Die Mysterien von Eleusis



Demeter, Triptolemos und Persephone auf einem Relief aus Eleusis
aus der zweiten Hälfte des 5.Jahrhunderts vChr.

Eine verlorene Religion

Die griechische Religion besaß keine heiligen Bücher, in denen sich ihre Lehre von den göttlichen Mächten, welche ihr Glaube schuf, ablesen ließe. Dichter und Philosophen bieten in dem, was von ihren Schriften in unsere Zeit gekommen ist, die einzigen Quellen der griechischen Religion. Eine dritte wichtige Quelle ist allerdings die antike Kunst. Dichtung, Philosophie und Kunst verleihen den versunkenen religiösen Gedanken eine Stimme, die so noch vernehmbar ist. Doch stehen wir heute der griechischen Religion und ihren innersten Motiven nur als Ahnende gegenüber. Wir müssen uns bewusst sein, dass durch ein Hineinstellen eines von uns geschaffenen Lichtleins in das ferne Dunkel dieser religiösen Welt nur ein zweifelhafter Flackerglanz erzeugt wird, der auch in die Irre führen kann.

Eleusis

In der Gegend von Eleusis, das etwa im siebten Jahrhundert vChr mit Athen vereinigt wurde, war die von Hades geraubte Persephone, die Tochter der Demeter, wieder ans Licht der Sonne gekommen und ihrer Mutter wiedergegeben worden. Bevor Demeter mit ihrer Tochter nach dem Wunsch des Zeus in den Olymp zurückkehrte, lehrte sie die Fürsten des Landes die Ordnung ihres Kultes, welche anderen mitzuteilen die Scheu vor der Gottheit verbat. Ursprünglich waren also die Zeremonien von Eleusis nur den Angehörigen einzelner Adelsgeschlechter zugänglich. Allmählich vollzog sich eine Änderung. Zugelassen wurden nicht nur die Bürger Athens, sondern jeder Grieche ohne Unterschied des Staates, Männer und Frauen, Kinder und Sklaven.

Die Feier der Mysterien wuchs aus sich selbst heraus, aus ihrem inneren Gehalt und ihrer äußeren zeremoniellen Würde. Es galt die Verheißung, dass derjenige selig sei, der die heiligen Handlungen von Eleusis geschaut hatte. Das Mysterium war eine dramatische Handlung, einer religiöse Pantomime vergleichbar, begleitet von heiligen Gesängen. Der Inhalt bezog sich auf den Mythos vom Raub der Persephone, dem Herumirren der Demeter und der Wiedervereinigung der beiden Göttinnen. Von allen anderen Weihefesten der Griechen unterschieden sich die eleusinischen Mysterien durch die Hoffnungen, welche sie den Eingeweihten und auch den bloßen Teilnehmern eröffneten. Pindar, Sophokles und viele andere wiesen darauf hin, dass die, welche in die Geheimnisse eingeweiht waren, Hoffnungen für das Leben im Jenseits hatten, im Reich des Hades wahrhaft zu leben. Den anderen würde nur ein düsteres Schattendasein verbleiben. Das Schicksal der Persephone, ihr Verschwinden und ihre Wiederkehr wurde als Urbild des menschlichen Schicksals angesehen.

Eine schier unbeschreibliche Faszination

Gewiss ist, da dies von allen relevanten antiken Texten tradiert ist, dass die Mythen nie als etwas Vergangenes, sondern als Gegenwärtiges verstanden wurden. Die symbolische, allegorische Darstellung ohne mitgelieferte Deutung entwickelte auf die Teilnehmer gerade deshalb eine schier unbeschreibliche Faszination. Die Menschen ahnten an diesem Fest der Erinnerung an die Leiden und an das Wiederfinden die Gegenwart der Göttinnen und zogen daraus die Hoffnung, dass durch ihre Teilnahme am Kult ihr eigenes Schicksal nicht als Schattendasein im Reich des Hades enden würde.

Von einem sittlichen Anstoß war nirgends die Rede. Es gab keine Aufforderung zu einer veränderten Lebensführung. Es war ein sanfter, hoffnungsvoller Ausblick auf das, was nach dem Tod sein würde, keine Aufforderung zu irgendeiner Anstrengung moralischer Art. Es entwickelte sich ein Glaube aus Mythen und Bildern, die nie in Begriffe gefasst werden mussten. Hinter der Klarheit der Anschauung wussten die Griechen das undeutbare Geheimnis des Seins. Es erscheint so, dass die eleusinischen Mysterien nicht mit den Sorgen und Sehnsüchten der Menschen einhergingen, sondern ihren Blick auf den unauflösbaren Widerspruch des Lebens gerichtet hielten.

Dieses lebendige Staunen zeigte jene Weisheit des griechischen Denkens, die vom Grauen vor dem Unfassbaren des Todes zur Bewunderung des Göttlichen führte.

Die eleusinischen Mysterien wurden im Jahr 392 durch den christlichen Kaiser Theodosius I. verboten. Der Tempel in Eleusis wurde 395 unter Alarich von westgotischen Horden zerstört.

   


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