Dieser Holzschnitt wurde dem wahrscheinlich von Francesco Colonna verfassten Buch Hypnerotomachia, das 1499 erstmals erschien, entnommen und 2013 für diesen Text bearbeitet.

Körper und Seele

σῶμά σῆμα

In der griechischen Kultur war die Seelenwanderung, z. B. bei Pythagoras, nicht unbekannt. Im Vordergrund stand jedoch die Vorstellung vom Totenreich als freudloser, düsterer Unterwelt, welche die Griechen mit Grauen erfüllte.

Epicharmos von Kos* formulierte als einer der ersten Dichter und Philosophen jenen Grundsatz, der auch später für die stoische Philosophie maßgeblich blieb: Emori nolo, sed me esse mortuum nihil aestimo – Sterben will ich nicht, aber tot zu sein achte ich für nichts*.

Als die Menschen sich als Personen zu verstehen begannen, welche sich von der Herrschaft der Regungen und Gefühle befreien konnten, erlangte die dualistische Auffassung von Leib und Seele, insbesondere in der Ausprägung der Lehre Platons, eine bestimmende Bedeutung:
Der Leib ist das Gefängnis oder Grab der Seele.* Die Seele wurde als substantielle Form des Leibes gesehen. Im Neuplatonismus sah man den Menschen dazu befähigt, sich von den Verstrickungen des Körperlichen zu lösen und wieder in jenen geistigen Bereich zurückzukehren, aus dem einst die Seele in die Materie gefallen sei.

Lucius Annaeus Seneca* betrachtete die Seele als Kraft und Fähigkeit des Menschen, die eigene, körperliche Endlichkeit zu akzeptieren, sie jedoch nicht als endgültig anzusehen. Er schrieb im 102. seiner Epistulae Morales ad Lucilium*:
Dies irdische Verweilen ist das Vorspiel zu dem besseren und längeren Leben. Wie uns der mütterliche Schoß zehn Monate lang festhält und uns rüstet, nicht für sich, sondern für jene Stätte, in die wir allem Anschein nach entlassen werden, sobald wir fähig sind zu atmen und im Freien auszudauern, so reifen wir während des von der Kindheit bis zum Greisenalter dauernden Zeitraumes für eine andere Geburt. Ein anderer Ursprung harret unser, eine andere Daseinsform. Noch können wir den Himmel nicht anders als aus der Entfernung unserem Bewusstsein zugänglich machen. Darum schaue unverzagt auf jene entscheidende Stunde: sie ist die letzte nicht für die Seele, wohl aber für den Körper. Alles Irdische, was dich hier umgibt, betrachte nur als Gerät einer Gastesstätte: du musst von ihr scheiden und die Wanderung fortsetzen...

Das Christentum fand in der Antike nicht zuletzt wegen seiner Lehre von der Auferstehung der Toten Resonanz. Nach der christlichen Lehre ist die Seele nicht ein für sich seiendes Selbständiges, das eine Einheit mit dem Materiellen eingegangen ist, sondern bildet eine substantielle Einheit mit der körperlichen Raumzeitlichkeit. Der menschliche Leib ist Ausdruck des geistpersonalen Daseins. Das Geistige des Menschen vollzieht sich im Materiellen und weist doch darüber hinaus. Mit der Unsterblichkeit meint das Christentum nicht ein Weiterdauern der Seele, sondern eine überzeitliche Vollendung in Gott.

Ganz anders begriff Plotin* , einer der wichtigsten Vertreter des Neuplatonismus, Körper und Seele. Er sah im Körperlichen die Nichtigkeit des Oberflächlichen und fasste seine Sicht in einer Anspielung auf den Narkissos-Mythos so zusammen:
Denn wenn man Schönheit an Leibern erblickt, so darf man sich ihr ja nicht nähern, man muss erkennen, dass sie nur Abbild, Abdruck, Schatten ist, und fliehen zu jenem, von dem sie das Abbild ist. Denn wenn einer zu ihr eilen wollte und sie ergreifen, als sei sie ein Wirkliches, so geht es ihm wie jenem, - irgendeine Sage, dünkt mich, deutet es geheimnisvoll an - der wollte ein schönes Abbild, das auf dem Wasser schwebte, greifen, stürzte aber in die Tiefe der Flut und ward nicht mehr gesehen. Ebenso wird der, welcher sich an die schönen Leiber hält und nicht von ihnen lässt, hinabsinken. Nicht leiblich, aber mit der Seele in dunkle Tiefen, die dem Geiste zuwider sind... Enneade* I.6(1).8,6-15

Die Mutterstofflichen

Dass Leib und Seele nur den Doppelaspekt des spezifisch menschlichen Funktionszusammenhangs darstellen, der sich einzig aus der Materie ergibt, entspricht der allgemeinen heutigen materialistischen* Sichtweise.

So könnte man einen wohlgenährten Menschen nach den Rindern, Schweinen und Schafen fragen, die er im Laufe seines Lebens verzehrt hat. Die Antwort müsste folglich als eine hinreichende Erklärung seines Menschseins genügen.

Der unbeherrschte, von seinem Körper beherrschte Mensch bedeutet das Zurückschrauben auf das bloß Materielle, auf das Maßlose. So verfällt der Körper zum Werkzeug der Triebe, der Leiden, des Verfalls und des Todes. Beim Essen kommt es darauf an, hungrig zu bleiben. Der Mensch, den der Bauch regiert, erträgt dies nicht. Er zeigt jene Unglücksform des menschlichen Daseins, welche den physischen Mangel nicht erträgt und zum neurotischen Vielfresser verkommt.
Das Völlegefühl ist die Folge dieses fatalen Missverständnisses. Es macht weder munter, noch eignet es sich, präzises Denken zuzulassen. Es ist der Tod der Geisteskraft. Wie kann der Mensch dem entgehen?



Georg Emanuel Opitz, 1775 – 1841: Der Völler

Die Menschen entfalten ihre vielfältigen Fähigkeiten und verdanken ihre Entwicklung unzähligen Einwirkungen einer großen Welt, aus der sie sich aneignen, was ihnen gemäß erscheint. Wird der Körper nicht nur als Objekt eines Gesundheits- und Jugendwahns gesehen oder als Schlachtfeld maßloser Völlerei, sondern als eine Metapher menschlicher Vergänglichkeit, dann beginnt sich jene Hoffnung zu entfalten, welche nicht ausschließt, dass der Mensch mehr ist als sein Körper.