Die verderblichen Ordnungssysteme der Weltveränderer

I.
Wir sagen: Die Zeit vergeht! Dabei sind wir es, die vergehen.

Der Eindruck der Zeitknappheit entsteht vor allem aus der Überforderung des Erlebten. Das Lamentieren der Menschen über das Vergehen der Zeit hat seinen Ausgangspunkt im notorischen Vergeuden des individuellen Daseins durch die Hingabe an Belanglosigkeiten und Banalitäten. Auch bedenkt diese Klage der Menschen nicht den Horror, den schon die einfache Vorstellung von einer Dauer des Menschenlebens über zweihundert Jahre auslöst. Die so weit verbreitete Verfallenheit an die Banalität der Lebensgestaltung würde zu einer unerträglichen Qual, welche Todessehnsucht zu einem allgemeinen Phänomen machen würde.*

So tritt uns die von unserem Leben abstrahierte Zeit als eisernes Gesetz entgegen, dem wir uns ausgeliefert fühlen und dem wir nicht entkommen zu können meinen.
„Ich habe keine Zeit!“, „Die Zeitumstände sind eben so!“, „Wollen wir diese Zeit miteinander verbringen?“ sind alltägliche Redensarten, die in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit verbergen, dass wir uns selbst heraushalten, indem wir auf das Abstraktum Zeit verweisen. So abstrahiert der Mensch die Zeit von sich selbst und projiziert sie auf eine physikalische Größe. Was ist da nahe liegender als der Versuchung zu unterliegen, dieses Abstraktum Zeit durch ein besonderes Geschichtsverständnis zu beurteilen und mit Illusionen zu befrachten.

Mit der beginnenden Neuzeit entwickelte sich ein immer größeres Vertrauen in die Wissenschaft. Der Glaube an die Naturgesetze wurde zu einer eigenständigen Größe. Der Mensch sehnte sich nach einer Welt, die beschreibbar, vorhersehbar und somit beherrschbar ist. Doch nur kleine Ausschnitte unserer realen Umwelt lassen sich mit Formeln und Theorien beschreiben. Diese Inseln der Ordnung sind umgeben von Unordnung, welche - entgegen unseren Hoffnungen - die Regel und nicht die Ausnahme ist.

Eine Zäsur des Denkens, welches das Selbstverständnis der Wissenschaft bestimmte, begann mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Es setzte sich immer mehr die Überzeugung durch, dass eine bessere Zukunft nur im Kampf gegen die Vergangenheit durchgesetzt werden und dass es eine durch die Vernunft gestaltete neue Gesellschaftsordnung geben müsse. Dies hatte zur Folge, dass Feindbilder entstanden, die von einer unkritischen Öffentlichkeit schnell übernommen wurden.

Die wirkungsmächtigsten und folgenreichsten Weltveränderer und Weltverbesserer bereiteten jenen Illusionen den Weg, welche das soziale Paradies auf Erden und die Enträtselung der Seele verhießen, Marx und Freud. Marxens Überzeugung vom Gesetz der Geschichte und Freuds Seelenanalyse erhoben den Anspruch unfehlbarer Erklärungen. Neue Ordnungen versprachen eine bessere Welt.

II.
Die Gesellschaft regelt die allgemeine Produktion und macht es dadurch möglich, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie man gerade Lust hat, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.*

Der Historische Materialismus ist das theoretische Fundament der marxistischen Philosophie. Er beschäftigte sich mit der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit und kam zum Ergebnis, dass die Menschheitsgeschichte von gesellschaftlichen Klassen geprägt sei. Die Geschichte würde ausschließlich von den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften gelenkt, die auch das menschliche Bewusstsein bestimmen. Da im Laufe der geschichtlichen Entwicklung die einen Klassen an veralteten Produktionsverhältnissen festhalten wollten, da diese ihnen Vorteile verschafften, und andere Klassen diese abschaffen wollten, ist die Entwicklung der Geschichte bestimmt von Klassenkämpfen. Also ist für die Geschichte die materielle Entwicklung der Gesellschaft ausschlaggebend und nicht der geistige Lebensprozess. Jegliche geistige Kultur wird im Historischen Materialismus bloß als Überbau über den jeweiligen Produktionsverhältnissen angesehen.

Das zielgerichtete Denken von Karl Marx, das feststehende Gesetze der Geschichte analog zu den Naturwissenschaften entdeckt zu haben meinte, führte schlussendlich zum Ergebnis, dass alles auf dem Altar einer abstrakten Zukunft zu opfern sei, das sich wissentlich oder unwissentlich der Verwirklichung des Bevorstehenden in den Weg stelle. Der Mensch ermächtigte sich selbst zum Schöpfer seiner Welt, doch nicht im Sinne der Hybris eines Einzelnen, sondern durch eine Vergötzung der Gattung.

Der Weg zurück in eine göttlich verfügte Ordnung, die durch den göttlichen Logos erkennbar wird, wie es in der griechischen Philosophie formuliert und vom Christentum aufgenommen wurde, ist verschüttet. Gott ist für immer entschwunden und der Sinn der Ewigkeit ist aus der Welt gewichen. Aus der daraus resultierenden Einsamkeit des Menschen kann auch kein Trost mehr entstehen. Es vollzieht sich nun eine Ordnung, die sich nicht legitimieren und keine Auskunft geben muss.

Marx verabsolutierte seine Erkenntnis von der Bedeutung der Ökonomie dermaßen, dass er glaubte, man könne jedes Phänomen in der menschlichen Gesellschaft und Geschichte von den ökonomischen Verhältnissen ableiten und auf diese Weise auch noch auf die Zukunft bindend einwirken. Sein materialistisches Menschenbild ließ ihn glauben, die Menschen könnten durch die Überwindung der Arbeitsteilung schließlich eine kommunistische Gesellschaft errichten, das Paradies auf Erden.

