Das Gute um seiner selbst willen


Leo von Klenze, 1784 – 1864, Ansicht der Akropolis und des Areopag, Pinakothek München

Sokrates kannte kein Halten, wenn es darum ging, was fromm, was gottlos, was schön, was schimpflich, was gerecht, was ungerecht sei, worin die Besonnenheit und die Tollheit, die Tapferkeit und die Feigheit bestehen oder wie ein Staat und die ihn Regierenden beschaffen sein müssen. Es ging immer um die Frage, was einen guten und edlen Menschen ausmacht.

Seine Argumentation war von einer tiefen Skepsis gegenüber allen schnellen Antworten durchdrungen. Doch ihm genügte nicht die Infragestellung der Tradition und des scheinbar Selbstverständlichen. Er war sich sicher, dass ihn eine innere Stimme leitete, die ihn von schlechten Handlungen abhielt. Diese Stimme nannte er daimonion* .

Sokrates war kein Lehrer allgemeiner Sätze, die sich aus seinem Nachdenken ergeben hätten. Vielmehr war er stets auf jene Menschen bezogen, mit denen er täglich in Athen auf den Marktplätzen, auf dem Areopag* , in der Öffentlichkeit oder bei privaten Einladungen zu tun hatte und mit denen er lange Gespräche führte. Die Kraft, die von ihm ausging, war nicht die Brillanz einer raffinierten Lehre, sondern seine unerschütterliche Überzeugung, die er bis zu seinem Tod vorlebte, dass der Mensch innerlich frei sein kann, wenn er das Gute um des Guten willen anstrebt und tut. Wahrheit ist für ihn keine Sache des Wissens, sondern die Bereitschaft, auf jene innere Stimme zu hören, die ihn zum Guten treibt. Dabei entsteht kein überlegenes Wissen, sondern eine Haltung.

Das Einzigartige des Sokrates ist schwer zu verstehen, weil wir davon geblendet werden. Zunächst könnte man meinen, es gehe um Leben und Tod, doch allmählich wird klar, Sokrates ging es in seiner Verteidigungsrede um die Wahrheit des Individuums gegen die Herrschaft der gesellschaftlichen Gewissheiten.

   


Seitenanfang
Seitenende