Von Bildern, Weinen und Stoffen



Hotel de Ville, Paris

In erster Linie ist Kultur Wissen und Bewusstsein von der individuellen und sozialen Herkunft. Wer sich selbst nicht kennt, wer kein Bewusstsein von der eigenen Tradition hat, ist kulturlos. Ich kenne niemanden, der dieses Bewusstsein überzeugender repräsentiert als Madame. Als junger Mann wurde ich von ihr angestellt. Als Chauffeur. Sie nahm nur Leute aus den Dörfern der Umgebung des Schlosses. Dabei schien sie die zu bevorzugen, deren Familien schon seit Generationen im Schloss ihre Dienste versehen hatten. Wenn sich jemand aber etwas zuschulden kommen ließ, wurde er entlassen und hatte keine Chance mehr. Meine Arbeit hatte zwei Vorteile. Ich arbeitete an vier Tagen in der Woche, von acht Uhr morgens bis manchmal spät in die Nacht hinein. Dies bescherte mir drei freie Tage. Da man sehr freundlich zu mir war, fiel es mir sehr leicht, die Atmosphäre des Hauses wie einen Einstieg in eine mir bisher verschlossene Welt wahrzunehmen. Bei meinem Anstellungsgespräch hatte Madame gesagt, dass sie von mir größte Diskretion erwarte. Bald merkte ich, dass sie und ihre Familie nichts zu verbergen hatten, ihr war nur jedes Gerede zuwider. Ich spürte bald, dass sie mich sehr mochte und ich freute mich, dass sie den Respekt, den ich ihr entgegenbrachte, auf ihre unnachahmliche Weise erwiderte.

Es war in den ersten Wochen, nachdem Monsieur zum Bürgermeister gewählt worden war. Monsieur war der zehnte Bürgermeister seit dem Sturm auf die Bastille im Jahre 1789. In sein Amt war er nicht ohne geschicktes und risikoreiches Taktieren gelangt. Sein Arbeitszimmer, ein Eckraum von hundertfünfzig Quadratmetern im ersten Stock des Hotel de Ville ist das größte Amtszimmer der Hauptstadt. Jeder Besucher, der sich dem Schreibtisch nähert, muss eine Achtungsdistanz überwinden. Drei hohe Fenster geben den Blick nach Süden auf den Fluss und die Kathedrale Notre-Dame frei. Das Reiterdenkmal des Stadtführers Etienne Marcel unter den Fenstern erinnert an den Kampf der Stadt gegen die Königsmacht im 14. Jahrhundert. Das vierte Fenster öffnet sich nach Westen zum Rathausplatz. Von diesem Fenster aus hatte General de Gaulle im August 1944 die Bevölkerung des befreiten Paris gegrüßt. Monsieur ließ den Vorplatz für den Autoverkehr sperren.

Nicht nur das Amtszimmer war beeindruckend, sondern auch die übrigen Repräsentationsräume, in denen bis zu achttausend Gäste Platz finden. Dazu kamen noch die Büros und die Dienstwohnung mit ihren sechshundert Quadratmetern Wohnfläche. Lange hatte man sich um die Instandhaltung wenig gekümmert. Unterstützt von erstklassigen Fachleuten machte sich Madame an die Renovierung aller Räume, beginnend mit dem Arbeitszimmer. Zehntausende potenzieller Wähler erhielten im Lauf eines Jahres die begehrte Einladung zu einem Empfang im Rathaus, von denen oft mehrere nacheinander abliefen.

Monsieur und Madame hatten ihren ersten wichtigen Termin wahrzunehmen, der vier Tage in Anspruch nehmen und sie nach Wien führen sollte. Die persönlichen Assistenten, zwei Leibwächter und ich bildeten die Begleitung. Am ersten Tag hatte ich einige Stunden frei und da mein Hotel in der Nähe des Kunsthistorischen Museums lag, entschloss ich mich zu einem Besuch. Es fiel mir ein Bild auf, das ich nie mehr vergessen habe. Es war von Wolfgang Hombach, einem deutschen Maler des siebzehnten Jahrhunderts, der taub und stumm gewesen war. In einem unscheinbaren Seitentrakt dieses lieblos geführten, aber großartigen Museums fiel es mir zufällig auf. Das Bild war ein kleines, längliches Format und zeigte ein feierliches Essen, das am Wiener Hof für den Gesandten des osmanischen Reiches und sein Gefolge gegeben worden war. Der Maler hatte mit großer Sorgfalt unzählige Details dieses Ereignisses festgehalten, angefangen von den kostbaren Gobelins an den Wänden über die prunkvolle Kleidung der dargestellten Personen bis zu den Einzelheiten der Tafel, den Trinkbechern, den Speisen und dem glitzerndem Tafelgeschirr. Ich war von der Genauigkeit der kleinsten Dinge des Bildes, das etwa neunzig Zentimeter lang und fünfzig breit war, hingerissen. Am meisten fesselten mich die Stoffmuster, die eine photographische Genauigkeit zu erreichen schienen. Ich ging so nahe wie möglich an das Bild heran und machte mit meiner kleinen Kamera ein paar Aufnahmen. Im nächsten Augenblick stürzte sich ein schrecklicher Museumswärter auf mich und schrie in seiner unverständlichen Sprache auf mich ein. Ich musste ihm den Film aushändigen. Fluchtartig und verärgert verließ ich das Museum.

