Der unwürdige Greis

"Vielleicht beruhte dieser Hass auf Erziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie."
Thomas Mann: Der Zauberberg, Frankfurter Ausgabe, S.66

Lässig, auf einen eleganten Regenschirm gestützt, steht ein alter Mann am Gehsteig eines belebten Platzes. So erschien ich wohl den Passanten, sofern sie überhaupt von mir Notiz nahmen. Ich war stehen geblieben, weil mir ein Hund aufgefallen war, der sich mühsam in eine Häuserecke geschleppt hatte, wo er sich erschöpft niederließ. Ich sah ihm an, dass es mit ihm zu Ende ging und überlegte kurz, ob ich ihm ein paar der Weißbrotstücke geben sollte, welche ich in einem Lederbeutel in meiner Sakkotasche mit mir trug. Dies war nur ein kurzer Gedanke, den ich sofort verwarf, nicht nur deshalb, weil zwei ältere Damen, die das Tier ebenfalls gesehen hatten, bereits die Tierrettung verständigten.

Ich ging weiter und gelangte bald in den Stadtpark. Wenn es einer Begründung bedarf, warum ich das tue, dann kann ich nur sagen, dass ich das tun muss. Nicht aus innerem Zwang oder Gewohnheit oder gar Überzeugung, sondern nur aus Ekel und Abneigung gegenüber der Welt. Eigentlich bevorzuge ich für meine Spaziergänge den Volksgarten, der mir von allen Wiener Gartenanlagen am besten gefällt, doch hier im Stadtpark weiß ich mich am wenigsten beobachtet, wenn ich die stark vergifteten Weißbrotkrümel an die zahlreichen Tauben verfüttere. Ich achte darauf, dass nicht einer der Schwäne, der Pfauen, der Enten oder anderer Vögel das hochkonzentrierte Gift frisst. Ich mache diese Vergiftungstour in unregelmäßigen Abständen, etwa zehnmal im Jahr. Falls welche überleben, sollen die gefiederten Tiere sich nicht an mich erinnern. Wenn ich manchmal auf einer Parkbank sitze und scheinbar voller Tierliebe die Tauben betrachte, passiert es, dass sich irgendwelche Alte zu mir auf die Bank setzen und mich in eines ihrer unerträglichen Gespräche verwickeln wollen. Natürlich biete ich ihnen keines meiner delikaten Weißbrote an, meist merken sie auch so sehr schnell, dass ich keiner der Ihren bin und suchen gewöhnlich innerhalb weniger Minuten das Weite.

Eine durchaus nicht ungebildet wirkende ältere Dame photographierte mit ihrem Handy meine Tauben und beschwätzte mich mit Lobpreisungen des Fortschritts. Sehr höflich erwiderte ich, dass ich bei der Betrachtung des sogenannten Fortschritts zur Gewissheit gekommen sei, dass ich gegen die russische Revolution gewesen wäre, gegen die französische gekämpft hätte, die Reformatoren am Scheiterhaufen verbrannt hätte und überhaupt gegen die Erschaffung des Menschen gewesen wäre. Kein Ereignis der Weltgeschichte, das von den vielen Gutgesinnten gepriesen werde, hätte meine Zustimmung gefunden. Sie sah mich verständnislos an, wahrscheinlich hielt sie mich für verrückt, murmelte einen kurzen Gruß und entfernte sich fast fluchtartig.
Solche Situationen liebe ich. Sie bestätigen mir meine Urteilsstärke und meine Unabhängigkeit.

Meine Spaziergänge sind der Einsicht, dass die geistige Schöpferkraft Zugeständnisse an die Bedingungen der Physis machen muss, geschuldete Tätigkeiten. Wer die Natur beherrschen will, muss ihr nachgeben. So verbringe ich jeden Tag ein bis zwei Stunden bei fast jedem Wetter in den großen Parks im Zentrum der Stadt. Man könnte mich als Paradeexemplar der aktiven, gesunden, lebensfrohen Generation der Alten bezeichnen. Dass ich so erscheine, kann mir nur recht sein. Ich war nie einer, der sein Inneres preisgibt.

