Der Tod von Pan und Dionysos

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier
und sprech’ ich – niemand spricht zu mir...

In der Nacht hatten ihn Bilder in dumpfen Träumen gequält, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. Als Tamos erwachte, war er nicht ausgeruht, seine Glieder waren bleiern, er war munter, konnte aber seine Augen nur schwer offen halten. Vom Osten her wurde es allmählich heller, aber es war nicht die rosenfingrige Eos, die am Himmel erschien, sondern ein fahles, lebloses Licht, das einen düsteren Tag ankündete. Tamos steuerte nun sein Schiff Richtung Ätolien. Die Winde waren ruhig und günstig, sodass es gut vorankam. Die Leute, die sich am Schiff befanden, spielten mit Würfeln um geringe Einsätze und mischten den Wein mit reichlich Wasser. So verging der Tag ohne besondere Ereignisse und Tamos war froh, dass er seiner Leichtgläubigkeit wieder einmal misstrauen konnte. Noch bevor Helios seinen Sonnenwagen verschwinden ließ, begann Selene hell am Himmel zu leuchten, sodass es Tamos nicht schwerfiel, seinen Kurs nahe der Inseln Parae zu halten. Die fröhlich gestimmten, weil durch den Weingenuss leicht betrunkenen Passagiere waren noch nicht schlafen gegangen. Nach dem Abendessen saßen sie in Gruppen beisammen und erfreuten sich an den günstigen Winden, die ihnen Aiolos zur Abkühlung schickte.

Plötzlich vernahmen sie von der Küste einer der Inseln eine laute Stimme, die den Namen des Steuermannes rief: „Tamos! Tamos!“ Nach anfänglicher Unruhe wurden innerhalb weniger Augenblicks alle still. Tamos hielt sein Steuerrad mit noch festerem Griff und die Stimme rief ein zweites Mal und noch lauter: „Tamos! Tamos!“ Alle befiel Angst und Schrecken, da die Stimme schier übermenschlich klang. Als Tamos sich gefasst hatte, antwortete er: „Hier bin ich!“ In einem noch lauteren Ton als vorher sagte die Stimme: „Tamos, wenn du auf der Höhe von Palades anlangst, so verkündige, dass der große Pan gestorben ist!“

Da alle Leute am Schiff Zeugen dieses seltsamen Geschehens geworden waren, erhob sich bald ein lautes Gemurmel, gedämpft zwar, da man nicht wusste, ob die Stimme nochmals anheben würde, aber die Ungeheuerlichkeit der gehörten Botschaft ließ bald alle durcheinander reden. Alle wollten von Tamos wissen, wer da zu ihm gesprochen habe. Aber er wusste nicht mehr, als sie alle gehört hatten. So schwieg der vorsichtige Steuermann.

Einige zweifelten an dem Gehörten und sagten dies immer deutlicher, andere erzählten die Mythen des Pan. Dass er von seinem Vater Hermes auf den Olymp gebracht worden war, wo er ihn neben Zeus und den übrigen Göttern sitzen ließ. Pan wurde er genannt, weil alle Unsterblichen an ihm Vergnügen fanden, besonders Dionysos, der ihn in sein Gefolge aufnahm.