Am nächsten Tag gab es für Monsieur einen vollgestopften Terminkalender, dem sich Madame nicht beugen wollte, und sie forderte mich auf, sie ins Kunsthistorische Museum zu bringen und sie durch die Säle zu begleiten. Ich war über diese sich so schnell ergebende nochmalige Gelegenheit, das Museum zu betreten, hoch erfreut und stimmte sofort zu. Doch Madame musste irgendetwas in meinem Verhalten aufgefallen sein und sie wollte wissen, was die Ursache dafür sei, wo ansonsten routinierter Gleichmut herrschte. Ich erzählte ihr von meiner vortägigen Entdeckung des mir unbekannten Malers und seines großartigen Bildes, verschwieg aber den Vorfall mit dem Museumswächter. Sie war nicht wenig überrascht, als wir dann beide vor dem zunächst so unscheinbar wirkenden Bild standen. Wir übertrafen einander durch unsere Hinweise auf die Feinheiten des Bildes dieses fast vergessenen großen Malers und ich spürte wieder, wie die Zuneigung von Madame zu mir eine Steigerung erfuhr.

Am Tag nach unserer Rückkehr aus Wien ließ mich Monsieur in sein prachtvoll renoviertes Büro rufen. Er fragte mich, was ich davon hielte, den Weinkeller, den er in seiner Residenz einzurichten begonnen hatte, zu betreuen. Ich könne unter Berücksichtigung der amtlichen Termine meine Arbeitseinteilung selbst vornehmen. Er habe bemerkt, dass meine Fähigkeiten durch meine bisherige Tätigkeit nicht wirklich ausgeschöpft würden. Er wolle mir völlig freie Hand lassen. Einmal im Monat müsse ich Madame über meine Einkäufe Bericht erstatten und über den Verbrauch bei den Diners und Empfängen genaue Rechenschaft ablegen. Ich war über diese Karrierechance, die mich völlig unerwartet ereilte, aufs angenehmste überrascht und stimmte sofort zu. Das seltsame Bild des unbekannten Künstlers hatte offenbar meiner Laufbahn eine neue Richtung gegeben.

Ich war überglücklich. Denn ich merkte schnell, dass mir nun eine Aufgabe zugefallen war, die es mir erlauben würde, meine im Hause von Madame und Monsieur entdeckte Neugier auf die noble und elegante Welt noch mehr zu entfalten. In den kommenden Jahren, es war fast ein Vierteljahrhundert, gelang es mir, eine opulente oinologische Sammlung anzulegen, die Madame und Monsieur uneingeschränkt zufrieden stellte. Die Jahrgänge der Weine rufen noch heute wohlige Schauer in mir hervor: Petrus, Cheval Blanc, Margeaux, L’Evangile, Angelus und natürlich d’Yquem. Alle großen Jahrgänge der Grand Crus, die Legenden der Bourgogne und des Bordelais waren vertreten. Und dieses Prestige schürte meinen Ehrgeiz. Allein der Besitz von hundert Flaschen des kleinen burgundischen Gutes Romanée-Conti war ein besonderer Glücksgriff, der mir überschwängliches Lob einbrachte. Die Lagerung der Weine in der Mairie war optimal. Ich hatte inzwischen viele Keller gesehen, doch die Bedingungen des Weinkellers, den ich mir bald als meinen zu bezeichnen erlaubte, waren einzigartig. Zuletzt enthielt er 7982 Flaschen, die Jahrgangschampagner nicht mitgezählt.

