Walter Navratil (1950 – 2003): Johanneskopf

Individualität, Abneigungen und Nonkonformismus

Die Acts of Uniformity (1551–59, 1662) in England haben englischen Bürgern die Zugehörigkeit zur Staatskirche zwingend vorgeschrieben. Von Anfang an wurde nicht nur der religiöse, sondern auch der politische Charakter dieses Zwanges empfunden. Kirchenverwaltung und Episkopat, welche Liturgie und Ritus kontrollierten, waren unmittelbar mit der Gewalt des Staates verbunden, während der Zugang zu öffentlichen Ämtern umgekehrt das Bekenntnis zur Staatskirche zur Voraussetzung hatte. Allmählich wurde das Nicht-Bekennen zur established church immer stärker in einem positiven Licht gesehen. In der Freiheit und religiösen Autonomie der einzelnen Bürger erkannte man allmählich höchste Güter. Man betrachtete diese als ein kardinales Merkmal differenzierter und entwickelter Gesellschaften.

Etablierte Institutionen, welche mit Autorität das Festhalten an den Überlieferungen durchsetzen, kennzeichnen das Stadium geschlossener sozialer und staatlicher Organisationen. Das Merkmal des Nonkonformismus betont individuelle Freiheiten und stellt eine der höchsten Errungenschaften dar, welche die menschliche Gesellschaft auf religiöser, rechtlicher und schließlich wirtschaftlicher Ebene hervorbrachte.

Nonkonformismus bildet den Gegenpol zu den Nivellierungs- und Vermassungserscheinungen, welche immer wieder ihr Haupt erheben. Schon Alexis de Tocqueville verwies auf die Konsequenzen des gepriesenen Ideals der Gleichheit, welches der bürgerliche Liberalismus und seine Revolution hervorgerufen haben. Ein leerer Begriff von Egalitarismus bewirkt, dass genuine geschichtliche Strukturen und ihr Gehalt an Humanität zerbrochen und die Einzelnen auf ein Dasein in der Masse oder in beziehungsloser Vereinzelung zurückgeworfen werden. Als besonders verhängnisvoll erwiesen sich die Utopien einer vollendeten Gesellschaft, welche von Karl Marx in einer geschlossenen Aktion von Massen, die er ökonomische Klassen nannte, und vom Nationalsozialismus, welcher im Namen des ganzen Volkes zu handeln vorgab, behauptet wurden. Dass diese Massen bewusstseinsmäßig angeleitet und von politischen Eliten organisiert sein müssten, bildet die andere Seite der Medaille.

Es ist selbstverständlich, dass für die Entwicklung und Sicherung der Persönlichkeit des Menschen Konformität unerlässlich ist. Das Ich des Menschen konstituiert sich sowohl auf dem Wege der Konfrontation des Individuums mit der Gesellschaft als auch durch seine Integration in soziale Gruppen, deren spezifische Aktivitäten durch Nachahmung – durch konformes Verhalten also – übernommen und je nach Dauer des Gruppenkontaktes verinnerlicht werden. Hohe Konformität vergrößert jedoch auch das Hervortreten von Idiosynkrasie. Idiosynkrasie wiederum ermöglicht Unabhängigkeit und Nonkonformismus.

Marktorientierung und Konsum der Massenmedien führen bei vielen Menschen zu automatischen Anpassungen, welche nicht nur den Kern der menschlichen Person zerstören, sondern weitreichende, autoritär-repressive Rückwirkungen auf die Gesellschaft selbst hervorrufen. Demagogie findet hier einen fruchtbaren Boden.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht unverständlich, dass eine Weigerung gegenüber dem Konformitätsdruck der Gesellschaft entsteht, um diese verborgenen und offenen Zwänge zu durchbrechen.

In der zu Lebzeiten unveröffentlichten Abhandlung Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn aus dem Jahre 1873 betonte Friedrich Nietzsche die Fähigkeit, plötzliche Eindrücke und Anschauungen zu entfärbteren, kühleren Begriffen zu verflüchtigen und sie den Eindrücken als das Festere, Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher als das Regulierende und Imperativische zuzulassen. Dazu bedarf es einer frei dichtenden und frei erfindenden Sphäre, die zwischen den verschiedenen Ebenen von Subjekt und Objekt eine stammelnde Übersetzung in eine ganz eigene Sprache» zustande bringt. Durch ein Übersehen des vermeintlich feststehenden Wirklichen entsteht eine völlig eigene Sichtweise. Wahrhaft zu sein heißt dann nicht mehr, den Konventionen zu gehorchen und in einem für alle verbindlichen Stile sich anzupassen. Selbst das logische Denken wird zum Muster einer vollständigen Fiktion, die wir zwar als brauchbares Schema anlegen, indem wir die komplizierte Wirklichkeit gleichsam durch einen Simplifikationsapparat filtern. Logik und Mechanik stellen eigentlich nur eine Art Konformismus, eine Schematisierungskunst, dar, um die Wirklichkeit zu bewältigen.

Das Fundament jeder Individualität, jedes ernsthaften Nonkonformismus ist jedoch die Einsicht, welche schon Platon formulierte, dass über allem die Erkenntnis des Guten stehen muss. Diese zu erlangen, ist die lebenslange Aufgabe eines Menschen. Versäumt er dies, wird er zur belanglosen Kopie einer Massengesellschaft oder zum Monster.




   
 Seitenanfang
 Seitenende