Marino Valdez: Schneller geht’s nicht, 1983

Zeitgeist

Wenn man vom Zeitgeist spricht, stellt man das Denken unter den Aspekt seiner Gegenwartsbezüge.

Francis Bacon* machte sich darüber Gedanken, inwieweit das Wissen der Alten den Ansprüchen der Gegenwart genügen könne. Daraus ergab sich für ihn die Frage, was hinsichtlich der Bedürfnisse der Gegenwart aus den Beständen der Alten auszuwählen sei.

Die französischen Enzyklopädisten beriefen sich auf Bacon, als sie die Gewichte von der Tradition durch die verstärkte Betonung des Gegenwartsbezuges verschoben. Die Philosophie habe Fortschritte des Wissens erzielt, sodass sich Jean Baptiste le Rond d'Alembert* zu der Aussage verstieg, ihr Gesamtumfang gleiche inzwischen den in den Zeiten der Ignoranz, damit meinte er die Zeit vor der Aufklärung, eingetretenen Verlust völlig aus. Er würdigte allein die Leistung der Gegenwart seines Jahrhunderts. Die aufklärungstypische Verknüpfung von Zeitbezug und Universalitätsanspruch führte zu der Forderung, dass das philosophische Wissen zeitgemäß zu sein habe.

Kritisch ist hingegen die Begriffsverwendung durch Johann Wolfgang von Goethe, der zwischen dem Anspruch auf Repräsentativität und der Warnung Schillers schwankte, der Künstler dürfe dem Geist des Zeitalters niemals ein Zögling oder gar noch ein Günstling sein. Unverhohlene Geringschätzung spricht aus Goethes Auffassung, Zeitgeist sei jenes Übergewicht bei der Menge, das im Zeitalter des Parteienstreits die eine Seite über die andere gewinne.

Ähnlich der Arroganz nicht weniger französischer Aufklärer sind für den heutigen Zeitgeist Verdrängungstendenzen gegenüber dem Vergangenen aufgrund der vermeintlichen Überlegenheit des eigenen Weltbildes charakteristisch. Für die Anregungen der Überlieferungen dankbar zu sein, hat Seltenheitswert. Da befindet sich der Einzelne auf verlorenem Posten, wenn er dem Zeitgeist widerstehen will.

Auch heute ist der Zeitgeist von jenem Bild der Geschichte geprägt, die sich zum Wohle der Menschheit immer weiter entwickle. Man versucht, den Erwartungen zu entsprechen, welche eine als wohlbestimmte Grundrichtung der Zeit empfundene allgemeine Stimmung vorgibt, die einflussreiche Meinungsträger als Zeitsignale artikulieren.

Der Gegenbegriff zum herrschenden Zeitgeist ist das unzeitgemäße Denken, welches trendfeindliche und kulturkritische Diagnosen formuliert. Es ist ein entschiedener Widerspruch gegen die Tyrannei des Zeitgemäßen, das lautstark durch moderne Pathosformeln seine Konformitäten artikuliert. Formuliert werden diese von jenen Zweiten und Dritten Begabungen, welche für das Zeitgeistige empfänglich sind.

Völlig vergessen scheint zu sein, dass der Raum des Menschlichen größer ist als der, den die vom Zeitgeist Getriebenen sich vorstellen können. Denn Selbstbescheidung und Zurückhaltung sind nicht ihre Kennzeichen.

Das behauptete Bündnis von Zeit und Geist sollte nicht ohne weiteres akzeptiert werden. Manchmal scheint es das Hauptmerkmal des Zeitgeists zu sein, dass er ohne Geist sei. Aufgabe der Philosophie wäre es, das bloße Geschehen der Zeit zu überschreiten, vor allem auch deshalb, weil den heutigen Menschen das Selbstsein und damit das Menschsein als ein alle durchdringender Geist abhanden gekommen zu sein scheint. Man hält sich an Allerweltsgedanken, Menschenrechte, Schlagworte, Konsum und Vergnügungen.

Heute ist eine Umstellung des Interesses von den Inhalten auf die Funktionsweisen feststellbar. Diese zeigt sich nicht bloß in der Formalisierung des Rechts und in der fast völligen Eliminierung dessen, was einst Naturrecht genannt wurde. Den großen unbeweisbaren Behauptungen nachzugehen, welche die Voraussetzungen des menschlichen Daseins ausmachen, beschäftigt nur mehr wenige, am wenigsten die auf Effizienz gedrillten Universitäten. Aus einer wieder gewonnenen Position der Distanz zum Zeitgeist könnte sich das Augenmerk auf die Gründe von Geltung all jener heute die Gesellschaft bestimmenden Faktoren konzentrieren: Auf die Gebärden und Gesten der Unterwerfung, die Rituale und Zeremonien der Bekundung von Unwiderstehlichkeit, auf die Leere in den Seelen der Menschen.

Kultur ist vor allem ein künstlerischer Stilwille in allen Lebensäußerungen. Vieles Gelernthaben ist ebenso unabdingbar wie eine subtile Herzensbildung. Alles sollte den Menschen belehren, ein jeder Blick auf seine Kleidung, seine Zimmer, ein jeder Gang durch die Straßen seiner Städte, er sollte sich des Ursprungs seiner Manieren und seiner Vorlieben inmitten all der grotesken Übertreibungen und Niederungen, denen er ausgesetzt ist, bewusst werden.

Nietzsche verwies auf Goethe, der einmal zu Eckermann sagte, wir haben uns zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig kultiviert, allein es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur eindringe und allgemein werde, dass man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, dass sie Barbaren gewesen.*

Doch Goethe könnte sich getäuscht haben, denn schon längst hat die Barbarei wieder ihr mächtiges Haupt erhoben.


   
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