Einige Passagiere bedrängten Tamos mit der Frage, was er zu tun gedächte. Tamos hatte bis jetzt geschwiegen. Während er das Schiff steuerte und das Steuerrad nicht aus den Augen ließ, blickten alle auf ihn. Er deutete auf die Inseln, die nun im Dunkel der Nacht erkennbar wurden. Kaum hörbar sagte er, dass er den Auftrag ausführen würde. Da schwiegen alle und plötzlich gewahrten sie die Stille, die in der Natur herrschte, kein Windhauch war zu spüren und kein Plätschern der Wellen war zu hören, die sonst an das Boot schlugen. Tamos rief nun vom rückseitigen Teil des Schiffes mit lauter Stimme auf das nur schemenhaft sichtbare Land: „Der große Pan ist gestorben!“ Im nächsten Augenblick erhob sich von der Insel her lautes Geschrei. Nie gehörte Klagetöne und lautes Seufzen aus unzähligen Kehlen ließ die Menschen am Schiff erschauern. Die gesamte Natur schien in Trauerklagen auszubrechen und auch jene Wesen schienen nun Münder zu besitzen, die nie einen Laut von sich geben konnten. Den Leuten am Schiff brach schier das Herz über dieses unsägliche Klagen und Tamos lehnte über seinem Steuer und weinte. Allmählich verstummte das Schluchzen und Heulen und die frühere Stille trat wieder ein. Leichte Winde kamen auf und Tamos beschloss, die Fahrt wieder fortzusetzen.

Tamos und die anderen beendeten unversehrt diese Schiffsreise. Manche von ihnen erzählten in Rom von diesem Ereignis. Und bald bekam man die wunderlichsten Geschichten darüber zu hören. Als diese Gerüchte bis an den kaiserlichen Hof gelangten, gab Kaiser Tiberius den Auftrag, die Sache näher zu untersuchen. Tamos selbst musste dem Kaiser von seinem Erlebnis berichten und dieser zweifelte nicht an der Wahrheit des Erzählten. So ließ der Kaiser in Rom dem Pan und dem Dionysos Opfer darbringen.

Schweigt mir von den Göttern, weil ihr selbst vermürbt
und alles niedrig macht durch euer Leben...

Dionysos war über den Tod des Pan entsetzt. Er trennte sich von seinem Gefolge, von den Nymphen und Satyrn, den Tieren, seinem Erzieher Silen und den mit Schlangen umgürteten Mänaden. Er legte den Kranz, der sein göttliches Haupt geziert hatte, ab und kleidete sich wie ein Reisender. Zunächst zog er durch Arkadien, dann durch Sizilien und Süditalien. Voll dunkler Ahnungen wusste er, dass der Untergang der Alten Welt nicht mehr aufzuhalten war. Die Opfer, welche den Unsterblichen dargebracht wurden, waren schal geworden. Die Menschen vollzogen sie meist ohne innere Anteilnahme. Sogar die Mysterien waren an eine sensationsgierige Öffentlichkeit gezerrt worden.

Die Menschen gaben dem Schicksal die Schuld an ihrem Unglück, dabei schufen sie durch ihre eigene Verkehrtheit ihre Leiden. Die Deutung der unheimlichen Verschlingung von Freiheit und Notwendigkeit war dem denkenden Menschen verloren gegangen. Das Schicksal selbst schien die Götter zu vergessen. Dieses Verschimmern bewirkte bei den Menschen jene Distanz, die den alten Glauben langsam verschwinden ließ. Dionysos wurde der Begleiter dieses Untergangs, der ihm zunächst rätselhaft und unvorstellbar erschien. Doch allmählich entstand aus seinem Schmerz und seinem Unverständnis die traurige Gewissheit, dass das Göttliche an sein Ende gelangt war. Er wusste um die Macht der Moira und dass er sich nach diesem Wissen richten müsse. Die Begrenzung, das Aufhören, dieses alte und unerforschliche Gesetz trat ihm nun mit Macht entgegen. Moira ist dem Leben und den Göttern fremd und doch unterliegen ihr alle. Dionysos spürte, wie bereits ein kalter Schatten auf ihm lag.

Zur Zeit des Kaisers Theodosius gab er sich in einem seiner Heiligtümer zu erkennen, doch löste dies bei den Menschen eher Erstaunen als Ehrfurcht aus. Bei einem Fest, das argivische Bauern anlässlich der Weinlese beim See Lerna feierten, wurde Dionysos ein letztes Mal gesehen. Es wird erzählt, dass Dionysos mit den Feiernden gegessen und getrunken habe und während eines Tanzes zum Entsetzen aller im See versunken sei.


   
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