Ich atme den Rauch von meinem Wesen
und der Himmel singt der Seele, die gewesen,
ohne Ton und Wort ein ew’ges Lied,
entkommen ist sie, denn die Zeit entflieht.

Katharsis

Dieser Begriff ist vom griechischen Verbum καθαιρεῖν abgeleitet, das 'reinigen, von etwas befreien, durch Reinigen entfernen, abwaschen, ausrotten' bedeutet.

Bevor die Tennisspieler in Wimbledon den Centre-Court betreten, gehen sie unter einem Schriftzug hindurch, der folgendermaßen lautet:*

Katharsis bedeutete ursprünglich Reinigung durch Besprengung mit Wasser oder dem Blut eines Opfertieres, aber auch Ausgleichung und Entladung. Insbesondere bezeichnete man damit die Weihereinigung bei den Eleusinischen Mysterien.

Dem allen zugrunde liegt die menschliche Sehnsucht, seinen Körper von Hässlichkeit, Übel und Laster und seine Seele von Schlechtigkeit, Unverstand und Schuld zu befreien. Schauder und Jammer sind nicht das einzige Leid, welches Körper und Seele belastet. Triumph und Unglück sind kein Selbstzweck, sondern reinigen den Menschen, wenn er sie durchschaut...

Orphiker, Platon und Aristoteles

Aristoteles interpretierte in seiner Poetik Katharsis auf einer eher einschränkend rationalen Ebene. Seine Vorstellung ging von medizinischen Überlegungen einer Erleichterung von Überschüssigem durch gelenkte Erregung aus. Für ihn vollzog sich Katharsis als ein befreiendes Verströmen von Empfindungen, welche ansonsten eine negative Wirkung im Menschen haben könnten.
Die aristotelische Sicht stellte aber eine Abkehr vom ursprünglichen Verständnis der Katharsis, welche von den Orphikern* bis zu Platon im Vordergrund stand, dar. Katharsis bedeutete bei Aristoteles eine Wendung vom orgiastisch leidberauschten, schmerzenstrunkenen Pathos zum beruhigten Ethos. Orgiastische Umtriebe des Dionysos traten zugunsten der ethischen Rhythmik des Apollon in den Hintergrund.

Orpheus wurde zum Stifter der Dionysos-Mysterien umgedeutet. Der Dionysosmythos wurde so von der Beimischung orgiastischen Unwesens geläutert und auf seinen Ursprung zurückgeführt, auf die Reinigung der Seelen. Vielfach identifizierte man nun Dionysos mit Apollon, es vollzog sich eine Läuterung, durch die der Volksgott Bakchos mit dem geistig klaren Lebensordner und Kulturgott Apollon verschmolz.

Spuren orphischer Lebensansichten und Erkenntnisse gab es innerhalb der griechischen Geisteswelt zuhauf. Mit dem Aufkommen der Philosophie entwickelte sich eine Kultur, welche mystische Religiosität und Intellekt verband und ihren Ausdruck in jenen Geheimlehren fand, die nicht oberflächlichen Bedürfnissen und Sensationslüsten dienten. Diese verwiesen vielmehr angesichts der wissenschaftlichen und philosophischen Welterklärungen auf jenes Unerklärbare, das sich durch die Beschäftigung mit dem Tod ergab und nicht selten eine asketische Lebensgestaltung zur Folge hatte, da man die Nichtigkeit der materiellen Welt zu durchschauen meinte. Ähnlich wie die Philosophie hatten die mystischen Geheimlehren den Zweck des Strebens nach Befreiung von den gängigen Maßstäben.
Die Mysterien führten das Individuum vor seinen eigenen Abgrund, ohne eine Erklärung für diesen zu geben, wohl aber hielten sie dazu an, sich ihm zu stellen.



Michele Tripisciano, 1860 – 1913: L'Orfeo

Die besondere Bedeutung des Orpheusmythos lag darin, dass man das Scheitern als wesentliche Säule des menschlichen Daseins ansah. Orpheus personifizierte eine Sehnsucht, die als Symptom eines Geheimnisses gesehen wurde, das nicht mehr hinterfragbar war.

