Schweigen und Erkenntnis

Gegen die Worte Friedrich Hölderlins aus seinem Gedicht Andenken ist wohl nichts einzuwenden:

Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu sein. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung ...

Doch ebenso ist zu bedenken, was Lorenz Jäger in der FAZ über den 2015 verstorbenen Philosophen Michael Theunissen¹ berichtete. Dieser hatte sich in seinen letzten Lebensjahren völlig zurückgezogen und war für niemanden mehr zu sprechen. Er ließ alle Versuche, ihn zu erreichen, ins Leere gehen ...

In seiner Vorrede zum zweiten Band von Menschliches, Allzumenschliches schreibt Friedrich Nietzsche, dass man nur reden soll, wo man nicht schweigen darf. Außerdem solle man nur von dem reden, was man überwunden habe. Alles andere sei meist Geschwätz und Mangel an Selbstzucht. Weiters meint er, dass der Mensch darüber hinaus sei, wofür er Worte habe. Die größten Ereignisse seien nicht in den lautesten, sondern in den stillsten Stunden. Obwohl der Mensch in der Sprache lebt, gibt es Bereiche, die nur durch das Schweigen ihren adäquaten Ausdruck finden, etwa Schönheit, die sprachlich nie voll erfasst werden kann.

So sehr Nietzsches Sicht vom Übermenschen das Schweigen als eine Art Weltüberwindung auf lichten Höhen preist, so kann das Schweigen auch Ausdruck einer unüberwindbaren Einsamkeit sein, welche aus der Unerkennbarkeit der Wirklichkeit entsteht.

Beim plötzlichen Schweigen, welches aufgrund der Erkenntnis entsteht, dass wir einmal nicht da waren und dereinst nicht mehr da sein werden, handelt es sich um ein jedes Sprechen zum Verstummen bringendes.

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1) Seine beiden wichtigsten Publikationen sind seine Habilitationsschrift Der Andere aus dem Jahre 1965 und die im deutschen Sprachraum wohl tiefgründigste Studie über den antiken griechischen Dichter Pindaros (522 – 442) aus dem Jahre 2000.




   


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