Die Rede



Gottfried Schadow, 1764 – 1850, Sokrates im Kerker, 1800, Staatliche Museen zu Berlin

Sokrates beginnt seine Rede, nachdem seine Ankläger ihn der Gottlosigkeit und der Verführung der Jugend beschuldigt hatten, mit dem Hinweis, dass es Aufgabe der Richter sei, darauf zu achten, ob das recht ist, was er sagt, und sein Teil sei es, allein der Wahrheit verpflichtet zu sein.

Selbstironisch nennt er seine nun folgende Bemerkung vorlaut. Das delphische Orakel hatte verkündet, dass keiner weiser als Sokrates sei. Er legt nun seine eigene Deutung dieses pythischen Spruches dar. Wissensmäßig, meint er, bestehe kein Unterschied zwischen ihm und den anderen Menschen. Was ihn jedoch von den meisten unterscheide, sei seine Gewissheit, letztlich nichts zu wissen.
Zunächst habe er den in diesem Sinne verstandenen Orakelspruch bei den Politikern überprüft, dann bei den Dichtern und Handwerkern. Bei den Poeten merkte er schnell, dass sie nicht aufgrund ihrer Weisheit dichteten, sondern durch eine, wie er es nennt, Naturgabe. Trotzdem erliegen viele von ihnen der Überzeugung, dass sie um ihrer Dichtung willen auch in allem übrigen weise Männer seien.
Auch bei den Handwerkern untersuchte Sokrates den Orakelspruch. Doch auch bei diesen stellte er fest, dass die meisten meinten, weil sie ihr Handwerk gründlich beherrschen, auch in allen übrigen Dingen weise zu sein. Diese Torheit der Selbstüberschätzung verdecke bei allen die Weisheit, bei den Politikern, den Dichtern, den Handwerkern.
Sokrates gibt dem Spruch der Pythia nun eine allgemeine Bedeutung. Er sagt, dass jener der Weiseste ist, der wie er selbst einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt.
Sokrates weist nun darauf hin, dass sein Bestehen auf dieser Erkenntnis die Zahl von Männern anwachsen ließ, welche ihm wegen seines Erfolges bei der Jugend mit dieser vermeintlichen Geringschätzung des Establishments zürnten. Er habe sich jedoch nie als irgend jemandes Lehrer betrachtet.

Weiterhin sieht er sich als einen, der herumgeht, um jung und alt zu überreden, nicht für den Leib und für den Reichtum mehr zu sorgen als für die Seele. Als Zeugen für sein uneigennütziges Interesse an der Tugend führt er nur einen an, seine eigene Armut.

Er begründet seine Weigerung, ein öffentliches Amt zu übernehmen, damit, dass wer für die Gerechtigkeit streiten will, ein zurückgezogenes Leben führen müsse, kein öffentliches, um Anfeindungen zu entgehen.

Sokrates erwähnt auch, dass er sich von keiner Regierung der Athener je einschüchtern oder gegen seine Überzeugung zu etwas überreden oder zwingen ließ.

Würden die Anschuldigungen der Athener zutreffen, würden doch einige jener, welche er angeblich verdorben habe, nun aufstehen und ihn anklagen.

Beiläufig erwähnt er noch, dass manche, welche sich etwas dünken, sich vor Gericht absonderlich anstellten, da sie meinten, es würde ihnen Arges begegnen, wenn sie sterben müssten, gleich als würden sie unsterblich sein, würden sie nicht hingerichtet.

Er betrachtet sich als zu gut, sein Leben mit Reichtum, Ämtern oder Parteien zu verplempern. Vielmehr rühmt er sich, mit nichts von all dem sich je eingelassen zu haben. Das größte Gut sei es, täglich sich über die Tugend zu unterhalten, denn ein Leben ohne Selbsterforschung verdiene es nicht, gelebt zu werden.

Sokrates schließt seine Verteidigungsrede nach einigen Überlegungen über den Tod mit der beiläufigen Bemerkung:
… es ist nun Zeit, dass wir gehen, ich, um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer aber von uns zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist allen verborgen außer nur Gott.

   


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