Willem Kalf



Willem Kalf: Stillleben mit chinesischer Schale und Nautiluspokal, 1662, Museum Thyssen-Bornemisza, Madrid

1. Warum Kalf?

Seit ich im Jahre 1994 in Madrid zum ersten Mal das Museum Thyssen-Bornemisza besuchte, zähle ich es zu meinen Lieblingsmuseen. Unter anderem ist es dieses Gemälde von Willem Kalf, welches das Museum zu einem besonderen machte.

Im siebzehnten Jahrhundert war Amsterdam die führende Handelsstadt und wohl die reichste Stadt Europas. Warenhäuser und viele Haushalte waren voller japanischer Lackarbeiten, chinesischen Porzellans, persischer Teppiche oder venezianischer Glaswaren. Luxus pur.
„Diese Welt hat niemand vollendeter dargestellt als Wilhelm Kalf...“*
Es gibt zwar von der Welt keine Anschauung, obwohl eine solche der leichtfertig gebrauchte Begriff Weltanschauung suggeriert. Und doch bedenkt der Mensch die Welt auf seine Weise. Obwohl jedes Denken der Maßlosigkeit oder dem Wahnsinn erliegen kann, ist es der ergiebigste Zugang zur Welt. Die Darstellung der Welt, wie sie Willem Kalf präsentierte, ist deshalb so bemerkenswert, weil sie sich auf zwei Ebenen vollzieht und eine dritte, eigentliche, andeutet. Die einfachen Dinge des Alltags, sei es ein Bund Lauch oder eine Gießkanne, stehen ebenso im Mittelpunkt seiner Bilder wie kostbare Gefäße und Stoffe. Alles hat seinen Platz, das Interieur der Armen und der Prunk der Reichen. Ohne dass irgendwo Menschen abgebildet werden, entfaltete Kalf eindrucksvoll eine zutiefst gegensätzliche Welt. Dass hier nicht bloß eine einmalige Könnerschaft, sondern eine von einer tiefen Überzeugung getragene Gedankenfülle ihren Ausdruck findet, zeigt sich in den zahlreichen Hinweisen auf nicht Sichtbares, etwa den aus dem Maul des Fisches fliehenden Jonas, welcher dem mit Rotwein gefüllten Glas zuzueilen scheint. Dieses symbolisiert seit altersher das Blut des Erlösers.

Selbst wenn nur wenige Menschen heute mit alten Mythen etwas anfangen können, so wird diesen aus einem fern gewordenen Jahrhundert der Hinweis zuteil, die eigene glatte Rationalität, welche so oft in die Beschränkungsfalle tappen lässt, in Frage zu stellen.

Darum Kalf.

2. Leben

Willem Kalf wurde am 3. November 1619 in Rotterdam getauft, dieses Datum ist im Gegensatz zu dem seiner Geburt überliefert. Er starb am 31. Juli 1693 in Amsterdam. Kalf stammte aus einer begüterten Rotterdamer Tuchhändlerfamilie.

Als junger Mann verbrachte Willem Kalf einige Jahre in Paris. Bereits hier kündigten sich seine späteren Vorlieben an. Es entstanden neben einfachen Küchenmotiven auf kleinen Formaten die ersten üppigen Stilllebenmalereien.
Zurückgekehrt in die Niederlande, ließ er sich in Hoorn nieder, wo er 1651 die Graphikerin Cornelia Pluvier van Vollenhove heiratete. 1653 übersiedelte das Paar nach Amsterdam, wo auch die vier Kinder zur Welt kamen.

Hier entfaltete Kalf den Typus des Prunkstilllebens auf eine schier unüberbietbare Weise. Seine Kompositionen zeichneten sich immer mehr dadurch aus, dass an die Stelle vieler Objekte einige wenige traten. Es waren dies vor allem glitzernde Gefäße, edles Porzellan und seltene Lebensmittel. Immer wieder variierte er eine Auswahl solcher Objekte zu neuen Arrangements. Dunkler Hintergrund, subtile Lichtsituationen und ein verspielter Illusionismus der Oberflächen kennzeichnen nun die hochformatigen Prunkstillleben des Willem Kalf.

