Jean-Auguste-Dominique Ingres: Das Goldene Zeitalter, 1862

Das Goldene Zeitalter

Die Idee eines goldenen, vergangenen heilen Zeitalters geht häufig mit Formen von Gegenwartskritik einher. Bei Hesiod*, dessen Mythos von den fünf Weltaltern spätere Deutungen der Geschichte im Sinne des Abstiegs vom goldenen bis zum eisernen Zeitalter wirkungsvoll beeinflusste, wird die Menschheit des goldenen Zeitalters unter der Herrschaft des Kronos ein Gegenentwurf zur Recht- und Friedlosigkeit seiner eigenen Zeit.

Im goldenen Zeitalter regierte Kronos. Die Menschen lebten glücklich ohne Krankheit, Kampf und Arbeit, da sie von der Erde mit allem beschenkt wurden, was sie benötigten. Gesetze waren nicht notwendig, da es keine Verbrechen gab. Astraea, die Göttin der Gerechtigkeit und der Scham, lebte zu dieser Zeit unter den Menschen.

Mit dem Herrschaftsantritt des Zeus verschlechterten sich die Verhältnisse allmählich. Es folgte das silberne Zeitalter, welches Hesiod vor allem als Zeitalter schwindender Vernunft und zunehmender Maßlosigkeit beschreibt.

Deshalb ließ Zeus ein neues Zeitalter erstehen, das bronzene. Die Menschen dieser Zeit betrieben das grausame Handwerk des Ares. Sie zeichneten sich durch eine wütende Bereitschaft für schreckliche Waffen aus, waren jedoch nicht verbrecherisch.

Diese Abwärtsentwicklung erfuhr durch das Zeitalter der Heroen eine unvorhersehbare Unterbrechung. Einige Menschen traten durch ihre Tapferkeit und ihre Tugend hervor. Zu diesen zählte Hesiod etwa die tragischen Helden des Ödipusmythos, welche große Taten vollbrachten. Sie waren zwar nicht frei von persönlichem Versagen, aber sie waren edle, wenn auch vom Schicksal schwer gezeichnete Gestalten. Nun wohnen sie am Rande der Erde, ferne der Menschheit.

Doch dann folgte das eiserne Zeitalter, das mit der Gegenwart gleichzusetzen ist. Immer häufiger kommt es zu Kriegen und Verbrechen. Ungerechtigkeit und sittlicher Verfall prägen diese Zeit. Ovid* beschreibt den Verfall der Menschheit in seinen Metamorphosen unter anderem so, dass der Sohn vor der Zeit nach der Lebensfrist des Vaters forscht, Güte keinen Dank mehr erntet und es Ehrfurcht nicht mehr gibt. Astraea verlässt nun als letzte der Himmlischen die Erde. Hesiod erteilt den Rat, selbständig zu denken und anderen zuzuhören. Nur so könne trotz des Verfalls ein gutes Leben im Verborgenen gelingen. Diese erschreckende Verkommenheit hat ihren Ursprung im verlorenen Vertrauen auf die Gerechtigkeit der Herrscher und Richter. Nach dem Ende des goldenen Zeitalters vollzieht sich zwar wegen vieler Erfindungen ein Fortschritt, Religion und Sitte jedoch verfallen. Verkehrt proportional zum technischen Fortschritt steht der moralische Verfall der Menschen.

Es gibt unzählige Deutungen des Hesiodschen Mythos. Ovid zeichnete das goldene Zeitalter als Gegenentwurf zur Melancholie und zur Resignation seiner Gegenwart. Seneca sah im goldenen Zeitalter eine jederzeit mögliche, sittlich vollkommene Lebensgestaltung des Weisen.

Im Athenaeum-Fragment 243 wandte sich August Wilhelm Schlegel gegen das Trugbild einer vergangenen goldenen Zeit. Denn dieses sei eins der größten Hindernisse gegen die Annäherung der goldenen Zeit, die noch kommen soll. Ist die goldne Zeit gewesen, so war sie nicht recht golden. Gold kann nicht rosten, oder verwittern: es geht aus allen Vermischungen und Zersetzungen unzerstörbar echt wieder hervor. Will die goldne Zeit nicht ewig fortgehend beharren, so mag sie lieber gar nicht anheben, so taugt sie nur zu Elegien über ihren Verlust.

Nach Hegel verkannte der Mythos vom goldenen Zeitalter völlig die Natur des Geistes. Er sah in dieser Vorstellung eine oberflächliche Sicht der Wirklichkeit und der Wahrheit. Die scheinbare Vollkommenheit des erträumten Unschuldszustands beruhe nicht auf Vernunft und Sittlichkeit, sondern auf der Einheit von Denken und Empfinden, welche dem Menschen schon lange nicht mehr zu eigen ist.

So einleuchtend diese Einwände auch sein mögen, so sehr verkennen sie den Grundgedanken, welcher Hesiods Mythos durchzieht. Seine Skepsis gegenüber dem Menschen fußt auf seiner Auffassung, dass der Mensch im Grunde einem uneinsehbaren Schicksal ausgesetzt und von Natur aus nicht gut sei. Dass Hesiod das goldene Zeitalter an den Anfang und nicht als Ziel der Hoffnung in die Zukunft versetzt, zeigt seine tragische Sicht vom Menschen. Der Mensch könnte gut sein, aber sein offenbar unvermeidbares Streben, sich stolz hervorzutun und Besitz anzuhäufen, wobei die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird, lässt nur das quälende Bewusstsein zu, dass es keine Mittel gibt, Verfall und Untergang aufzuhalten.


   
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