Ausdruck einer Epoche



Älteste bekannte Gesamtansicht von Amsterdam von Cornelis Anthonisz*) aus dem Jahre 1538

In Holland lebten im siebzehnten Jahrhundert dank ausgedehnter Handelsaktivitäten die wohlhabendsten Bürger Europas. Das Zentrum dieses Wohlstands war Amsterdam, die führende Handelsstadt der Niederlande und dank mächtiger Handelskompanien der europaweit florierendste Umschlagplatz für den Welthandel.

Für das Selbstverständnis der bürgerlich-protestantischen Gesellschaft erhob sich die Frage, was dem Willen Gottes eher entspricht, den Reichtum anzuhäufen oder ihn zu konsumieren. Dieses Problem stellte sich in jenen Ländern nicht, in denen der Hof des Herrschers den im Land entstehenden Reichtum vor allem für die herrscherliche Repräsentation und die Finanzierung des Heeres an sich zog. Im Protestantismus sah man Reichtum und Konsum in erster Linie unter einem moralischen Gesichtspunkt.

Die Eigenart der niederländischen Stilllebenmalerei des siebzehnten Jahrhunderts ist daher durch folgende zwei Umstände gekennzeichnet:

In den Niederlanden gewann nach der im Westfälischen Frieden erlangten Unabhängigkeit von Spanien, welche am 15. Mai 1648 erfolgte, das Bürgertum rasant an Bedeutung. Der Adel wurde in den Hintergrund gedrängt. In der Folge wuchsen die Niederlande als Republik der Sieben Vereinigten Provinzen zu einer der größten See- und Wirtschaftsmächte des 17. Jahrhunderts heran. Während dieser Zeit wurden Handelsposten auf der ganzen Welt errichtet. Dies ging jedoch nicht vom Staat aus, sondern von den beiden ersten Aktiengesellschaften der Geschichte, der Niederländischen Ostindien-Kompanie und der Niederländischen Westindien-Kompanie.
Die immer wichtiger werdenden Bürger, welche zu erheblichem Wohlstand gelangten, wollten ihren Reichtum auch durch Bilder zum Ausdruck bringen. Da religiöse Themen mehr oder weniger verpönt waren, lag es nahe, sich Motiven des alltäglichen Lebens zuzuwenden. So entstanden in der Folge jene Bilder, welche den angehäuften Reichtum in den Prunkstillleben eindrucksvoll zur Schau stellten. Doch sind auf diesen, welche etwa Austernmahlzeiten, Schinken, Bier und Tabak darstellen, Zeichen der Vergänglichkeit, welche sie in sich tragen, zu sehen. Dadurch sollen die Betrachter gewarnt werden, dem Laster des Luxus zu verfallen.

Die Kirchen wurden im Protestantismus in einfacher Weise ausgestattet. Der Bildersturm mit dem nachfolgenden Bilderverbot ließ die reformierten Kirchen und deren Geistlichkeit als Mäzene und Auftraggeber für Maler bedeutungslos werden. So ergab sich für die meisten Maler ganz selbstverständlich eine Hinwendung zu Motiven des einfachen bäuerlichen Lebens, zur Porträtmalerei und zur Stilllebenmalerei mit ihren geheimen Botschaften, die fast alle das Augenmerk der Menschen auf ihr Seelenheil lenken wollten.


   
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