Dann kam das Jahr 2001. Die neue Stadtregierung konnte oder wollte mit meiner Tätigkeit nichts mehr anfangen und stimmte meinem Pensionsansuchen sofort zu. Ich erhielt eine großzügige Abfindung und eine ebenso großzügige Pension. Doch das völlige Desinteresse, das meiner langjährigen Arbeit entgegengebracht wurde, kränkte mich.

In meiner nun gewonnenen Unabhängigkeit beschloss ich, diesmal aus eigener Initiative, nach Wien zu reisen, um jenes Bild wieder zu sehen, das mich vor vielen Jahren tief beeindruckt hatte und für meinen beruflichen Werdegang so wichtig geworden war. Ich reiste allein. In Wien angekommen, war meine erste Unternehmung der Besuch des Kunsthistorischen Museums. In den vielen Jahren, die seit meinem letzten Besuch vergangen waren, schien sich hier nichts verändert zu haben. Der etwas schäbig wirkende Charme dieser altehrwürdigen Institution der Habsburger verband sich mit meiner Erinnerung an den unfreundlichen, ja grobschlächtigen Museumsdiener. Allerdings fand ich das Bild nicht. Das mürrische Museumspersonal wusste nicht, wovon ich sprach, und beim kleinen Informationsstand in der Eingangshalle konnte man mir keine Auskunft geben. Ich ging noch einmal durch die Säle des Museums, weil ich hoffte, es wegen einer Umhängung der Gemälde übersehen zu haben. Doch das Ergebnis war gleich, ich fand das Bild nicht. Ratlos und enttäuscht verließ ich das Museum an der Ringstraße.

Am nächsten Tag stand ich missmutig auf und überlegte, wie ich den Tag verbringen sollte. Nach einem ausgezeichneten Frühstück im Hotel besserte sich meine Laune und ich beschloss, durch die Gassen der fein renovierten Innenstadt zu spazieren. Vor einer Galerie blieb ich wie angewurzelt stehen. Durch die großen Fenster sah ich rätselhaft schöne Gewänder in Bilderrahmen hängen. Rock an Rock gereiht waren Motive zu sehen, die ich sofort wiedererkannte. Es waren die gleichen Stoffmuster, die ich von dem so schmerzlich vermissten Bild aus dem Kunsthistorischen Museum in Erinnerung hatte. Als ich die Galerie betrat und die Bilder genauer betrachtete, bemerkte ich auch meinen Irrtum. In den Rahmen hingen keine Stoffe, sondern es waren Gemälde, die jeweils einen ganz bestimmten Ausschnitt zeigten. Kopf und Arme der Figuren, welche die Stoffe zu bedecken schienen, fehlten. Die Bilder machten auf mich den Eindruck, aus einem Reich alter Geheimnisse zu stammen. In dieser Welt war es offenbar angemessen, Gesichter zu verstecken und jede Körperlichkeit der Träger zu verbergen. Von den Rändern wehte eine freie, oft nicht deutbare Form über die Bilder hinweg. Fein strukturierte Flächen waren darunter, manchmal zu Kreisen geballt oder von farbigen Ringen eingefasst. Auf einem Bild sah ich einen blassen Gürtel, der mit merkwürdig einander zugewandten Mädchenköpfen bestickt war. Auf manchen Bildern schienen sich die Muster der Gewänder zu verselbständigen und ein seltsames Eigenleben zu führen. Ich sah sie nicht, aber ich spürte die verschwundenen Gesichter des Festmahls von Wolfgang Heimbach. Die hypnotische Wirkung dieser Bilder entstand auch durch die angedeuteten physiognomischen Bezüge.

Ich war in meine Überlegungen und Betrachtungen so vertieft, dass ich zunächst die Anwesenheit einer Dame gar nicht bemerkte, die mich freundlich gegrüßt hatte und so wieder in die Realität zurückholte. Ihr schien meine verwirrte Konsterniertheit aufgefallen zu sein und sie begann vom Maler zu erzählen, der vor vielen Jahren einen Film gefunden hatte, auf dem rätselhafte Stoffmuster abgebildet waren. Diese zogen ihn so in seinen Bann, dass er sich nur mehr mit ihnen beschäftigte. Sie bildeten die Thematik seiner letzten Bilder, die er innerhalb weniger Wochen schuf, bevor er bei einer Weinauktion in Paris starb.



Wolfgang Heimbach, 1613 – 1678, Nächtliches Bankett, 1640, KHM, Wien
   


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