Als historische Gestalt ist der thrakische Sänger und Lyraspieler Orpheus ebenso wenig greifbar wie der ursprüngliche Inhalt der orphischen Bewegung, die seit dem sechsten Jahrhundert vChr nachweisbar ist. Zum Grundbestand des orphischen Mythos dürfte die Erzählung vom Zeussohn Dionysos gehören, der von den Titanen zerrissen wurde. Zeus strafte die Titanen mit seinem Blitz und ließ aus ihrer Asche das Menschengeschlecht entstehen. Entsprechend seiner Herkunft hat der Mensch Anteil am Dionysischen und am Titanischen.

Wie kann die Bedeutung des Dionysos im Griechenland der vorhomerischen Zeit, also bis etwa 700 vChr beschrieben werden?
Die Männlichkeit des Gottes riss das Weibliche unwiderstehlich mit sich und blieb doch ganz in ihm verhaftet. Sein Dasein glühte im berauschenden Trank und wie ein Sturm löste sich in einem Taumel das Bewusstsein ins Grenzenlose auf. Das Grenzenlose zeigte sich etwa darin, dass im Frühjahr, wenn Dionysos die Blumen brachte, sich auch die Toten um ihn scharten.



Gustave Moreau, 1826 – 1898: Zeus und Semele

Kein anderer hatte eine so bewegte, zwischen Abstürzen und Triumphen schwankende Kindheit wie Dionysos, der Sohn des Zeus und der sterblichen Semele. Anders als die anderen Götter besaß er eine große Gefolgschaft. Der alte Silenos, ein begnadeter Zecher, war sein Ziehvater. Sein Motto verkündete der antike Tragödiendichter Euripides: „Denn wer am Trinken sich nicht freut, der ist ein Narr.“

Dionysos Geliebte ist Ariadne, die verlassene Königstochter, in die er sich auf der Insel Naxos verliebte. Die Mänaden, Rasende, begleiteten den Gott auf seinen nächtlichen orgiastischen Streifzügen durchs Gebirge, umschwärmt von den Satyrn, wilden Männern mit Dauererektion. Weil Esel neben Stieren in der griechischen Antike Inbegriff von ungebändigter sexueller Lust waren, malten die Künstler den Satyrn Eselsohren. Kein anderer Gott der Antike wurde so oft gemalt und gemeißelt wie Dionysos samt seinem Gefolge. Doch anders als der meist athletisch-stählerne Apollon war Dionysos ein Jüngling mit weiblichen Zügen und damit auch hier ein Grenzgänger. Um das göttliche Ideal nicht zu verunglimpfen, überließ man die zügellose Lüsternheit seiner Begleitung. Die Begierden des Dionysos wurden selten thematisiert oder gar dargestellt. Mit seinem Überschwang, dem Aufbegehren gegen Zucht und Ordnung wirkte der rasende Gott schon auf die Griechen befremdlich. Auch die orgiastischen Elemente des Orpheuskults mit ihren magischen Praktiken wurden als illusionäre Macht wegen des Mangels an Gedanken von der Philosophie und den meisten Dichtern abgelehnt.

Platon blieb zwar dem Grundgedanken der Orphiker verbunden, da er es als Ziel der Philosophie ansah, eine ständige Reinigung von den Irritationen und Leidenschaften des Körpers anzustreben. Die körperbedingte Trübung des menschlichen Erkenntnisvermögens zu überwinden könne jedoch nur durch die endgültige Trennung der Seele vom Körper erreicht werden. Dieses Ziel erfordert ein asketisches Leben im Geist, das jedes körperliche Streben überwindet.

„Wir sind dort angelangt, wo ich dir sagte, du werdest die gepeinigten Menschen sehen, welche die Gabe der Einsicht verloren haben...“*

Menschliches Leben meint seinen Sinn durch die wohlwollenden Seiten der Welt zu erfahren, die weit über eine unpersönliche Neutralität hinauszugehen scheinen und eine Gewissheit errichten, welche aufbauende Kräfte zu einem selbst gestalteten Lebensentwurf veranlassen. Im Mythos wird auf überrationale Weise aber gewiss, dass das machtvolle Leben und der sichere Tod im Menschen eine unvereinbare Einheit bilden.
Es weinen die Götter, weil das Schöne vergeht und das Vollkommene stirbt.

