Melancholie



Edvard Munch: Melancholie, 1894 – 1896

Melancholie (griechisch μελαγ-χολία melancholia „Schwarzgalligkeit“) bezeichnet eine durch Schwermut, Schmerz, Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gemütsstimmung, die in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht.

Theophrastos* sah eine Verbindung von Melancholie und Genie und stellte die Behauptung auf, dass alle außergewöhnlichen Menschen in Politik, Dichtung, Philosophie und den Künsten Melancholiker seien. Er deutete an, dass das Stadium höchster Leistungsfähigkeit schnell in pathologische Zustände umschlagen kann.

Die in den meisten griechischen Statuen erkennbare Melancholie kann man als Hinweis verstehen, dass der Geist sich im Staunen erhebt. In der Moderne hingegen dominiert gehaltlose Subjektivität, Schwäche und verlogene Herrlichkeit des Gemüts, etwa in der Spaßgesellschaft. Sören Kierkegaard sieht in der Melancholie das unbewusste Sehnen nach dem Religiösen.

Vieles kann die Melancholie in Verbindung setzen, was im Verständnis der Nicht-Melancholiker nichts miteinander zu tun hat. Aber noch grundlegender ist der ins Nichts starrende Blick, der von der Gewissheit getragen ist, dass die sich darbietende Welt in Stücke zerfallen ist. Nichts ist in Einklang zu bringen, alles erscheint bruchstückhaft und unerklärbar. Ein inneres Universum tut sich machtvoll auf, das im schlechtesten Fall als rasendes Nichts erscheint. Das Universum der Melancholie ist sich selbst überlassen, es gibt keinen Gott, der es in seinen Händen hält.

Das gesamte Werk Edvard Munchs* steht im Bannkreis der Melancholie. Der im Vordergrund obigen Bildes zu sehende Mann sitzt allein am Ufer eines Gewässers unter einem fahlen Himmel. Es gibt keine Geschichte und keine Spur einer Ordnung. Bedrohlich wie ein riesiges Ohr und ein verzerrter Mund liegen zwei felsbrockenhafte Ungetümer neben dem in sich versunkenen Mann. Die bedrohlich wirkende Natur verweist auf eine einmal lebendig gewesene Macht, die sich aber aus der Welt zurückgezogen hat. Im Hintergrund befinden sich zwar Menschen und auch ein Haus. Aber sie erzählen keine Geschichte. Allegorien und Symbole würden auf eine gewisse Logik verweisen. Doch dem einsamen Mann scheinen alle vernünftigen Erklärungen abhanden gekommen zu sein. Die Welt ist für ihn derart in ihre Teile zerfallen, dass es nicht mehr möglich ist, zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Es gibt keine Ordnung mehr. Nur ein Jenseits davon.


   
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