Ataraxie



Konstantin Grußmann, Sturm über dem Meer, 2009

Wir dagegen steigern alles Widrige, wenn es naht, durch die Angst,
und wenn es da ist, durch die Trauer
und verurteilen lieber die Natur als unseren eigenen Irrtum.

Cicero

Der aus dem Altgriechischen kommende Begriff Ataraxie bedeutet Unerschütterlichkeit und bezeichnet das Ideal der Seelenruhe. In der Philosophie nach der Zeitenwende betrachteten viele den seelischen Zustand der Affektlosigkeit und der emotionalen Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen als Ziel menschlichen Tugendstrebens. Dieses Ziel versah man mit der Metapher des Meeresspiegels, der von keiner Welle bewegt wird. Ebenso sollte die Seele des Menschen gegenüber jedweder Art von Außeneinwirkungen, aber auch gegenüber innerer Aufgewühltheit unberührt bleiben. In dieser Sicht sollte sich der Weise sowohl von äußeren als auch inneren Einflüssen, die seine Seelenruhe bedrohen, von Begierden, Lüsten, Trauer und Furcht befreien, um so zu einer innerlichen Selbstgenügsamkeit zu gelangen.

Von Demokrit* bis zur späten Stoa*

Bei Demokrit gilt Ataraxia als Ziel einer philosophischen Lebensführung, ebenso später bei Epikur, den Skeptikern und Stoikern. Diese unerschütterliche Gemütsruhe sollte jedoch nicht direkt angestrebt werden, da jede Lehre über das Wesen der Ataraxie eine innere Unruhe und damit Zerstörung der Seelenruhe zur Folge haben könnte. Sie meinten, dass die Ataraxie der Urteilsenthaltung folge. Man gelange zur Seelenruhe, indem man sich in allen Entscheidungen des Urteils enthalte und so dem Hin- und Hergerissensein entkomme.

Die Ataraxie gewährt dem Menschen durch ihre Überlegenheit über die Affekte das Glück eines vollendeten Selbstseins, weil der Mensch nun vermag, in sich das zu finden, was zu seinem Sein gehört.

Beunruhigt durch die Vielzahl einander widerstreitender philosophischer Systeme beginnt man zu philosophieren, um sich ein Urteil bilden zu können, welches der vielen Systeme das tauglichste sei. Bald erkennt man, dass man zu so einer Urteilsbildung nicht imstande ist. So hält man inne und spürt dabei eine innere Seelenruhe, in der unvermutet der ersehnte glückselige Zustand aufleuchtet. Die Wirkung dieses Glücks ist, dass Urteilslosigkeit gegenüber den dogmatischen Lehren zu einem skeptischen Dauerzustand wird.

Die Seelenruhe ist das Ergebnis jenes Nachdenkens, das im Alleinsein und im bloßen Bei-sich-Sein alle Sorgen und Verwirrungen hinter sich lässt und den Menschen zur inneren Freiheit führt. Dazu gehört die Entsagung körperlicher Genüsse und seelischer Erregungen, da sowohl positive als auch negative Emotionen die Seele erschüttern und aus dem Gleichgewicht reißen und so Leid verursachen.

Es wäre aber ein törichter Irrtum, würde man meinen, Ataraxie erreiche man durch körperliche Vernachlässigung, Geringschätzung materieller Güter oder gar durch stumpfe Unempfindlichkeit. Das Gegenteil ist der Fall.

In der römischen Rezeption dieser Gedanken der griechischen Philosophie erhielt die Idee der Seelenruhe einen hohen Stellenwert. Cicero und Seneca empfahlen in ihren philosophischen Schriften Verzicht und Zurückhaltung. In der Wertschätzung sinnlicher Anschauung, sei es wahrnehmbare Schönheit oder nicht rationale Erkenntnis, sahen sie eine wichtige Voraussetzung für jene Seinsstufe der menschlichen Existenz, welche imstande ist, letztlich nichts als so wichtig zu betrachten, dass man ihm verfällt.

Seneca selbst gehörte zu den reichsten und mächtigsten Männern seiner Zeit. Wie wenig er an seinem Leben und seinem Reichtum hing, offenbarte er am Ende mit beeindruckender Konsequenz. Nachdem sein ehemaliger Zögling Nero ihm den Befehl zum Selbstmord zukommen ließ, kam der Neunundsechzigjährige ohne Zögern dieser kaiserlichen Aufforderung nach.

Gefährdungen der Ataraxie

Epiktet* sagte, dass ein Ungebildeter oft seinen Mitmenschen vorwirft, dass es ihm schlecht geht als den anderen. Ein Anfänger in der philosophischen Bildung mache sich selber Vorwürfe. Der wirklich Weise aber schiebt die Schuld weder auf andere noch auf sich selbst.

Der Einzelne legt Wert darauf, seinen unernsten Tätigkeiten nachzugehen, ohne von ernsthaften Fragen oder Ansprüchen anderer gestört zu werden. Aus seiner Selbstbezogenheit, die in sich selbst keine Ruhe findet, sondern nach außen gerichtet ist, entstehen Vergnügungssucht und Haltlosigkeit. Galt die Freiheit einmal als das höchste Ziel, wurde sie in der modernen Gesellschaft durch das Ideal der Gleichheit überboten. Die mehr oder weniger homogene öffentliche Meinung denunziert das Abweichende der privaten Gedanken. Die meisten Individuen passen sich der öffentlichen Meinung an, die institutionell und medienwirksam allmächtig erscheint, aber in ihrer Bedeutungslosigkeit nicht mehr ins Bewusstsein tritt. All dem zu entgehen, scheint heute schwer zu sein. Drei Orientierungshilfen bieten sich an:

Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele. Zu dieser Seelenruhe führen können nur Vernunft und Verzicht.


   
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