Ich dachte an den sterbenden Hund, den ich vorher gesehen hatte. Zu Lebzeiten meiner Eltern und noch geraume Zeit nach ihrem Tod, als mein Bruder das elterliche Haus übernommen hatte, fuhr ich regelmäßig aufs Land, um sie zu besuchen, aber auch um ihren Hund zu sehen, Tasso, einen Boxer-Schäfer-Rüden, den ich sehr mochte. Er war mir so zugetan, dass ich ihn auf unseren ausgedehnten Spaziergängen bedenkenlos ohne Leine laufen lassen konnte. Ich war mir sicher, dass nicht ich auf ihn aufpasste, sondern er auf mich, wenn er herbeischoss, um nach mir zu sehen, wenn ich stolperte oder stehen blieb. Nichts entging seiner aufmerksamen Treue.

Nach dem Tod meines Vaters und dem bald darauf folgenden meiner Mutter kam es zwischen meinem Bruder und mir zu einem Zerwürfnis. Dieses hatte zur Folge, dass ich auch Tasso nicht mehr sah. Ich war damals mit so vielen anderen Dingen beschäftigt und die Jahre vergingen, sodass ich den einst so anhänglichen Hund gar nicht vermisste. Eines Abends, es dämmerte bereits, ging ich zufällig an meinem Elternhaus vorbei. Es war wohl mehr als das, was man Zufall nennt. Da keines der Fenster erleuchtet war, nahm ich an, dass niemand zu Hause war. Ich blieb stehen und meine Blicke schweiften über die altvertraute Fassade des Hauses und blieben an jenen Fenstern hängen, die zu den Räumen gehörten, welche ich einst bewohnt hatte. Da hörte ich ein schnelles Laufen, ein verhaltenes Gebell, das augenblicklich in ein Winseln überging. Es war Tasso, der mich erkannt hatte. Ich zwängte meine Hand durch das Eisengitter und streichelte ihn, so gut es diese Umstände zuließen. Doch er beruhigte sich nicht und ich war zutiefst von seiner Anhänglichkeit gerührt, welche nach so langer Zeit meiner Abwesenheit keinen Abbruch erfahren hatte. Schweren Herzens verabschiedete ich mich von diesem wunderbaren Tier und ich habe sein Winseln und Jaulen, das ein Klagen war, nie vergessen.

Einige Wochen später ging ich wieder an meinem Elternhaus vorbei und das Schauspiel, das ich nun als Tragödie empfand, wiederholte sich. Am liebsten wäre ich über den Eisenzaun gestiegen, um Tasso wie früher begrüßen und streicheln zu können. Und wieder war der Abschied heftig und grausam. Ich beschloss, in Zukunft das Haus zu meiden, weil ich diese Begegnungen für Mensch und Hund als zu aufwühlend empfand.

Nach ungefähr einem Jahr erhielt ich von meinem Bruder die Nachricht, das Tasso gestorben war. Ich hatte ihn nach unseren zwei heimlichen Begegnungen nie mehr gesehen. Aber es kommt heute, nach Jahrzehnten noch vor, dass ich von ihm träume.

Nachdem ich den gierig pickenden Tauben ihre letzte Mahlzeit verfüttert hatte, stand ich auf, schlenderte durch den üppig blühenden Stadtpark, wo der Frühsommer seine volle Pracht entfaltete und die Luft nicht nur von Blumendüften erfüllt war, sondern auch von zahlreichen Insekten, welche ihre emsigen Tätigkeiten verrichteten.

Ich war acht oder neun Jahre alt und es war in den schier endlosen Sommerferien. Mir kam es im elterlichen Garten so vor, als ob in der brennenden Mittagshitze auch die Aufmerksamkeit mancher Tiere nachließe. Diesen Umstand nutzte ich aus und es gelang mir, zwei, drei Libellen, einige Käfer, Spinnen und Raupen zu fangen. Ich gab sie in dafür von mir vorbereitete kleine Schachteln, die ich einen winzigen Spalt offen ließ, um ihnen eine Chance zu geben, ihrem Schicksal zu entkommen. Dem einen oder anderen Insekt gelang dies auch. Misstrauisch verdächtigte ich meinen Bruder, seine Hand im Spiel zu haben. Doch dies war nicht der Fall. Nach dem Mittagessen, dessen Ende ich nur mühsam erwarten konnte, machte ich zwischen ein paar Steinen Feuer, auf das ich den großen Blechdeckel eines von meiner Mutter ausrangierten Topfes legte. Schnell war das dünne Metall erhitzt. Ich öffnete die Gefängnisse der Insekten und ließ Raupen und Spinnen auf die Mitte des heißen Bleches fallen. Nur wenigen gelang es zu fliehen und nicht völlig zu verbrennen. Den Libellen und Käfern zerstörte ich die Flügel, bevor ich sie auf das erhitzte Metall fallen ließ.
Wie das zischte!




   
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