Pieter Bruegel der Ältere (1525 – 1569): Die niederländischen Sprichwörter
Gemäldegalerie Berlin, Detail

Das Nichts im Innern

Dreißig Speichen gehören zu einer Nabe,
doch erst durch das Nichts in der Mitte
kann man sie verwenden;
man formt Ton zu einem Gefäß,
doch erst durch das Nichts im Innern
kann man es benutzen;
man macht Fenster und Türen für das Haus,
doch erst durch ihr Nichts in den Öffnungen
erhält das Haus seinen Sinn.

Somit entsteht der Gewinn
durch das, was da ist,
erst durch das, was nicht da ist.

(Lao Tse)
*

Spätestens seit dem 17. Jahrhundert wurde dieses Nichts oder das, was die Religion als das Göttliche oder die Philosophie als das Metaphysische bezeichnete, immer mehr an den Rand gedrängt.

Descartes* unterschied zwischen einer provisorischen und einer definitiven Moral. Für ihn gehörten zu den Maximen einer provisorischen Moral – er erwartete, dass die Wissenschaft in naher Zukunft eine definitive Moral begründen würde – Gehorsam gegenüber den Gesetzen eines Landes und der herkömmlichen Religion, Vermeidung von Extremen und Anpassung, die Wahl des Wahrscheinlichen, wo Gewissheit nicht zu haben ist, die Unterordnung der eigenen Wünsche unter das Unvermeidliche und Beschränkung auf die eigenen Gedanken als das, was in der eigenen Macht liegt.*
Mit dieser provisorischen Moral ließ sich lange leben. Doch spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zerbrach der diesbezügliche Konsens in Europa.
Die entscheidenden Sichtweisen von René Descartes blieben jedoch bestehen und prägen das Wissenschaftsbild bis heute.
Aus der Idealisierung der Wissenschaft erwuchs jene Vorstellung, welche meinte, dass eine allen einsichtige Moral gefunden werden könne, welche aus sachgemäßen Verhaltensnormen abgeleitet und ohne Zwang von allen verbindlich akzeptiert würde.

Doch wird es zu einer solchen endgültigen Moral nie kommen. Es wird nicht einmal bei der vorläufigen bleiben.*
Wie sollte auch das menschliche Dasein in seiner Vielschichtigkeit restlos durch Gründe dargestellt und noch dazu von allen akzeptiert werden?
Um dies zu verdeutlichen, sei etwa auf die Tatsache der immer länger werdenden Lebenserwartung verwiesen, welche viele Fragen aufwirft. Denn es ist nicht undenkbar, dass eines Tages die verlängerten Leben die Lebenden ersticken. Das Alter könnte zum Albtraum werden, wenn die Jüngeren sich dagegen auflehnen, es zu ertragen.*

Die Regeln der Moral sind nicht Ergebnisse unserer Vernunft.*
Unsere Moralregeln entwickelten sich ebenso wie andere Grundlagen unserer Kultur gleichzeitig mit unserer Vernunft, nicht als deren Ergebnis. So erstaunlich und widersinnig die Bemerkung erscheinen mag: Unsere Moral übersteigt die Fähigkeiten der Vernunft* .