Nathan Sawaya, geboren 1973: Lego-Skulptur

Weiterleben und Sterben

Wie durch dunkle, seltsam leichte Ringe eines fremden Planeten ging es immer höher. Von fern meinte ich Stimmen zu hören, die vertraut klangen, aber keinen Sinn ergaben. Alles war bleiern und leicht zugleich, hell und dunkel, sanft und schwer. Die Dinge gaben ein leises Tönen von sich und ich verspürte eine merkwürdige Einheit zwischen der Welt und mir. Langsam löste ich mich aus dem angenehmen Schweben, in dem ich mich befunden hatte, und spürte den harten, kalten Fußboden, auf dem ich lag. Allmählich kehrte meine Erinnerung wieder und es wurde mir klar, dass ich ohnmächtig geworden war. Ich drehte mich zur Seite und wollte mich aufsetzen. Ich merkte nun auch, dass ich unverletzt war. Ein paar Augenblicke blieb ich so liegen, bis ich zu erfassen begann, dass es keinen Sinn mehr hatte, meinen Gesundheitszustand nicht ernst zu nehmen.

Mein Arzt hatte mir vor geraumer Zeit die Symptome genannt. Seit einigen Tagen überkamen mich leichte Schwindelgefühle, die ich ignorierte, da ich sie beherrschen zu können meinte. Doch jetzt gab es keinen Zweifel mehr, das letzte Stadium meiner Krankheit war wohl erreicht. Meine Kraftlosigkeit war jedoch nicht nur auf die körperliche Schwäche zurückzuführen, sondern vor allem auf die jähe Erkenntnis der Unfassbarkeit des bevorstehenden Endes. Alles wurde unerreichbar, ja uninteressant. Mein Körper war mir fremd geworden, ich spürte die Veränderungen, aber ich nahm keinen Anteil daran.

Ich schleppte mich ins Bad und beobachtete mich im Spiegel. Meine Haut war bleich geworden, die Haare an den Beinen waren verschwunden, die linke Seite des Bauches entstellte durch das Anschwellen von Leber und Milz schon lange die Symmetrie des Körpers. Die Farbe des Gesichts war nun noch fahler als sonst. Ich nahm eines der neuen hellblauen Handtücher, die mit Bienenmotiven bestickt waren, machte es nass und massierte damit meinen haarlosen Kopf. Leer. Alles war leer in mir. Meine Gedanken glichen winzigen Insekten in einem riesigen Raum, wo sie ziellos und ausweglos herumflogen. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Während ich langsam auf das Sofa in meinem Arbeitszimmer zuging, stellte ich fest, dass die Aussichtslosigkeit meiner Krankheit durch den Schmerz, diese meine Wohnräume verlassen zu müssen, noch verstärkt wurde. Da ich nur mehr mit wenigen Freunden sprach und ich es noch seltener erlaubte, dass sie mich besuchten, hatte ich mein Alleinsein zur wichtigsten Quelle einer nur mehr mir verständlichen erhabeneren Lebensart gemacht. In meiner Lage gab es keine Hoffnung mehr und die Nähe der Menschen verstärkte die Gewissheit, dass der Tod keinen Verlust bringen würde. Mit der Fernbedienung stellte ich die Höhe des Kopf- und Fußteils des Sofas ein und ließ meine Blicke über die Bücherlandschaften meines Arbeitszimmers gleiten.

Ich bin jetzt neunundfünfzig Jahre alt und das Bewusstsein der Nichtigkeit meines Lebens ist zum Spiegel, in dem ich mich täglich betrachte, geworden. Die Versuche, dem Tod sein Nichts zu entreißen, die mich bei der Lektüre der Nachrufe in den Zeitungen oder bei den Reden auf Begräbnissen immer erstaunt hatten, beschäftigten mich nicht mehr, ich wich Gesprächen darüber aus, widersprach nicht mehr, hörte nur mehr aus Höflichkeit zu und zog dann die einzige Konsequenz, die mir möglich schien, ich vermied die Ermüdungen, die mir die Menschen bereiteten.

