Ruhm und Infamie



Jean-Baptiste André Gautier-Dagoty, 1740 bis 1786: Porträt der Marie Antoinette, 1775 (Musée Antoine Lécuyer)

Wie nahe Ruhm und Infamie zusammenliegen, beleuchtet das Schicksal der französischen Königin Marie Antoinette.

Kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag kam sie nach Versailles, um den französischen Thronfolger, der ein Jahr älter war und nach dem Tod seines Großvaters Ludwig XV. König von Frankreich und Navarra wurde, zu heiraten. Zunächst war sie im Volk wegen ihrer Anmut, ihrer Lebenslust und Spontaneität beliebt. Dies änderte sich allmählich und sie wurde immer häufiger ‚die Österreicherin’ genannt. Nachdem sie Königin geworden war, versuchte sie, ihre Pflichten zu ignorieren, welche durch die strenge Etikette verlangt wurden. Eng verbunden mit dem Comte d’Artois, dem späteren Ludwig XVIII., umgab sie sich mit jungen Mitgliedern des mittleren Adels, welche ihr Wohlwollen zu gewinnen wussten. Ihr Bestreben war es, die eleganteste Frau Frankreichs zu sein. Als sie ihrer Mutter, Maria Theresia von Österreich, ein Gemälde zukommen ließ, das sie in einer verschwenderischen Garderobe zeigte, schickte diese es mit der Bemerkung zurück, es müsse sich um einen Irrtum handeln: das Porträt, das sie bekommen habe, sei wohl das einer Schauspielerin und nicht einer Königin. Mode sei flüchtig, launisch, unbeständig und dabei gleichmacherisch, wohingegen eine Königin über allem stehen soll, außerhalb der Zeit und ganz und gar einzigartig. Die Etikette, das Ritual, die zeremoniellen Gewänder, die Kronjuwelen – all das mache sie zum Inbegriff des Königtums. Doch Marie Antoinette ignorierte die Mahnungen ihrer Mutter. Allmählich wandte sich der Hofstaat von ihr ab. Gedemütigt begann man sich an ihr zu rächen. Es entstand das Bild einer frivolen, oberflächlichen, gierigen, verschwenderischen und intriganten Frau. Paris bemächtigte sich dieser Informationen aus Versailles und verbreitete sie über die Kanäle der Untergrundpresse. Finanziert von Gruppierungen, welche sich gegen den königlichen Absolutismus verschworen hatten, berichteten gewissenlose Journalisten in allen Einzelheiten über das Privatleben der Königin. Da der König impotent war, so hieß es, blieb der Königin nichts anderes übrig, als sich mit Männern und Frauen ihrer Entourage zu vergnügen. Marie Antoinette nahm dies alles nicht ernst. Sie ignorierte beispiellose Diffamierungskampagnen, die sich der Waffe der egalitären Sprache der Pornographie bedienten.

Madame de la Motte, die Urheberin der unseligen Halsbandaffäre, setzte, nach ihrer Verurteilung und ihrer Flucht nach London, der Hetzkampagne gegen die Königin eine Vielzahl von weiteren Pamphleten hinzu. Sie beschrieb die Königin als betörend wie Kirke, so verführerisch wie Kalypso und so furchtbar wie Medea. Marie Antoinette habe sie mit ihren unzüchtigen Liebkosungen verführt und ihr die Praktiken obszöner und widerwärtiger Lüste beigebracht.

Marie Antoinette wurde bis in die letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung mit infamen Beschuldigungen überhäuft. Jacques-René Hébert, einer ihrer Ankläger während der unwürdigen Gerichtsverhandlung vom 14. Oktober 1793, bezichtigte die Königin des unsittlichen Umgangs mit ihrem achtjährigen Sohn, dem unglücklichen Dauphin, dem sein Aufseher, der Schuster Antoine Simon, mit rohen Schlägen die Aussagen gegen die eigene Mutter eingeschärft hatte. Marie Antoinette antwortete daraufhin: „Die Natur sträubt sich, auf eine solche Anschuldigung zu antworten, die man gegen eine Mutter erhebt. Ich appelliere an das Gefühl aller Mütter, die sich hier befinden.“ Diese Worte hinterließen einen tiefen Eindruck und die anwesenden Frauen begannen zu murren, sodass die Richter keine weiteren Fragen mehr zu stellen wagten. Kurz nach 4 Uhr morgens am 16. Oktober wurde das Todesurteil verkündet. Um 11 Uhr bestieg sie den Karren zum Schafott. Von einem Fenster der Rue Saint-Honoré beobachtete der Maler Louis David den traurigen Zug, um eine letzte Skizze der Königin zu zeichnen. Marie Antoinette trug ein ärmliches Kleid. Unter der Haube schauten die für die Hinrichtung bereits kurz geschnittenen grauen Haare hervor. Die Hände waren auf dem Rücken gefesselt, der Blick der Königin war starr, ihre Lippen blass und verkrampft. Aus der Menschenmenge, die diesem Todeszug beiwohnte, tönten nur vereinzelt Rufe a bas la tyranne! Marie Antoinette wurde in einem Massengrab in der Nähe der heutigen Kirche La Madeleine verscharrt. Zwanzig Jahre später wurde ihr Leichnam exhumiert – wobei ein Strumpfband bei ihrer Identifizierung half – und wurde in Saint-Denis, der traditionellen Grablege der französischen Könige, an der Seite Ludwigs XVI. bestattet.



Marie Antoinette auf dem Weg zur Guillotine von Jacques-Louis David, 16. X. 1793
Département des Estampes, Bibliothèque nationale de France, Paris)
   


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