Arnulf Rainers Verschleierung des Wiener Ringturms im Sommer 2014 unter dem Titel Schleier der Agnes

Wenn der Mensch seine Welt nicht in ein metaphysisches Abenteuer hineinzieht, ist die Bedeutung seiner großartigsten materiellen Unternehmungen lächerlich und nichtig.

Bereits in seinem 1786 erschienenen Werk Denkwürdigkeiten, aufgezeichnet zur Beförderung des Edlen und Schönen äußerte sich Karl Philipp Moritz* skeptisch über die aufklärerische Fetischisierung* der Nützlichkeit, indem er hervorhob, dass die Ausrichtung auf die Mehrung des Wohlstandes nach und nach das Erhabene und Schöne verdrängen werde und man etwa die Natur nur mehr interessant findet, insofern man den Ertrag ihrer Produkte vor Augen hat.

Die scheinbar rational begründete Verabsolutierung des Nützlichen verhindert das vom Menschen Ersehnte, das ihm gleichwohl unzugänglich bleibt. Der mit dem Nützlichkeitsdenken verbundene Materialismus ist Ausdruck des beschädigten Lebens, das seine Empfindungen und Bedürfnisse nur mehr mit den Erfordernissen des Konsums und des Vergnügens abdeckt. So kommt es durch die Angepasstheit an Konsum- und Unterhaltungswelt zu einer Negierung der Widersprüchlichkeit des Menschen, die zu ihm gehört wie der Pelz zum Fuchs.
Der im Nützlichkeitsdenken versunkene Mensch verliert seinen Sinn für das Schöne – Kunst wird zur Wertanlage –, für das Menschliche – organisierte Wohlfahrt verdrängt die aus dem Herzen kommende Nächstenliebe – und das Transzendente, denn alles dient der Selbstoptimierung. Viele Menschen erleben ihr Leben nicht als Selbstverwirklichung, sondern als Selbstverlust. Sie verwirklichen nicht ihr Selbst, wovon eine Vielzahl psychologierelevanter Berufe profitiert, sondern verlieren es. Die Ursache vieler heute auftretender sogenannter psychischer Erkrankungen ist das Leiden an der eigenen Borniertheit. Die vom Dogma der Transparenz beherrschte Gegenwart will alles offenbart, erklärt und bewiesen haben. Es gibt keine Bereiche mehr, die dem Menschen Transzendenz ermöglichen. Die Kirchen sind entweder touristische Attraktionen geworden oder Stätten ausgebrannter, hilfloser Inszenierungen.

Doch der Mensch ist ein Grenzüberschreiter. Nicht bloß aus Neugier, sondern aus einem tiefen inneren Drang, der sich mit dem Gegebenen nicht begnügen kann. Diese unergründliche Kraft verweist zwar auf das Ungenügen des Vorhandenen, ist aber auch nicht imstande, das Ziel des Ersehnten zu benennen.

Petrus de Natalibus* berichtet in seinem Catalogus sanctorum von der wohl bekanntesten Legende aus dem Leben des heiligen Augustinus. Der Heilige sah am Meeresufer einen Knaben, der mit einer Muschel Wasser aus dem Meer in eine kleine Mulde, welche er selbst gegraben hatte, schüttete. Amüsiert fragte er das Kind nach dem Zweck seines Tuns. Der Knabe antwortete, er wolle das ganze Meer in die kleine Vertiefung schöpfen. Augustinus lächelte und sagte, dass dies unmöglich sei. Darauf erwiderte das Kind, dass dies eher möglich sei, als die letzten Geheimnisse des Daseins auszuschöpfen ...

Gottes Existenz ist kein Thema der Naturwissenschaften, da Gott nicht im Universum vorkommt. Jeder Glaube, welche dies annimmt, huldigt einer magischen Vorstellungswelt, einer Variante einer Vergötzung. Solange Religionen in Dogmen versponnen sind, fehlt ihnen die Kraft, den Menschen darauf hinzuweisen, dass es keine letztgültigen Antworten gibt. Die Religion bietet keine Verortung in einem Sinnzusammenhang* , sondern erzählt Geschichten, um für das Inkommensurable des Lebens eine Sprache zu finden. Dante nennt den Glauben Substanz erhoffter und Argument ungesehener Dinge* .

Wenn der Einzelne es zulässt, wird er vom Sein, welches er nur bruchstückhaft erfährt, so ergriffen, dass er sich leer zurückgelassen wähnt. Doch er wird auch gewahr, dass er seinen Fuß in die Türe setzen, aber die Schwelle nicht überschreiten kann.

Was bleibt? Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber betrügt, dass es keines mehr gibt.* Zwar sträubt sich der so degradierte Mensch gegen seine Verwandlung durch den herrschenden Zeitgeist, doch meist ist er zu schwach, um zu widerstehen. Das Leben des Geistes gewinnt seine Wahrheit nur, indem der Mensch seiner absoluten Zerrissenheit gewahr wird und so zu sich selbst findet. Dies kann nur geschehen, wenn er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt.* Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die das Negative in das Sein umkehrt. Der Mensch als zum Transzendieren Befähigter zerreißt die Schleier der verherrlichten Totalität, hinter denen allesamt sich nichts anderes befindet, als Negationen seines Menschseins. Befreit schreitet er über den Terror des Konsums, der Vergnügungen und einer entfesselten Medienwelt hinweg.


   
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