Vom Minderertrag der Vernunft zur Relevanz der Metapher



Pieter Bruegel der Ältere (1525 – 1569):
Die niederländischen Sprichwörter
Gemäldegalerie Berlin, Detail


Jacob Taubes* sprach bei der Beschreibung der geistigen Situation im Deutschen Reich Anfang der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts von einem Exzess. Er meinte, dass die meisten Zeitgenossen der Möglichkeit beraubt waren, das zu verstehen, was der Nationalsozialismus war, weil sie ihn bloß als neue Facette der Umwälzungen seit 1914 betrachteten und nicht erkannten, dass er in jeder Hinsicht ein Exzess war.

Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus* beginnt mit dem Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Jacob Taubes formulierte ihn um, weil er die säkulare Philosophie als eine antitheologische Spitze betrachtete, die es abzubrechen gilt. Der größte Irrtum der säkularen Philosophie sei es, den Menschen als von Natur aus gutes Wesen hinzustellen und das Böse zu leugnen. Taubes’ Version des Wittgenstein-Satzes lautete daher: „Die Welt ist alles, was der Sündenfall ist.“

Der Minderertrag allen Fortschritts- und Machbarkeitsglaubens liegt darin, dass die Endlichkeit des Lebens zwar als eine Tatsache hingenommen wird, aber meist verdrängt wird. Stellt man sich jedoch ernsthaft dieser Realität verblasst der Glanz des Fortschritts, wenn der Mensch die Enge seiner Zeit wahrnimmt. Diese den Menschen überfordernde Grenze entzieht sich der Darstellung der Vernunft, findet aber in Metaphern ihren zureichenden Ausdruck.

Metaphern zeigen ein auf Erfahrung beruhendes Wirklichkeits- und Existenzverständnis, das nur in Form bildlicher Rede aussagbar ist. Eine von sich selbst überzeugte Wissenschaft setzt die Metapher immer dem Verdacht aus, sie sei - in Konkurrenz zu Begriffen – Ausdruck für unklares Denken, erkenntnisverschleierndes Blendwerk, Dekoration, Relikt einer überholten Weltsicht, überhaupt eine primitive Ausdruckform, die auf den „Begriff“ gebracht werden kann und muss. Denn der Begriff wird als einzige legitime Form von Logik und definitorischer Klarheit als das dem Menschen Gemäße angesehen.

Doch dieser Selbstverblendung sei keine Deutungshoheit gewährt.

Friedrich Nietzsche widersprach in seiner Schrift Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne aus dem Jahre 1873 den Anmaßungen der Vernunftverherrlicher:
Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem großen Kolumbarium der Begriffe, der Begräbnisstätte der Anschauungen, baut immer neue und höhere Stockwerke, stützt, reinigt, erneut die alten Zellen und ist vor allem bemüht, jenes ins Ungeheure aufgetürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische Welt, das heißt die anthropomorphische Welt, hineinzuordnen. Wenn schon der handelnde Mensch sein Leben an die Vernunft und ihre Begriffe bindet, um nicht fortgeschwemmt zu werden und sich nicht selbst zu verlieren, so baut der Forscher seine Hütte dicht an den Turmbau der Wissenschaft, um an ihm mithelfen zu können und selbst Schutz unter dem vorhandenen Bollwerk zu finden. Und Schutz braucht er: denn es gibt furchtbare Mächte, die fortwährend auf ihn eindringen und die der wissenschaftlichen "Wahrheit" ganz anders geartete "Wahrheiten" mit den verschiedenartigsten Schildzeichen entgegenhalten.
Jener Trieb zur Metapherbildung, jener Fundamentaltrieb des Menschen, den man keinen Augenblick wegrechnen kann, weil man damit den Menschen selbst wegrechnen würde, ist dadurch, daß aus seinen verflüchtigten Erzeugnissen, den Begriffen, eine reguläre und starre neue Welt als eine Zwingburg für ihn gebaut wird, in Wahrheit nicht bezwungen und kaum gebändigt. Er sucht sich ein neues Bereich seines Wirkens und ein anderes Flußbette und findet es im Mythus und überhaupt in der Kunst. Fortwährend verwirrt er die Rubriken und Zellen der Begriffe, dadurch daß er neue Übertragungen, Metaphern, Metonymien hinstellt, fortwährend zeigt er die Begierde, die vorhandene Welt des wachen Menschen so bunt unregelmäßig, folgenlos unzusammenhängend, reizvoll und ewig neu zu gestalten, wie es die Welt des Traumes ist. An sich ist ja der wache Mensch nur durch das starre und regelmäßige Begriffsgespinst darüber im klaren, daß er wache, und kommt eben deshalb mitunter in den Glauben, er träume, wenn jenes Begriffsgespinst einmal durch die Kunst zerrissen wird. Pascal hat recht, wenn er behauptet, daß wir, wenn uns jede Nacht derselbe Traum käme, davon ebenso beschäftigt würden als von den Dingen, die wir jeden Tag sehen ...

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