Die christliche Sicht der Letzten Dinge



Michelangelo Buonarotti, Das Jüngste Gericht, 1534 – 1541, Detail

1. Tod

Die christliche Vorstellung vom Tod ist untrennbar verbunden mit der Auffassung von der unsterblichen Seele des Menschen. Mit Seele bezeichnen die Christen das immaterielle Eigentliche des Menschen. Das altgermanische Wort sele ist wahrscheinlich eine Ableitung von „die zum See Gehörende“. Nach dieser Vorstellung wohnten die Seelen der Toten im Wasser und in den Nebelschwaden.

„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“, so beginnt ein aus dem elften Jahrhundert stammendes Lied. Krankheit, Misserfolg und Leiden sind Vorboten des Todes. Sie sind Zeichen dafür, dass der Mensch sein Leben letztlich nicht in der Hand hat. Es entgleitet immer wieder und im Tod wird es endgültig entzogen.

Die Theologie meint nicht, dass es nach dem Tod weitergeht, als ob, um mit Ludwig Feuerbach zu reden, nur die Pferde gewechselt und dann weitergefahren würde. Vielmehr setzt der Tod ein Ende für den ganzen Menschen. Dies impliziert aber nicht, dass mit dem Tod alles aus sei, weil die Zeit des Menschen nicht weitergeht. Vielmehr müsse diese, die einmal begonnen hat, auch einmal enden, weil eine ins Unendliche sich fortbewegende Zeit in ihrem leeren Gang ins immer Neue, welches das Alte dauernd annulliert, bloß eine an unüberbietbarer Sinnlosigkeit grenzende Phantasie sei.

Ewigkeit versteht die Theologie nicht als eine unübersehbare, lang dauernde Weise der Zeit. Vielmehr ist durch den Tod das, was geworden ist, eine Befreiung vom einstmals Zeitlichen.

Das Christentum sieht im Tod die den Menschen zugewandte Seite jenes geheimnisvollen Ganzen, dessen andere Seite die Auferstehung ist. So ergibt sich eine Verbindung zu jener Sicht, welche der antike römische Philosoph Seneca formulierte: Wie die Geburt den Übergang vom Leben im Mutterleib ins eigenständige Leben darstellt, bildet der Tod einen Übergang in ein uns unbekanntes Dasein.

2. Gericht

Sowohl für das Alte Testament als auch für das Neue Testament ist die Hoffnung auf das endgültige Bei-Gott-Sein kein Zusatz zum Gottesglauben, sondern dessen Konsequenz.

Die christliche Gerichtsvorstellung verweist auf eine Besonderheit, welche nicht immer durch die Lehre der Kirche zum Ausdruck gebracht wurde, da sie lange Zeit von kruden Höllenphantasien verstellt war. Für diese Vorstellung war der Begriff der Person, welcher in der christlichen Sichtweise eine große Rolle spielt, von großer Bedeutung. Das aus dem Lateinischen kommende Wort persona bezeichnete zunächst die im Schauspiel verwendete Maske, die auf die Rolle und den Charakter, welche der Schauspieler darstellte, hinwies. Das zu Grunde liegende Verbum personare bedeutet durchtönen, besingen, spielen. Allmählich fand das Wort im heutigen Sinne Verwendung, es bezeichnet das Wesen des einzelnen Menschen.

Mit dem Begriff Gericht meint die Theologie, dass dem Menschen angesichts der absoluten Wahrheit Gottes die Wahrheit über sein Leben aufgeht. Die Masken fallen und die Verstellungen und Selbsttäuschungen haben ein Ende. Dem Menschen wird endgültig offenkundig, ob er sein Leben gewonnen oder verfehlt hat.

3. Himmel

Unter Himmel versteht das Christentum den Zustand der unmittelbaren Gottesnähe, weder einen Ort noch eine Zeit. Das Wort selbst, dessen Herkunft umstritten ist, geht möglicherweise auf Hammer zurück. Dies könnte auf die alte Vorstellung verweisen, dass der Himmel ein mit Hämmern geformtes Steingewölbe sei.

Das menschliche Leben ist von einer Ratlosigkeit gekennzeichnet, weil das Glück, das der Mensch sucht, vollkommen und dauerhaft sein soll, alles aber wechselhaft und endlich ist. Daher macht der Mensch leidvolle Erfahrungen der „Unganzheit“. Diese schmälern aber nicht seine Sehnsucht nach einer harmonischen Erfüllung.

Nach einigen Aussagen der Bibel besteht die Seligkeit des Himmels in der Anschauung Gottes, z.B. heißt es im ersten Johannesbrief 3, 2: „Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Nach der Lehre der Kirche bedeutet dies, dass dem Menschen am Ende das unergründliche Geheimnis Gottes als Grund und Ziel seines Lebens aufgeht. Der Mensch nimmt teil an Gottes Seligkeit und erfährt dadurch seine eigene Vollendung.

Doch wie Gott den Menschen ein unergründliches Geheimnis ist, so ist es auch diese Gemeinschaft mit ihm. Die endgültige Gemeinschaft mit Gott bedeutet keine Isolierung, sondern begründet die Gemeinschaft der Seligen. So gehört seit ältester Überzeugung zur Seligkeit des Himmels auch die Gemeinschaft mit all jenen, die der Mensch auf Erden geliebt hat.

4. Hölle

Sie ist die Möglichkeit endgültiger Verlorenheit.

Die Aussagen Jesu im Neuen Testament, z.B. vom letzten Gericht, weisen darauf hin, dass der Mensch mit der Möglichkeit endgültigen Verlorenseins rechnen muss. Schon allein deswegen besteht diese Möglichkeit, weil ansonsten die Ernsthaftigkeit einer freien Lebensgeschichte nicht mehr bestünde.

Das Wort Hölle kommt vom germanischen Wort Hel, welches das Totenreich und seine Göttin bezeichnete. Das Christentum benennt mit Hölle jenen Zustand, in den der Mensch fällt, wenn er sein Leben voller Bosheit und Verweigerung der Liebe gestaltet und Reue und Umkehr verweigert. So wurde die Vorstellung von der Hölle auch zu einem mahnenden Hinweis auf die Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit des Augenblicks und ein Bild der Verantwortung des Menschen für sein Leben.

Die Lehre von der Hölle besagt in ihrem Kern, dass der Mensch von der realen Möglichkeit des Scheiterns bedroht ist. Diese Möglichkeit verweist auch darauf, dass der Mensch frei ist und sich deshalb Gott und dem Guten verweigern kann. Jesus spricht dies direkt aus, wenn er vor den Folgen des egozentrischen Sich-selbst-Verschließens spricht. Die zahlreichen Hinweise auf das Fehlen der Liebe, nach der gerichtet wird, so z.B. in der Rede vom Weltgericht bei Mt 25,31-46, legen dies eindrucksvoll dar. Jesus verkündet den Ernst der gegenwärtigen Situation und die Bedeutung der menschlichen Geschichte. Damit weist er jeden Leichtsinn und jede Oberflächlichkeit der Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott ab.

In welchem Umfang sich die Möglichkeit dieses Scheiterns bei den Menschen tatsächlich verwirklicht, darüber gibt es weder in der Bibel Aussagen noch Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes. Der Sinn der Lehre von der Hölle besteht nicht in der Information und der Stillung menschlicher Neugier, sondern im Ruf zur Besinnung und zur Umkehr.


   
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