III.
So wie die Astrologie und die Alchemie die moderne Astronomie und Chemie einerseits kräftig behinderten, andererseits aber auch vorbereiteten, so ist die Psychoanalyse ein bizarres Durchgangsstadium der Psychologie gewesen.

Besonders bei geisteswissenschaftlich orientierten Intellektuellen und im Feuilleton gilt die Psychoanalyse immer noch als eine Heiligtum der höheren Denkungsart.

Freuds überdurchschnittlicher Ehrgeiz, gepaart mit Rechthaberei und Ruhmsucht machten ihn in Wien zu einer Figur zweifelhaften Rufes. Er dachte viele in Fachkreisen bekannte Gedanken nur nach, vor allem die von Schopenhauer und Nietzsche. Er verfolgte Hypothesen, die nicht erst Jahrzehnte später, sondern schon bei ihrer Veröffentlichung als abwegig abgetan wurden. Der Widerstand gegen Freud in Wien um 1900 erwuchs vor allem aus der offensichtlichen Abwegigkeit seiner Hypothesen. Mit seinem sexuellen Tick, seinen vagen Formulierungen, seiner leicht zu durchschauenden Pseudogewissheit, seiner unangenehmen Besserwisserei kam er bei vielen Zeitgenossen schlecht an. Das war kein Widerstand gegen seine Thesen, die ein angeblich verklemmtes Bürgertum nicht hören wollte, sondern es war ein Widerstand gegen nicht Bewiesenes und Unbeweisbares.

Ein besonderes Beispiel freudscher Borniertheit ist der Fall seiner Patientin Emma Eckstein. Der unter heftigen Blutungen leidenden Frau unterstellte er, sie habe ihre erotischen Sehnsüchte ihm gegenüber kaschiert. Dabei stellten sich als wahre Ursachen für die Beschwerden gutartige Tumore in der Gebärmutter heraus. Nachdem sie 1924 an einem Gehirnschlag gestorben war, behauptete Freud noch 1937, sie erfolgreich behandelt zu haben.

Eine Patientin erschien bei ihm mit einem Ekzem am Mund und Läsionen an den Lippen. Freud diagnostizierte, ihr Vater habe sie als Zwölfjährige zu Oralverkehr gezwungen, und diese verdrängte Kindheitserinnerung wirke in ihrer Psyche nach. Einige Patientinnen, die von ihm Ähnliches zu hören bekamen, konfrontierten ihre Väter mit diesen Deutungen, worauf diese sich empört bei Freud beschwerten. Ihm dämmerte, dass er sich so in Wien als Therapeut nicht lange würde halten können.

Die ständig wiederkehrenden Träume von bedrohlichen weißen Wölfen des berühmten Wolfsmanns, so die Chiffre für Sergej Pankejeff, rührten laut Freud daher, dass er als kleiner Bub seinen Eltern beim Koitus zugeschaut habe und ihre weiße Unterwäsche in Wolfsfelle transponiere. Pankejeff berichtete Jahrzehnte später der Journalistin Karin Obholzer: Als Freud mir alles erklärt hatte, habe ich ihm gesagt: Also gut, ich bin einverstanden, aber ich werde das noch überprüfen, ob das richtig ist. Worauf Freud erwiderte, also fangen Sie damit gar nicht an. Weil in dem Moment, in dem Sie versuchen, die Dinge kritisch zu betrachten, können wir mit der Kur nicht weiterkommen. Es wird Ihnen so und so helfen, ob Sie es jetzt glauben oder nicht glauben, es hilft Ihnen. – Na und selbstverständlich hab ich dann auf weitere Kritik verzichtet... 1200 Stunden absolvierte Pankejeff auf Freuds Couch. Erfolglos.*

Die entscheidenden Aussagen der Freudschen Psychoanalyse, dass der Charakter eines Menschen irreversibel durch die Erfahrungen in den allerersten Lebensjahren festgelegt werde und dass alle Äußerungen der Liebe zu Mutter und Vater sexueller Natur seien, sind nicht beweisbare Behauptungen, die auf seine eigene Fixierung auf die Sexualität zurückzuführen sind. Freud selbst bekannte, dass seine sogenannte Selbstanalyse, in der er seiner eigenen Sexualität eine große Rolle zuwies, einen entscheidenden Anteil an seinem Verständnis der menschlichen Psyche gehabt habe.

Freud behauptete, dass es nur einen graduellen Unterschied gibt zwischen dem vermeintlich Normalen und dem Pathologischen. Das wird bis heute als ein unschätzbarer Beitrag zum Verständnis des Menschseins, ja der Menschenwürde angesehen. Das Gegenteil ist der Fall. Es war ein Beitrag zur nihilistischen Ontologie des zwanzigsten Jahrhunderts. Wenn es fast keinen Unterschied zwischen Menschen gibt, dann trennt auch nichts den sadistischen Peiniger von seinem Opfer. Dann wird jeder Mensch zu einem potenziellen Monster.

Die Nachricht, dass Kaiser Franz Joseph I. am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg erklärt hatte, versetzte den damals achtundfünfzigjährigen Sigmund Freud in eine Hochstimmung: Ich fühle mich aber vielleicht zum ersten Mal seit 30 Jahren als Österreicher und möchte es noch einmal mit diesem wenig hoffnungsvollen Reich versuchen. Und an anderer Stelle: Meine ganze Libido gehört Österreich-Ungarn.*


   
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