräch nur bewiesen, dass die alte These zu verwerfen ist, aber eine neue nicht gefunden wurde. Nicht zuletzt wegen dieser scheinbaren Ausweglosigkeit entwickelte Platon seine Ideenlehre.
Sie stellt den historisch erstmals gemachten Versuch dar, auf das rein Denkbare zuzugreifen. Erstmals erkennt Platon, dass es Dinge gibt, die nicht körperlicher Natur sind. Sie können durch die Sinneswahrnehmungen nicht erfasst und trotzdem kann ihre Wirklichkeit nicht bezweifelt werden. Platon erkannte, dass nicht alles in Raum und Zeit existiert. Das Vermögen der Ideenerkenntnis unterscheidet die Menschen. Die die Ideen erkennen, haben Zugang zur eigentlichen Wirklichkeit, der Mensch des Normalbewusstseins, der nur die Erscheinungen der Ideen in den Einzeldingen kennt, bleibt in einer Art Traumwelt befangen. In erstaunlicher Klarheit legt Platon dies im Höhlengleichnis seiner wohl wichtigsten Schrift Politeia dar.

Offenheit, Selbstkritik und Dialektik mit ihrem Verweis auf das Vermögen der Ideenerkenntnis sind nur drei der im antiken Athen entstandenen Sichtweisen.

   


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