So liege ich jetzt auf meinem Diwan und hänge meinen Gedanken nach. Trost ergibt sich nur, wenn Hoffnung besteht, wenn der Grund des Leids überwunden werden kann oder wenn der Tröster mit seiner Liebe alles Bedrohliche verschwinden lässt, sodass zutrifft, was dem Überdruss Einhalt gebietet, nämlich dass die Liebe alles überwindet. Ich schließe die Augen und träume mich in meine Ohnmacht zurück. Das Sonderbare an ihr ist das Erwachen, das ich als paradoxe Spur dessen deute, was der Tod wahrscheinlich ist, ein Ruhen in jenem Sein, das unser Bewusstsein für kurze Zeit unterbrochen hat. Bald werde ich zu der riesigen Schar derer gehören, von der die Lebenden nichts mehr wissen, ob sie nun die Welt verändert haben oder gleichgültig ließen.

Ich war kurz eingeschlafen. Jetzt war es dämmrig. Ich wusste nicht, war es morgens oder abends. Das Telephon klingelte, ich wollte nicht aufstehen. Der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Und fast im gleichen Augenblick ertönte das Klingeln meines Mobiltelephons. Ich richtete mich auf und sah zu den Ikonen hinüber, die von einem Vorhang des Fensters fast verdeckt wurden. Dabei fielen mir meine vielen Besuche in Kirchen und Museen ein, die ich auch wegen der dort befindlichen Heiligendarstellungen von Giovanni Bellini, Marco Basaiti, Tizian, Cima de Conegliano, Carpaccio, Lorenzo Lotto und all den anderen gemacht hatte. Diese Bilder mit ihren merkwürdigen und teils sogar befremdlichen Geschichten erzählten mir meine eigene. Die Trauer der schönen Madonnen, die das Leid ihres Kindes zu ahnen schienen, die heiligen Sebastiane, die noch in den sacrae conversationes die Pfeile in ihrem Fleisch tragen mussten, als ob ihr Leid nicht einmal im Himmel aufhörte, der tote Christus, der den auferstandenen so unwahrscheinlich machte. Wer sind denn diese Heiligen? Erhaben und unnahbar verteilen sie Wohltaten, doch wenn man sie um etwas bittet, gibt es keine Erhörung. Ihre schönsten Darstellungen befinden sich nicht mehr in den Kirchen, wo sie von den Kerzen der Gläubigen gewärmt, sondern in Museen, wo sie von den Betrachtern nicht mehr verstanden werden. Früher sprach ich mit den Heiligen in einer Sprache ohne Worte und von einer himmlischen Wirklichkeit berührt. Aber mit den Jahren wusste ich, dass mich von ihnen zumindest eines trennt, der Tod. Ich meinte, die Heiligen gut zu kennen, ihre Geschichten, ihre Bilder, ihre Wunder und Wohltaten, aber bald gab es einen merkwürdigen Stillstand, denn die Wunder, um die ich sie bat, blieben aus und mein Leid wurde nicht gelindert. Sahen mich die Heiligen überhaupt? Vielleicht so wie sie in ihrem Leid Gott nur als Zuschauer empfunden hatten. Während seines Märtyrertodes sah der heilige Laurentius den Himmel offen und darin die Herrlichkeit Gottes. Ehe er in diese einging, musste er die Qualen des auf einem Rost Verbrennenden erdulden. Was machen die Heiligen, während nicht zu ihnen gebetet wird? Betet man zu ihnen, scheinen sie mit den Menschen beschäftigt zu sein, wenn die Kathedralen und Museen geschlossen sind, was tun sie dann? Sie sind dann von den kleinen menschlichen Absichten und Leiden verschont und können sich endlich selbst genügen. Sie sind bei den anderen Heiligen und vergessen vielleicht sogar, dass es einen armen Menschen gibt, der auf sie hofft.

