Der Gott Ptah-Tatenen wird seit der Zeit Ramses II. mit Widderhörnern,
sowie einer von zwei Federn umrahmten Sonnenscheibe auf dem Kopf dargestellt.

Pa-necheb

Heute werde ich hier nicht übernachten. Gestern war ich zu müde, um mein Lager aufzusuchen. Ich habe mit dem Priester vereinbart, die Inschriften in den nächsten Tagen zu vollenden. Meine Verträge will ich unbedingt einhalten, schon allein um weitere Aufträge zu erhalten. Viele andere Bewerber versuchen mit allen möglichen Intrigen und List attraktive und günstige Angebote zu machen. Wenn sie dann in zeitliche Bedrängnis geraten, arbeiten sie schlampig, nehmen sich billige und unausgebildete Helfer oder fliehen. Ich habe bis jetzt alle Abmachungen eingehalten und meine Söhne zu guten Gehilfen ausgebildet. Es werden immer mehr Kammern ausgestaltet und obwohl die Priester genauer kontrollieren, werde ich gut bezahlt.

Als mich gestern am Morgen meine Frau stärkte und salbte, damit ich die Strapazen der Arbeit besser ertrage, sang sie eine Zeile des Textes, den ich in den Stein gehauen hatte: Ich habe dich zum König der Zeitfülle eingesetzt. Meiner Frau gefiel diese Verheißung und sie sang immer wieder diese Zeile: Ich habe dich zum König der Zeitfülle eingesetzt.

Ich meißle diese Worte, die eine Segensverheißung des Gottes Ptah-Tatenen an den großen Ramses sind, der bereits im fünfunddreißigsten Jahr seiner Regierung ist: „Ich habe dich zum König der Zeitfülle eingesetzt und zum Herrscher der Dauer. Ich habe deinen Leib aus Gold gebildet und deine Knochen aus Bronze.“

Bevor ich hier in Ipsambul zu arbeiten begann, war ich beim Bau der großen Pyramide des Oberaufsehers der Schreiber eingesetzt. Ich durfte bei der Ausstattung vieler geheimer Kammern mitarbeiten, bevor ich diesen ehrenvollen Auftrag, mit dem ich jetzt beschäftigt bin, erhielt. Zum Herrscher der Dauer... Ich träume manchmal davon, dass die letzten Hindernisse vor dem Tor zu jenem Reich überwunden werden, in dem es keine Begrenzung durch die Zeit mehr gibt. Ich stelle mir eine neue Ordnung vor, in der die Vorgänge am Himmel und auf der Erde zu einem anderen Leben führen. Die Beherrschung der Zeit lässt dann jene Unsterblichkeit zu, von der ich die Priester immer flüstern höre.

Die Welt liegt im Argen, da Tod und Vergänglichkeit in ihr herrschen. Erst mit der vierten Generation kam der Tod in die Welt. Osiris wurde von seinem Bruder Seth umgebracht, weil dieser die Herrschaft an sich reißen wollte. Osiris war der Erste, der einen Bruder und damit einen Feind hatte. Osiris war ein gerechter Herrscher und es entstand sein Gegenteil durch seinen Bruder Seth. Bis jetzt wusste ich nichts über das Königtum des Osiris und seiner Ermordung. Ich weiß, dass Krankheit und Tod das Dasein des Menschen bestimmen. Der Mensch besitzt nichts Eigenes, nicht einmal sein Leben. Vielmehr scheint er alles erhalten zu haben, das ihm jederzeit genommen werden kann. Die erste Generation stammt noch aus der Zeit, als nur Götter waren, die zweite kam nach dem Brudermord des Seth. Vom Pharao abwärts versuchen alle, diese vergangene Ordnung wieder herzustellen. Alle wollen wieder vollkommen und unsterblich werden. Ursache aller Übel ist die blinde, bewusstlose Natur, die sinnlos und ziellos gebiert und zerstört. In ihrer Ermattung ließ sie jedoch das seltsame Geschehen des Menschen zu... Ein Rätsel.

Aus dieser Abhängigkeit von der Vergänglichkeit gilt es sich zu befreien durch eine fortschreitende Unterwerfung der Natur. Indem die Magier und Ärzte die Leiber der Verstorbenen in ein Kunstwerk umarbeiten, beseitigen sie jegliche Trennung, Zerstörung und Vergänglichkeit und alle Begrenzungen durch die Zeit. Denn unter der Herrschaft des Todes ist die menschliche Existenz sinnlos, ein Dasein auf den Gräbern vergangener Generationen. Ich spüre die Möglichkeit zukünftiger Generationen, das Leben denen zurückzugeben, von denen sie es empfangen haben. Alle werden wiederhergestellt werden. Es wird eine Zeit kommen, in der alle, welche je gelebt haben, wieder ins Leben zurückkehren. Diese Wiederherstellung der untergegangenen Vorfahren wird an die Stelle der alten Fortpflanzung treten, die immer nur sterbliche Missgeburten hervorbringt, und somit den sinnlosen Kreislauf von Geburt und Tod als Naturverfallenheit beenden.