Das Mysterium der Katharsis ist unsagbar. Daher steht in der griechischen Religion das Geheimnisvolle nicht im Vordergrund. Es ruht in der Tiefe und lässt jede Betrachtung im Unaussprechlichen versinken. Hinter der Klarheit des Anschauens steht das Rätsel des Seins. Alles Letzte ist undeutbar.

So zählt es wohl zu den eigenartigsten Merkmalen der menschlichen Geistesgeschichte, dass ein Grundbegriff der Religion einer der geistreichsten antiken Kulturen unbeachtet und vergessen ist. Katharsis war nicht den Sehnsüchten und Sorgen des Menschen entstiegen, sondern kam aus der Tiefe des Daseins. Auch wenn der Glanz des Lebendigen alles zu überstrahlen schien, war der Blick auf jenen unauflösbaren Widerspruch gerichtet, der im Dunkel des Todes schimmert.

Die zentrale Erkenntnis der antiken Religion der Griechen bestand in der Wahrnehmung zweier einander völlig fremder Reiche. Ein Reich des Lebens und der Entfaltung stand einem Reich des Todes und des Abbruchs gegenüber. Ersteres ist gestaltet, tätig und persönlich, das andere jedoch hat weder Gestalt noch ist es eine Person, vielmehr setzt es Grenzen, indem es Entfaltung und das Leben selbst jäh abschaltet.

Es ist nicht das Schicksal des Menschen, dass er dies oder jenes erreicht, schafft oder genießt. Dies gehört zur Dynamik des Lebens. Schicksal ist es vielmehr, dass der Mensch auf die andere Seite des Seins hinübertreten muss, die kein Leben mehr kennt, kein Blühen und keine Götter, sondern nur Notwendigkeit und Begrenzung. Das Schicksal beschert jenes dämmerige Reich, in dem sich statt der Gegenwart nur noch das Gewesene ausbreitet.

Katharsis kann als ein gesteigertes und erneuertes Wahrnehmen beschrieben werden, das anders einzuordnen ist als das begriffliche Erkennen.

Die nichtssagende, inflationäre Sinnfülle, welche seit der Aufklärung ihre Aufmerksamkeit auf die Welt als ein Objekt richtete, verkam zum reinen Selbstzweck. Der Mensch wurde zum sich selbst genügenden Wesen. Seine Suche nach Wahrheit, seine Sehnsucht nach Vollkommenheit und seine Trauer angesichts des Todes wurden als fehlgeleitete Regungen denunziert.
Hedonismus pur ist angesagt, um keine komplizierten Gefühle durch verzögerte Bedürfnisbefriedigung aufkommen zu lassen. Die Heilsversprechen der Aufklärung und der gesellschaftlichen Emanzipationen münden in eine ersehnte Fürsorglichkeit des Staates, welche nichts mit ihrer Deutungshoheit verschont. Der Staat tobt in seinem Regelwahn, welcher eine perverse Freiheit zum Konsum, zu den Medien und zur Betäubung gebiert. Statt der asketischen Erkenntnis gibt es die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch die Psychoanalyse vulgarisierte Phantasiewelt des Erlebnisses.

Die Läuterung der Seele von Leidenschaften kann sich nur dann vollziehen, wenn der Mensch erkennt, dass die Wirklichkeit selbst etwas Fließendes ist und kein Fixum darstellt. Denn es gibt nichts in der Welt und im Selbst, zu dem wir einen direkten, von Deutungen freien Zugang besäßen. Alles ist durch Zeichen, Symbole, Sprache und Texte vermittelt, ob es uns bewusst ist oder nicht. Alles ist in der Schwebe und steht Deutungen offen.
Die naturwissenschaftlich-materialistische Deutung, welche heute viele Menschen als die einzig richtige ansehen, ist der Triumph des Sieges über das Dionysische, das vergessen und verschwunden ist. Den Alten gelang nicht, den Nachkommenden die innere Kraft dieses Mysteriums weiterzugeben und den Jungen gelang nicht, diese innere Kraft des Mysteriums zu erahnen.

Paulus in Athen

Der Tod von Pan und Dionysos

   


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