Die Gewächse der Selbstermächtigung

Heute gibt es neben der Religion vor allem zwei Marktschreier, welche eine Deutungshoheit im Sinnstiftungsbetrieb beanspruchen: Materialismus und Szientismus. Sie destillieren aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen Antworten auf letzte Fragen. Dabei ist es bloß Selbstbetrug, wenn aus Naturwissenschaften ein Weltbild entworfen wird. Der Mensch kann die Welt nicht von außen betrachten. Aufgrund dieser Tatsache kann der Naturalismus bloß eine gigantische Illusion erzeugen, die dem Menschen Halt verspricht, indem sie den Sinn aus der Welt vertreibt. Überzeugungen wie etwa, es gibt nur Materie und keinen Geist, und ein hohes Maß an Wissenschaftsgläubigkeit gehören zum desolaten Inventar der Halbbildung. Aufmerksamkeit hingegen zeichnet jene aus, welche keine Ablenkungen zulassen und sich deshalb jenen Fragen stellen, auf die es keine angenehmen Antworten gibt.

Was bleibt nach dem Versagen von Religion und Fortschrittsglauben? Wohl nichts anderes als den Sinn und den Geschmack für das Unendliche zu bilden. Wer sich einer solchen Mühe unterzieht und mit Deutungshoheit auftretende Antworten als Ideologien entlarvt, kommt trotzdem in keinem letztgültigen Sinnfeld an.

Die Schatten der Aufklärung werden länger und der Mensch droht dem Wahn der Selbstermächtigung zu erliegen. Die Missachtung der Sprache, die Inflation der Bilder, der Kult der Freizeit, der sich als Zeitvertreib entlarvt, führen zum Verlust von Reflexion und geistiger Orientierung. Nur mit Zögern können wir versuchen, mit unseren Gedanken die Mängel dieser Welt zu verstehen. Und sehr schnell erkennen wir, wie sie in den Abgründen dieser Mängel versinken.

   


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