Pieter Bruegel der Ältere (1525 – 1569): Die niederländischen Sprichwörter
Gemäldegalerie Berlin, Detail

Die große Illusion


Der Glaube an die Veränderbarkeit, Verbesserungsfähigkeit und Therapierbarkeit des Menschen ist eine der großen Illusionen materialistischen Denkens.

In seiner 1793 verfassten Abhandlung Esquisse d’un tableau historique des progrès de l’esprit humain (→Text) schrieb der Marquis de Condorcet, der schließlich selbst dem Terror der Jakobiner zum Opfer fiel: „Sie wird also kommen, die Zeit, da die Sonne hienieden nur noch auf freie Menschen scheint, Menschen, die nichts über sich anerkennen als ihre Vernunft; da es Tyrannen und Sklaven, Priester und ihre stumpfsinnigen oder heuchlerischen Werkzeuge nur noch in den Geschichtsbüchern und auf dem Theater geben wird; da man sich mit ihnen nur noch befassen wird, um ihre Opfer zu beklagen und die, die sich zum Narren machten; um im Gefühl des Schreckens über ihre Untaten sich in heilsamer Wachsamkeit zu erhalten und den Blick zu schärfen für die ersten Keime des Aberglaubens und der Tyrannei, damit diese unter dem Gewicht der Vernunft erstickt werden könne, sobald es ihnen gelingen sollte, wieder hervorzubrechen!*

Diese Auffassung, welche ignoriert, dass der Mensch die Wirklichkeit nur im Rahmen seiner begrenzten Erkenntnisfähigkeit ergründen kann, denunziert jeden Zweifel am Rationalismus als irrational. Dabei hat der skeptische Standpunkt, welcher in Frage stellt, dass die Wirklichkeit so strukturiert ist, dass der Mensch sie voll erfassen kann, zumindest gleichgewichtige Vernunftgründe wie die vermeintlichen Rationalisten.

Aus den wissenschaftsgläubigen Prämissen der Aufklärung und den alten Traditionen des religiösen Bewusstseins entstanden jene kulturellen und politischen Kräfte, die bis heute die europäische Gegenwart prägen. Diese beiden Tendenzen scheinen zu einer weltanschaulichen Polarisierung zu führen, die an Unerbittlichkeit noch zunimmt.
Dabei wären Ende des 18. Jahrhunderts die Voraussetzungen so günstig wie selten gewesen, die Wissenschaften in ihre Unabhängigkeit von Kirche und Staat zu entlassen und gleichzeitig den Machtanspruch der Religion zu beenden, ohne die religiöse Dimension des Menschen zu missachten. Doch bis heute gehört es zum liberalen und sozialistischen Jargon, dass die Religion den Pfad des Fortschritts blockiert * .

Dass sich Europa der Grenzen des Wissens und des Glaubens nicht genügend bewusst wurde, ließ jenen Nährboden entstehen, welcher im 19. Jahrhundert gepflegt wurde und die Exzesse des totalitär-ideologischen 20. Jahrhunderts hervorbrachte.