Die Konstruktion des eigenen Ich

Wesentlich wäre und rau ich gerne gewesen
wie die Kiesel, die du wälzt,
von der Salzflut zerfressen;
zeitlose Splitter, Zeuge
eines kalten, anhaltenden Willens...

*


Wien, Strauchgasse, am 7. November 2014

Je länger man lebt, desto mehr begegnet einem zwar nicht alles, was dem Menschen begegnen kann, aber doch viel Analoges und vielleicht sogar einiges, was ohne Beispiel ist.

Nichts im Leben, außer Gesundheit und Tugend, scheint schätzenswerter zu sein als Kenntnis und Wissen. In die Wissenschaften sich zu vertiefen, ist Sache des Denkens. Doch über allem befindet sich die Poesie, Poesie in der ursprünglichen Wortbedeutung. Im Griechischen bezeichnete man damit das Machen, eine etwas hervorbringende Tätigkeit, Schöpfungsfähigkeit. Poesie wurde als Eingebung verstanden, welche von der Seele empfangen und aufgenommen wird. Man wollte sie weder Können noch Wissenschaft nennen, sondern beschrieb sie als besondere Begabung, welche den Charakter einiger weniger Menschen prägt und die daran Teilhabenden staunend innehalten lässt.

Uneingeschränktes und vorbehaltloses Fragen ist besser als sich vermeintlich Feststehendem zu fügen. Die freien Seelen außergewöhnlich begabter Menschen sind der Versuchung ausgesetzt, kühn, eifrig, aber auch frech zu werden, wenn sie nicht auf ihr sittliches Gleichgewicht achten.
Diese von wenigen Menschen zur Entfaltung gebrachten Begabungen gestalten sich dann konfliktreich, sobald das erkannte Wahre und Falsche sie zu einer kompromisslosen Rücksichtslosigkeit anstiften. Diese ist jedoch bei näherer Betrachtung eine Großgesinntheit, welche kleine Hilfen abwehrt und Hindernisse überwindet. Nichts ist da höher zu loben als ein Selbstgefühl, welches sich auf Eigenschaften stützt, die der Mensch wirklich hat und sich nicht bloß einbildet.
Merkwürdigerweise kommt es sehr selten vor, dass sich Menschen über ihre mangelnde Intelligenz, fehlende Tugendhaftigkeit oder dürftige Reflexionsfähigkeit beklagen. Die meisten sind mit ihrer Intelligenz zufrieden. Als ein Besucher Athens dem Sokrates sagte, was er von ihm halte, nämlich eine Höhle aller schlimmen Begierden zu sein, antwortete Sokrates, dass dies wahr sei, doch sei er über alle Herr geworden.

Viele Menschen jagen zwar den Trugbildern des Glücks nach, ohne zu ahnen, welche großartige innere Ruhe Denken, Verstehen und Erkennen bewirken können. Grundlage von all dem ist die Kunst des sorgfältigen Lesens und Schreibens.

Der poetische Mensch erliegt nicht den subtilen Mechanismen der gesellschaftlichen Anpassung und der Scheinhaftigkeit des Innovationscharakters der Moden. Der Mode geht es um Aufmachung und nicht um die Sache.

Das wirre Bild dessen, was als gesellschaftlich unakzeptabel gilt, verlockt die Menschen, individuelle Größe als narzisstische Geltungssucht oder psycho-pathologische Kälte zu denunzieren. Dabei es ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn man einen empfangenen Gedanken fruchtbar zu entwickeln weiß, egal ob andere erkennen, wie viel in ihm verborgen liegt.

Abscheu und Trauer jenseits alles Persönlichen gewähren einem poetischen Individuum eine klarere Sicht auf die Menschheit und alles menschliche Streben. Die sich krümmende biologische Ordnung mit Krankheit, Alter und Tod lässt niemanden entkommen. Selbst die Schönen gleichen weichen Früchten vor ihrer Fäulnis.

Der poetische, idiosynkratische Charakter widersetzt sich nicht selten jedem Ernst, weil dieser ihm didaktisch und dogmatisch erscheint, wogegen er eine entschiedene Abneigung hegt. Damit verbunden ist nicht selten eine Abneigung gegen Terminologie, in der er bei seinen Studien und Lektüren das Unzulängliche und Lächerliche entdeckt. Pedanterie wird trotzdem oft zu einer Begleiterscheinung, weil sie ihn das offensichtliche Chaos leichter ertragen lässt.




   
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