Denken



Tullio Crali, 1910 – 2000: Prima che si apra il paracadute, 1939

Martin Heidegger führt unter dem Titel Die Ohnmacht des Denkens* mehrere Gründe dafür an:

Über Dante Alighieri wird die Anekdote berichtet, dass er während des Karnevals gesucht wurde. Schließlich gelang es, ihn zu finden, indem allen Masken die Frage gestellt wurde, wer kennt das Gute? Einer nur habe geantwortet. Er sagte, wer das Böse kennt. Es war Dante.*

Laut und lärmend preisen viele
die Genesung dieser Welt.
Tiefes, dunkles, helles Denken
ist es, was den Menschen quält.
Und dem Menschen fehlt fast gar nichts,
bloß die Einsicht, dass was fehlt.

Ist Denken Selbstbespiegelung? Es muss es sein, wo der Spiegel prunkvoll ist.

Versucht der Mensch über das Denken nachzudenken, müsste er einen Standpunkt außerhalb seines Denkens einnehmen. Dies ist unmöglich.

Was außerhalb des Denkens liegt, ist undenkbar. Der Mensch wird niemals wissen, wie weit hinsichtlich der Gesamtheit der Wirklichkeit das Denken reicht. Vielleicht ist es auf unglaubliche Weise unerheblich und eng. Einfältig ist die Behauptung mancher, dass der Mensch sich nur solche Fragen stelle, die er auch beantworten könne.

Es gibt keine Vorstellung davon, wie unsagbares Denken beschaffen sein könnte. Musik und Malerei kommen diesem Unsagbaren am nächsten. Doch will der Mensch es ausdrücken, findet er sich trotzdem im Gefängnis der Sprache wieder.

Sind die menschlichen Gedanken nicht millionenfach gebrauchten Gütern ähnlich? Selbst in den persönlichsten Handlungen und Augenblicken? Sind sie nicht endlose Wiederholungen und in Klischees abgesunkene vermeintliche Originalität? Reproduziert das Denken nicht die Massenware der üblichen Gemeinplätze, welche in der Sprache, in den Jahrzehnten der eigenen Gegenwart, in den kulturellen Stereotypen und den Einstellungen zugänglich und verständlich sind?

Es könnte sein, dass Sophokles in seiner Antigone schon alles gesagt hat. Das Denken hebt den Menschen über alle anderen Lebewesen hinaus. Doch macht es ihn sich selbst und der Ungeheuerlichkeit der Welt gegenüber zum Fremden.* Der Chor der salaminischen Schiffer beendet Sphokles’ Tragödie Aias* mit den Worten:

Sehr viel zwar vermag anschauend der Mensch einzuseh’n.
Doch eh’ er geschaut,
sagt kein Weissager des Künftigen Ausgang.

   
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