Auf und davon



Warum scheint heute jene Torheit, welche den Gebrauch der Urteilskraft verhindert, so übermächtig zu sein? Die Auffassungen von der Verbesserungs- und Therapierfähigkeit des Menschen und von den Menschen als rational handelnden Wesen zeigen die gegenwärtige maßlose Selbstüberschätzung. Der Sinn für die Unverfügbarkeit des Daseins als tragfähiger Grundlage menschlichen Selbstverständnisses ist verloren gegangen. An seine Stelle ist eine vermeintliche Realitätshärte getreten, welche den Menschen absolut setzt.

In Georg Büchners Drama Dantons Tod fordern die Anhänger Dantons ein Ende des Terreurs und einen toleranten Staat. Der Mensch darf vernünftig oder unvernünftig, gebildet oder ungebildet, gut oder böse sein, das geht den Staat nichts an. Nicht nur für Robespierre, der sich aus gutem Grunde auf Jean-Jacques Rousseau berief, war der Staat durch die proklamierte Herrschaft der Vernunft eine allmächtige Erziehungsanstalt. Die Anhänger Dantons hingegen forderten Milde, weil sie sich aus der Kenntnis ihres eigenen Lebens um die Schwächen und die Fehlbarkeit des Menschen keine Illusionen machten.

Dass in vielen Ländern, die sich demokratisch wähnen, von Demokratie keine Rede sein kann, ist weniger dem Umstand geschuldet, dass Athen während seiner Hochblüte nur etwa 250.000 Einwohner hatte, davon waren etwa 35.000 Metöken, in Athen ansässige Fremde mit festem Wohnsitz ohne athenisches Bürgerrecht, und etwa 90.000 Sklaven.
Weder die Metöken noch die Sklaven, auch nicht die Frauen waren Teilnehmer an dieser ursprünglichen Form der Demokratie.

Im Mittelpunkt der athenischen Demokratie standen weder ein Parlament noch Parteien. Alle Bürger besaßen das Recht der Rede, es wurde von ihnen erwartet, dass sie sich an der politischen Willens- und Entscheidungsbildung beteiligten. Das wichtigste Mittel hiefür war die Kunst der Überzeugung, der sich die Redner bedienen mussten. Entschieden wurde mit Mehrheit. Die unterlegene Minderheit fühlte sich der Majorität verpflichtet und stand loyal zu der getroffenen Entscheidung. Durch die Möglichkeit, Volksversammlungsbeschlüsse von den Volksgerichten überprüfen zu lassen, wurde die persönliche Verantwortung der die Volksversammlung prägenden Redner gestärkt. Damit begegneten die Bürger auch den Gefahren der Demagogie.
Die Athener Demokratie kannte kein Berufspolitikertum. Jeder Bürger war berechtigt, an der Volksversammlung teilzunehmen. 6000 Bürger waren in der Regel bei der Volksversammlung, 200 bis 500, manchmal bis 1000, bei den Gerichtsversammlungen anwesend. 500 Bürger waren Mitglieder des Rates, und 700 hatten jedes Jahr ein Amt inne. Die Beteiligung war also angesichts von etwa 30.000 Vollbürgern außerordentlich hoch. Die moderne Spaltung zwischen Regierenden und Regierten, zumeist verstärkt durch räumliche Distanz und institutionelle Repräsentanz, war der athenischen Demokratie fremd.
Die Athener waren von der politischen Urteilskraft eines jeden, auch des gewöhnlichen Bürgers, überzeugt. Erziehung, Kultvereine, Theater und auch die Volksversammlung waren Institutionen politischer Bildung, in denen sich das politische Urteilsvermögen ausbilden und schärfen und sich zugleich auch ein Grundkonsens einstellen konnte, der den Prozess des Beratens und Entscheidens wesentlich erleichterte.

Die Grundlagen, welche Thukydides nennt, verweisen heute um so deutlicher auf die Schwierigkeiten, in denen sich viele moderne Staaten befinden. Sie ignorieren jene antiken Prinzipien und haben nichts an gleichem Wert vorzuweisen.

Ist es verwunderlich, wenn wir aller Dinge müde werden, nur des Verstehens nicht?
Doch je mehr wir denken, analysieren und unterscheiden, desto weniger kommen wir zu einer Schlussfolgerung.

Ich habe es immer unterlassen, am äußeren Leben der Welt mitzuwirken, und diese Unterlassung hat unter anderem zu einem sonderbaren psychischen Phänomen geführt.
Indem ich jegliches Handeln unterlasse, mich nicht für die Dinge interessiere, gelingt es mir, die äußere Welt vollkommen objektiv zu sehen. Und da nichts von Belang ist oder eine Veränderung rechtfertigt, ändere ich nichts. ¹



Abendliche Ansicht beim Bahnhof Neusiedl am See, 2013


____________________________________

1) Fernando Pessoa, 1888 – 1935, war ein portugiesischer Schriftsteller. Der obige Text ist seinem Buch der Unruhe des Buchhalters Bernardo Soares entnommen, Ammann 2003, Seite 245.