Vermessen

Bereits im althochdeutschen Wort firmezzan, aber auch im mittelhochdeutschen vermezzen gibt es neben dem naheliegenden ‚sich beim Messen verschätzen’ das Verständnis von ‚verwegen, kühn’.

Alte Mythen

Eva handelte in einer gewissen Weise vermessen, doch letztlich klug, als sie im Paradies vom Baum der Erkenntnis aß, wodurch sie nicht nur die Unterscheidung von Gut und Böse erhielt, sondern auch die Fähigkeit, in die Tiefen menschlicher Wirklichkeit einzudringen und nicht bloß bei der Wahrnehmung der sichtbaren Welt zu bleiben. Wie töricht wäre es gewesen, hätte sie vom Baum des ewigen Lebens gekostet! Ewiges Leben ohne erlösenden Tod mag vielleicht auf den ersten Blick verheißungsvoll erscheinen, doch letztlich wäre dies bloß ewige Gegenwart!

Ein auf diese alttestamentliche Paradieserzählung zurückgehender anderer Mythos berichtet, dass entlang des Weges, auf dem die Schlange den Garten Eden verließ, Wermut wuchs. So hinterließ die Schlange, die Eva Erkenntnis verhieß, ihre bitteren Spuren, auf der die Menschen bis heute herumirren.

Auch im Neuen Testament gibt es einen Bezug auf das Bitterkraut. In der Offenbarung des Johannes heißt es:

Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren. (Offb 8, 10 – 11)



¹ Tenture de l'Apocalypse, 14.Jhd. (Ausschnitt), Château d'Angers

Die lateinische Bezeichnung Artemisia absinthium bezieht sich auf die griechische Göttin Artemis, die Göttin der Jagd. Artemis entdeckte das Bitterkraut und schenkte es dem Kentauren Chiron, der es ihr zu Ehren benannte.

Der Ausdruck „Wermutstropfen“ spielt auf die Bitterkeit des Wermuts an und beschreibt Dinge oder Erfahrungen, die eine Spur von Schmerz oder Traurigkeit in an sich Schönes bringen, so wie ein Tropfen Wermut auch einem süßen Getränk eine Spur Bitterkeit verleiht.

So ergibt sich ganz von selbst ein Verständnis, das auf die hier angeführten vierundzwanzig Stichwörter bezogen Erkenntnis nicht bloß als nüchterne, rationale Betrachtung der Welt beschränkt. Das heutige Wissenschaftsverständnis führte zu der Auffassung, dass es nichts Unergründbares und Unberechenbares gibt. Alles sei prinzipiell durch Berechnung beherrschbar. Mit dieser Auffassung geht eine Haltung einher, welche zunehmend Reglementierung und Bevormundung erzeugt.

Warum Verwegenheit bewundernswerter ist als Unterwerfung

Diskreditiert scheint Verwegenheit durch die Tücke der Schlange zu sein. Beim Betrachten des Entkommens aus dem Stillstand des Paradieses gewinnt die Unterwerfung unter das göttliche Gebot einen zweifelhaften Beigeschmack.¹

Seit sie sich ihrer selbst bewusst wurde, ist die Menschheit vom Mysterium des Daseins, wie es durch die Religionen geformt wurde, ergriffen. Sie muss mit diesem Mysterium leben. Doch allmählich scheint die Deutungshoheit der Religionen zu verschwinden. In den folgenden Kommentaren quillt zwar, da sie zu den wichtigsten Grundlagen der europäischen Zivilisation gehört, die christliche Tradition aus allen Fugen – allerdings das Christentum des Buchstabens, nicht das entmythologisierte, das nur sozioökonomisches Geschwätz ist –, doch ebenso wird bedacht, dass religiöse Epochenprägungen Europas wahrscheinlich vorbei sind.

Kommentare, wie diese hier, gelangen nie zu einem Ende und haben von Beginn an fragmentarischen Charakter. Sie sind bloß Hinweise auf die Unfertigkeit des Denkens wie auch der Welt. Alle knappen Behauptungen geben nicht plötzliche Einfälle wieder, sondern sind lakonische Schlussfolgerungen. Ausdrücklich festgehalten sei, dass diese Texte auch auf der altgriechischen und lateinischen Literatur aufbauen, um jene vermeintliche Modernität zu vermeiden, welche aus dem Triumph der Ignoranz gegenüber der Geschichte entsteht.

Mit vierundzwanzig Stichwörtern wird der Versuch unternommen, die Conditio humana zu beschreiben. Die Anregung dazu entstand durch eine naheliegende Parallele. Die Physik kennt insgesamt zwölf Materieteilchen², aus denen die gesamte Materie im Universum zusammengesetzt ist. Bislang hielten Physiker weitere Teilchen, die noch nicht entdeckt wurden, zumindest für möglich. Analysen der Daten, die bei der Suche nach dem Higgs-Boson gesammelt wurden, schließen dies jedoch mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99999 Prozent aus. Alles, was wir auf der Erde oder durch Teleskope sehen, ist aus diesen zwölf Teilchen aufgebaut.

Dass der Zwölfheit der Materie eine doppelte Zwölfheit des Geistes gegenüber gestellt wird, heißt nicht, dass dem Einen ein Vorrang vor dem Anderen eingeräumt wird. Die Feststellung des Physiologen und Begründers der experimentellen Elektrophysiologie Emil Heinrich Du Bois-Reymond³; : Ignoramus et ignorabimus (lat. „Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen“) gilt immer noch. Unerkennbar ist sowohl das Wesen von Materie und Kraft als auch das Verhältnis, in dem Bewusstseinszustände zu ihren materiellen Voraussetzungen stehen.

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1) Dieser wird auch eindrucksvoll illustriert durch jene Religion, welche sich selbst als Unterwerfung versteht.
2) Up-Quark, Down-Quark, Elektron, Elektron-Neutrino, Cham-Quark, Strange-Quark, Myon, Myon-Neutrino, Top-Quark, Bottom-Quark, Tauon, Tau-Neutrino
3) Du Bois-Reymond lebte von 1818 bis 1896 und formulierte 1872 in seiner berühmt gewordenen Rede vor der 45. Versammlung der „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“ in Leipzig seine Skepsis gegenüber den Erklärungsansprüchen der Naturwissenschaften und eröffnete damit den sog. Ignorabimus-Streit.


   
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