Georg Eisler, Landschaft, 1978

Hesiods Mythen und Platons Weisheit

In seiner Theogonie erzählt Hesiod* vom Chaos am Anfang, einer grenzenlosen Leere. Aus diesem sich öffnenden Nichts entstanden Gaia, die Erde, und Eros, die Liebe.

Gaia erzeugte aus sich selbst Pontos, das Meer, und Uranos, den Himmel. Sie vereinigte sich mit Uranos und gebar die zwölf Titanen:

Kronos ist ihr Anführer.
Rhea, seine Schwester und Gemahlin, gebar neben anderen den Zeus.
Koios, ein rätselhafter Titan, personifiziert die Frage, das Warum.
Phoibe, die reine Leuchtende, ist seine Gattin.
Hyperion, der Darüber-hinaus-Seiende, war der Gemahl der
Theia, die Leere. Sie zeugten den Sonnengott Helios, die Mondgöttin Selene und Eos, die Morgenröte.
Okeanos, der die Welt umfließende Strom, war der Gatte der
Tethys, deren Name eigentlich Großmutter bedeutet. Auch sie war eine Wassergottheit.
Kreios besaß die Attribute eines Widders.
Iapetos ist der sich schnell bewegende Verderber, welcher zum Vater des Prometheus wurde, des Schöpfers des Menschen und der Tiere.
Mnemosyne, die Erinnerung, gebar dem Zeus die Musen.
Themis war die Beschützerin von Recht, Sitte und Brauch. Sie war die Mutter der Horen, der Zeiten, und der Moiren, der Beschützerinnen der schicksalhaften Ordnung, welche nicht einmal die Götter verändern konnten.

Weiters gebar Gaia die Kyklopen, welche Uranos allmählich zu mächtig wurden, sodass er sie in den Tartaros* verbannte. Traurig und zornig über diese Tat überredete Gaia ihren jüngsten Sohn Kronos, den Vater mit einer scharfen Sichel zu verstümmeln und der Herrschaft zu berauben. Aus den Blutstropfen, welche von dem Verwundeten auf die Erde herabfielen, entstanden die Erinnyen, die Rachegöttinnen, und die Giganten, welche riesige Leiber hatten, die in geschuppte Schlangen ausliefen.

Um nicht von den eigenen Kindern ein ähnliches Los zu erleiden, verschlang Kronos alle, welche seine Gattin Rhea ihm gebar, gleich nach der Geburt. Diese waren Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon. Deshalb stieg Rhea, als sie wieder einem Kind das Leben schenken sollte, auf Anraten ihrer Mutter Gaia hinab auf die Insel Kreta, wo sie in einer dunklen Höhle den Zeus gebar und verbarg. Zeus wuchs rasch heran, gesäugt von der Ziege Amalthea und von Nymphen gepflegt. Später zwang er Kronos durch eine List, die verschlungenen Kinder wieder von sich zu speien.

Nun begann Zeus mit seinen Geschwistern den Kampf gegen Kronos und seine Verbündeten. Schließlich siegte Zeus und die olympischen Götter. Zeus söhnte sich mit Kronos aus und versetzte ihn und seine Anhänger in das Elysion, auf die Inseln der Seligen, fern im Westen.

Was Chaos für Hesiod bedeutete, hat er nie genauer geäußert. Es stellt wohl eine mythische Form dar, um Unfassbares anzugeben, das schließlich den Raum für die Urgewalten Gaia und Eros bildete.

Anders als die vorsokratischen Philosophen, welche die Ewigkeit als eine unbegrenzte Dauer auffassten und dadurch in der Vorstellung zeitlicher Abfolgen verhaftet blieben, beschritt Platon einen anderen Weg. Er verstand Ewigkeit als permanente Gegenwart ohne jedes Früher oder Später. In seinem Dialog Timaios betrachtete er die Zeit als ein Abbild der Ewigkeit. Im Kosmos sah er das Werk eines göttlichen Baumeisters, das von diesem als Abbild der ewigen, göttlichen Einheit erzeugt wurde. Dass die Gottheit durch die Dynamik der Zeit aus der Stagnation der Ewigkeit ausbrach, ist gewissermaßen die Urkatastrophe des Seins.

Da der göttliche Geist alles durchdringt, entstehen im immerwährenden Wandel der Zeit sinnvolle Ordnungen. Ein umfassender Logos durchwaltet die Welt. Diese All-Vernunft wirkt auch dann, wenn der Mensch in seiner Beschränktheit die Welt als unübersichtlich, widervernünftig und chaotisch erfährtt und in seiner begrenzten Gegenwart nur Zeichen ihrer Sinnlosigkeit, seiner eigenen Kontingenz oder des Nihilismus zu erkennen glaubt. Wer die Welt nihilistisch betrachtet, den blickt das Nichts an. Wer die Welt mit seiner Vernunft betrachtet, dem erschließen sich ihre vernünftigen Strukturen. Dies ist die Hoffnung Platons.

Ich aber sage, das grausame Gesetz der Kunst ist, dass die Menschen sterben und dass wir selbst sterben, wobei wir alle Leiden bis auf den Grund ausschöpfen, damit das Gras nicht des Vergessens, sondern des ewigen Lebens sprießt, jenes dichte Gras fruchtbarer Werke, auf dem die Generationen voller Heiterkeit und ohne Sorge um die, die darunter schlafen, abhalten werden ihr déjeuner sur l’herbe.*


   
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