Ab 1663 ließ seine Schaffenskraft zusehends nach. Sein letztes datiertes Gemälde stammt aus dem Jahre 1680. Es zeigt wieder die sogenannte Holbeinschale, die aus der Sammlung des englischen Königs Heinrich VIII. stammte und sich nachweislich zwischen 1678 und 1680 in Amsterdam befand. Über die Ursache des Rückgangs seiner künstlerischen Produktion können nur Vermutungen angestellt werden. Es gibt Hinweise darauf, dass er sich stärker dem Kunsthandel widmete – eine für einen Künstler seiner Zeit keineswegs unübliche Tätigkeit, welche er noch dazu schon früher ausgeübt hatte. Auch wird von einer Krankheit berichtet, die seine handwerklichen Fähigkeiten eingeschränkt haben soll.

Wie Arnold van Houbraken* in seinen Biographien niederländischer Maler 1718 berichtet, verließ Kalf am Abend des 31. Juli 1693 den Kunsthändler Zomer. Auf dem Heimweg strauchelte er und fiel nieder. „Zwar fühlte er sich unwohl, aber nicht weiter über die Folgen nachdenkend, die sein Sturz nach sich zog, ging er zu Bett und war als die Uhr zehn schlug bereits eine Leiche.“

3. Ein einzigartiges Werk

Kalf hatte die Wirklichkeit realistisch geschildert und dazu das Mannigfaltige in Harmonie dargestellt. Seine Bilder mit ihren Pokalen, Weingläsern, Gold- und Silbergefäßen, Kupfer- und Messinggeschirr, Muscheln und Früchten gingen weit über die Nachahmung der Natur hinaus. Sie entfalten im Betrachter eine Wirkung, welche nicht Sehbares und nicht Darstellbares auf unnachahmliche Weise anwesend sein lässt.

Dies bewirkte er durch die Kunst seiner Darstellung des Spiels des Lichts in Widerspiegelungen, Brechungen und Transparenz. Die verschiedenen Gegenstände in ihrem unterschiedlichen stofflichen Charakter brachte er durch das Lichtspiel auf ihren Oberflächen, den vielfältigen Wechsel von Reflexen, Brechungen und Schatten zu einer fast überirdisch schönen Erscheinung. Seine Bilder sind ein einziges Funkeln und Raunen, alles bauscht sich samtig in Blau und Rot und Gold. Manchmal meint der Betrachter, in die Rumpelkammer des Ruhmes zu blicken, auf eine aus den Höhen irdischer Macht herabgestürzte, zerbrochene Pracht. Nicht mehr die Dinge selbst sind es, die Früchte, Gläser, Muscheln, Stoffe, sondern allein das Licht, das auf ihnen liegt. Das Licht allein scheint es zu sein, das allen Gegenständen aus dem Dunkel Form verleiht.

So bleibt immer alles in der Schwebe und lehnt, unsicher verschränkt und verschachtelt, unbeständig aneinander. Nur durch das Licht wird alles verbunden und gehalten.

Kalf scheint auch mit der Sehlust und Sehkraft des Betrachters zu spielen. Oft lässt sich das obere Ende eines Glases nicht mehr erkennen. Halb gefüllt scheint es sich im Dunkel des Hintergrundes zu verlieren bis auf ein letztes Lichtfleckchen, welches den Glasrand anzeigt, nicht mehr als ein Pinselhauch.

Dies aber berührt das eigentliche Geheimnis des Wilhelm Kalf. Seine Bilder sind ein Spiegel menschlichen Glücks und Unglücks, menschlicher Kunst und der Vergänglichkeit. Denn was der Betrachter ansieht, was er vielleicht zu besitzen begehrt, ist nur Farbe und Licht.

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