Ernst Steiner: Windspiel, 1975

Chaos

Das griechische Wort χάος bezeichnete bei Hesiod den gähnenden Abgrund, der am Anfang des Weltwerdens von Erde und Himmel entstand. Hesiod stellte das Chaos als windig und finster dar, also auf dieselbe Weise wie den lichtlosen Schlund der Unterwelt (Erebos, Tartaros), welchen er als Teil des ursprünglichen Abgrundes zu begreifen scheint.

In der Auffassung der Stoiker ist Chaos charakterisiert durch Unbestimmtheit, Formlosigkeit und Unordnung, also durch jene Züge, die auch Platons Begriff einer anfänglichen Unordnung eigen ist. Diesem steht auch die volkstümliche Vorstellung nahe, dass Chaos ein wüstes Durcheinander aller Dinge sei.

In der Antike erhoben weder Hesiod noch Platon den Anspruch, naturwissenschaftliche Aussagen zu machen, sondern sie versuchten durch die Beschreibung der Mythen, die menschliche Wirklichkeit zu erfassen.
In der Neuzeit kommt es durch die Naturwissenschaften zu einer ablehnenden Haltung des Chaosbegriffs, da man überall eine Ordnung zu erkennen meinte oder eine solche durch den wissenschaftlichen Fortschritt zu erkennen hoffte. Die Hoffnung darauf, in einem nur scheinbaren Chaos verborgene Strukturen entdecken zu können, elektrisiert bis heute die so rational auftretenden Naturwissenschafter. Lässt sich das scheinbare Chaos vielleicht doch beherrschen?

Schelling* versuchte einen rein philosophischen Begriff des Chaos aufzustellen. Für ihn ist Chaos nicht Verwirrung und Unordnung, sondern eine metaphysische Einheit noch nicht realisierter Möglichkeiten. Es ist gewissermaßen ein Urzustand vor dem Auseinandertreten in verschiedene Seiende. Diese Einheit vergleicht Schelling mit dem Wert 0, in dem + und – noch verschlossen liegen. Das Chaos ist das Seinkönnende vor dem Eintritt in die einzelnen Möglichkeiten. Der Janus-Kopf ist für Schelling Sinnbild des Chaos. Das Chaos ist als jenes Nichtsein zu verstehen, das als Mögliches dem sichtbaren Universum voranliegt, als Ineinander von + und –.

Das Chaos ist deshalb so raffiniert, weil es sich uns durch das Erleben von Ordnungen verbirgt. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da. Diese Formulierung stellte Georg Büchner an den Anfang seiner Überlegungen über die Schädelnerven. Damit beschrieb er einerseits seine These, dass jedes Seiende sich selber Zweck genug sein müsse, andererseits aber verwies er dadurch, ohne sich dessen bewusst zu sein, auf das Fehlen eines sinnvollen Gesamtzusammenhangs, also auf ein allumfassendes Chaos.
Die Welt bedeutet nichts, außer dass sie ist.

Manche meinen, eine sinnvolle Struktur und Ordnung der physischen Welt zu erkennen und sprechen daher von Kosmos* im Gegensatz zu einem sinnlosen Chaos. Der Glaube mancher Naturwissenschafter, dass aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen entstehen, mag zwar auf vieles zutreffen, ist aber durch die Chaostheorie vehement in Frage gestellt. Diese Theorie untersucht Systeme, deren Funktionieren wegen einer schwer erfassbaren Empfindlichkeit nicht vorhersagbar ist. Sie versucht die Wege, die zum Chaos führen, zu erforschen. Die Naturgesetze gelten zwar, aber die Entwicklung der Natur ist nicht vorhersagbar.

So ergibt sich eine nahe liegende umgekehrte Überlegung. Die vermeintliche Ordnung der Natur scheint eher von einer in ihr enthaltenen Unordnung erfasst zu sein, wobei diese wiederum erst recht als Hinweis für eine tiefe Sinnlosigkeit des Universums angesehen werden kann. Zweifel führen jede Art von Sicherheit ad absurdum.


   
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