Ich ließ meine Hand sinken, mit der ich mein Metallwerkzeug hielt, das an einem Ende spitz und schmal und am anderen stumpf und schwer war. Es fiel mir aus der Hand. Doch meine Gedanken beflügelten meine Arbeit und ich verspürte keine Müdigkeit. Bis knapp vor dem Sonnenuntergang werde ich die heiligen Zeichen in den Stein schlagen, sanft und sorgsam. Und ich werde Unsterblichkeit mit Raumlosigkeit und Vollkommenheit gleichsetzen. Um in dieser anderen Welt existieren zu können, muss in dieser die Fähigkeit entstehen, vom Körper der Natur unabhängig zu werden. Der Körper muss aus einem hinfälligen Naturwesen zu einem unabhängigen, künstlichen Wesen werden. Die inneren Organe müssen dann nicht mehr mühsam konserviert werden, damit sie ihre einfachen körperlichen Funktionen erfüllen können. Vielleicht wird dieser Körper die Seerosen wachsen hören und ebenso die Sterne verstehen. Auch meine Werkzeuge werden zu Organen meines Körpers. Aber was geschieht, wenn die Sonne eines Tages erlischt? Die Erde ist der Ort, auf dem die Menschen und Götter entstanden sind. Und seit dem Mord des Seth gibt es für die Götter keine Sicherheit. Weder die Götter noch die Menschen können in der Wiege bleiben. Durch ihre Sehnsucht nach Licht und Weite werden zuerst die Götter die Grenzen des Totenreiches überschreiten, um in eine andere Welt vorzudringen. Im Verlauf dieser Abenteuer werden zuerst die Götter, dann die Menschen ihre Körperlichkeit abstreifen. Ich bin mir sicher, dass das Ziel des Weltprozesses darin liegt, den lichtvoll-göttlichen Anteil der Menschenseele aus dem leidenden Körper zu befreien. Die Götter können durch ihre Erkenntnis über alle Mächte herrschen und sie haben sich durch ihr Geheimnis in schmerzlichen Kämpfen von der eigenen Endlichkeit erlöst.

Ich habe Inschriften gesehen, in denen nur ein paar nichtige Zeichen zu sehen waren. Der Schreiber hatte den Auftraggeber, der des Lesens und Schreibens unkundig war, durch Klamauk getäuscht. Seit einiger Zeit gehöre ich der „Schar der Rechten“ an, die für die Arbeiten auf der rechten Seite des Grabes zuständig sind. Der Aufseher des Grabes hat über mich noch nie berichtet, dass ich meinen Arbeiten fern geblieben bin. Schon gar nicht wegen Trunkenheit, wie es bei manchen Jüngeren immer wieder vorkommt. Sie wissen gar nicht, dass sie deshalb nie in Erwägung gezogen werden, Diener am Platz der Wahrheit im Tal der Könige zu werden. Obwohl ich mit ihm nicht verwandt bin, werde ich bald zum Gehilfen des „Vorstehers der Arbeit im Horizont der Ewigkeit“ ernannt werden. Das Königsgrab heißt Horizont, weil der verstorbene König am westlichen Horizont – wo die Sonne untergeht – in die Unterwelt gelangt. Und vielleicht werde ich namentlich oder sogar mit einem kleinen Porträt in das Grab des Königs aufgenommen. Dann würde ich nicht nur im Gedächtnis meiner Familie weiterleben.

Der Gedanke an die Unsterblichkeit beschäftigt mich am Tage und in der Nacht, wenn ich aufwache. Manchmal fragt meine Frau, was mich beschäftigt und eine Zeit lang war sie auf meine Gedanken eifersüchtig. Sie kann mir nicht in meine innere Welt folgen. Reichtum und Diebstahl wecken nicht meine Seele. Die Werkzeuge aus Kupfer und Bronze werden bei der täglichen Ausgabe und bei der Rückgabe gewogen. Metall ist so wertvoll, dass stumpfes und beschädigtes Werkzeug nie achtlos weggeworfen wird. Man verwendet es zum Schleifen oder es wird umgegossen. Die Wächter führen über alles Buch, auch über den kleinsten Meißel. Ich wurde noch nie des Diebstahls bezichtigt. Die anderen Arbeiter beäugen mich missgünstig, weil ich mir nie einen Fehler erlaube. Sie vermeiden, mit mir zusammen zu arbeiten. Als mir heute die Lichter gegeben wurden, die das Innere während der Arbeit beleuchten, fiel mir der schadenfrohe Blick des Lichterausteilers auf. Die Lichter bestehen aus gezwirbeltem Leinen und flachen Schalen mit Öl, dem Salz beigegeben ist, damit sie nicht qualmen. Die Dochte werden aus Leinenabfällen hergestellt, die zu diesem Zweck gesammelt werden. Da die Fette und Öle sehr wertvoll sind, sind immer die Aufseher und ihre Stellvertreter anwesend, um das Verteilte aufzuschreiben. Ein Krug Fett reicht für zwanzig Dochte von etwa fünfunddreißig Zentimeter Länge. Ein großer Krug Öl reicht als Brennstoff für vierhundert Dochte. Seit einiger Zeit schon flackert mein Licht unruhig und verbreitet einen betäubenden Geruch. Ich höre niemanden mehr und meine Seele wird ganz leicht, obwohl mein Körper immer schwerer wird. Die Sonnenscheibe will ich aber noch vollenden.


   
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