Mühsam erhob ich mich von meinem Sofa und ging zu jenem Regal, wo die alten Bücher standen, eine in Venedig gedruckte Bibel aus dem 17. Jahrhundert, eine Erstausgabe der Sonette von Rilke und andere mir so wertvolle Erstdrucke. Ein Blatt Papier fiel mir auf, das aus einem Buch herausragte. Ich nahm es und las. Es war der Entwurf eines kurzen Briefes, den ich vor Jahren in Venedig geschrieben hatte: Lieber Leo, es wäre schön, mit Euch durch Venedig zu ziehen, durch Bars und Kirchen, über Brücken und Plätze... Ich wünsche Dir alles Gute und sei bald wiederhergestellt!

Ein halbes Jahr später war Leo, einer meiner besten Freunde, tot. Ich steckte das Papier wieder in das Buch zurück und ging in den an mein Arbeitszimmer angrenzenden Raum, an dessen Wänden jene Bilder ihren Platz hatten, die mir erst allmählich enthüllten, dass sie das Geheimnis meines Lebens erzählten. Meine Bücher und meine Bilder enthielten jene Elemente, die nichts Neues bedeuteten, aber meiner Seele jenen Halt bewahrten, der mir überlebensnotwendig erschien, obwohl ich ihn nicht näher erfassen konnte. Zunächst war mir dieser Zusammenhang nicht bewusst gewesen, erst im Lauf der Jahre merkte ich, dass dies alles eine Wahrheit offenbarte, die mir immer wichtiger wurde. Der in der Spätantike lebende Mönch Palamos von Tium, dessen Schrift Byzantinische Erkenntnis ich in einer österreichischen Stiftsbibliothek lesen konnte, formulierte seine wichtigste Einsicht anhand des Anfangs des Johannesprologs. Dort heißt es: Am Anfang war das Wort. Davon leitete er jene Erkenntnis ab, die ihn zeit seines Lebens nicht mehr losließ. Er beschrieb sie so: Am Anfang möge das Wort gewesen sein, am Ende wird nur mehr Schweigen sein. Kein Himmel, keine Hölle, kein Satan, aber auch keine Engel und kein Gott.

Eine vereiste Phantasie, mystische Versuchungen, die durch eine misstrauische Rationalität im Zaum gehalten wurden, und eine dunkle Schmerzbereitschaft bestimmten meinen Sinn für die schönen Dinge des Lebens, für Repräsentation und Feierlichkeit, Askese und Ekstase. Mein kostbarstes Bild hatte den Titel: Kopf ohne Welt. Und zu einem solchen war ich inzwischen geworden. Der Maler hatte es vor fünfundzwanzig Jahren für mich gemalt und ich bin dem abgebildeten Kopf immer ähnlicher geworden.

Es war alles schon lange vorbereitet. Ich rollte den aus Spezialmaterial gemachten Schlafsack auf. Ein sehr angenehmer Fliederduft begann den Raum zu erfüllen. Ich zog den Zippverschluss wieder zu und ging ins Bad. Ich duschte, trocknete mich ab und nahm die kleine blaue Pille mit einem Schluck Wasser. Dann umhüllte ich mich mit dem großen Badetuch mit Bienenmotiven. Ich phantasierte mich in meine Ohnmacht zurück und spürte die angenehme Wirkung der Tablette. Wie leicht nun alles wurde. Feierlich und so als hätte ich alles schon oft geprobt, erledigte ich jeden Handgriff. Der Cocktail war schnell zubereitet. Wieder klingelte das Telephon. Der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Wie von weiter Ferne hörte ich die geliebte Stimme. Ich trank das Glas leer und legte mich in den Schlafsack. Ich zog den Reißverschluss zu. Und wie durch dunkle, seltsam leichte Ringe eines fremden Planeten ging es immer höher und höher.


   
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