Der edelste, verständigste und gerechteste Mensch



Maurizio Cattelan (geb. 1960 in Padova)

Platon schildert in seinem Dialog Phaidon*, wie Sokrates, nur von seinen Freunden umgeben, den Schierlingsbecher trinkt. Damit wurde 399 vChr das Todesurteil, das die Athener über Sokrates gesprochen hatten, vollstreckt.

Darauf winkte denn Kriton dem Knaben, der ihm zunächst stand, und der Knabe ging hinaus, und nachdem er eine Weile weggeblieben, kam er und führte den Mann herein, der ihm den Trank reichen sollte, welchen er schon zubereitet im Becher brachte. Als nun Sokrates den Mann sah, sprach er: „Mein Bester, da du dich darauf verstehst, wie muss man es machen?“ „Nichts weiter“, sagte der, „als wenn du getrunken hast, herumgehen, bis dir die Schenkel schwer werden, und dann dich niederlegen, so wird es schon wirken.“ Damit reichte er dem Sokrates den Becher, und dieser nahm ihn und ganz getrost, ohne im mindesten zu zittern oder Farbe oder Gesichtszüge zu verändern, sondern so, wie er es immer tat, sah er den Mann ganz gerade an und fragte ihn: „Was meinst du, kann man von dem Trank auch eine Spende opfern? Darf man davon eine darbringen oder nicht?“ „Wir bereiten nur so viel zu, Sokrates“, antwortete der, „als wir glauben, dass hinreichend sein wird.“ „Ich verstehe“, sagte Sokrates. „Beten aber darf man doch zu den Göttern - und muss es -, dass die Wanderung von hier dorthin glücklich sein möge. Und darum bete ich jetzt, und so möge es geschehen.“ Und wie er dies gesagt, setzte er an, und ganz frisch und unverdrossen trank er aus.

Und von uns waren die meisten bis dahin ziemlich imstande gewesen sich zu halten, dass sie nicht weinten; als wir aber sahen, dass er trank und getrunken hatte, nicht mehr. Sondern auch mir selbst flossen Tränen mit Gewalt, und nicht tropfenweise, so dass ich mich verhüllen musste und mich ausweinen, nicht über ihn jedoch, sondern über mein eigenes Schicksal, welch’ edlen Freund ich nun verlieren sollte. Kriton war noch eher als ich beiseite getreten, weil er nicht vermochte, die Tränen zurückzuhalten. Apollodoros aber, der schon vorher nicht aufgehört hatte zu weinen, schluchzte jetzt laut auf unter seinen Tränen und brach mit seinem Gram uns Anwesenden allen das Herz außer Sokrates selbst. Der aber sagte: „Was macht ihr doch, ihr wunderlichen Leute? Ich habe besonders deswegen die Frauen weggeschickt, dass sie nicht in diesen Fehler verfallen möchten; denn ich habe immer gehört, man müsse stille sein, wenn jemand stirbt. Also haltet euch ruhig und standhaft.“ Als wir das hörten, schämten wir uns und hielten inne mit dem Weinen. Er aber ging umher, und als er merkte, dass ihm die Schenkel schwer wurden, legte er sich gerade hin auf den Rücken; denn so hatte es ihn der Mann geheißen. Darauf berührte ihn eben dieser, der ihm das Gift gegeben hatte, von Zeit zu Zeit und untersuchte seine Füße und Schenkel. Dann drückte er ihm den Fuß stark und fragte, ob er es fühle; er sagte nein. Und darauf die Knie, und so ging er immer höher hinauf und zeigte uns, wie er erkaltete und erstarrte. Darauf berührte er ihn noch einmal und sagte, wenn ihm das bis ans Herz käme, dann werde es ausgehen. Als ihm nun schon der Unterleib fast ganz kalt war, da enthüllte er sich, denn er lag verhüllt, und sagte, und das waren seine letzten Worte: „Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig; entrichtet ihm den und versäumt es ja nicht.“ „Das soll geschehen“, sagte Kriton, „sieh aber zu, ob du noch sonst etwas zu sagen hast.“ Als Kriton dies fragte, antwortete er aber nichts mehr, sondern bald darauf zuckte er, und der Mann deckte ihn auf; da waren seine Augen gebrochen.

Als Kriton das sah, schloss er ihm Mund und Augen. Dies, Echekrates, war das Ende unseres Freundes, des Mannes, der nach unserem Urteil von allen seinen Zeitgenossen, die wir erprobt haben, der edelste, verständigste und gerechteste war.


   
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