Hölderlinturm*** in Tübingen

Ins Ungewisse

Nichtiges zu bereden, gehört zum menschlichen Alltag. Doch selten ist den Menschen bewusst, dass durch die Beschleunigung, welche das Leben erfahren hat, Geist und Auge an falsches Urteilen und Sehen gewöhnt werden, die Wegbereiter des Nichts.
„Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord Aller – ‚das Leben’ heißt.“*

Nichts ist das, was keine Möglichkeit zum Sein hat. Diese so scheinbar präzise Überlegung, die durch den Rahmen der üblichen Logik vorgegeben ist, führt zum unbrauchbaren Ergebnis, dass man darüber, wovon man nicht sprechen kann, eben schweigen muss.
Doch immer wieder taucht das eigenartige Bestreben in der Philosophie auf, das Nichts zu einem Thema zu machen. Entzieht sich das Nichts dem vernünftigen Sprechen und Denken? Keineswegs. Es beschäftigt uns auf subtile Weise. Tut es dies nicht, gehören wir zu jenem bequemen Haufen Unterscheidungsunwilliger, bei dem Sein und Nichtsein nie zu einer Frage wird.

Angesichts der unbeantwortbaren Frage nach dem Nichts und des Gewahrwerdens der Nichtigkeit allen Seins mögen sich zwar Traurigkeit und Ödnis einstellen, welche aber nicht bloß zu Ignoranz und Schwäche führen müssen, sondern auch zu einem nur sich selbst verantwortbaren Willen zum Dasein führen können. So akzeptiert diese paradoxe Situation zwar die Sinnlosigkeit des Daseins, ermöglicht aber gleichzeitig eine Intensität des Augenblicks, aus dem sich ein Ich erhebt, welches die üblichen Gepflogenheiten hinter sich lässt.

Einer der ersten Philosophen, welche das Nichts thematisierten, war Parmenides* . Dabei sprach er eine dunkle Warnung aus. Im Fragment 4 heißt es: “Denn das Nichtseiende kannst du weder erkennen noch aussprechen.“ Und weiter: „Denn das kann niemals erwiesen werden, dass das Nichtseiende ist. Du aber halte von diesem Wege der Forschung dein Denken fern!“

Platon sah im Nichts wie im Seienden die beiden konstitutiven Prinzipien der Gesamtwirklichkeit. Er betrachtete das Nichts nicht im Sinne eines Gegensatzes, sondern als das alles Seiende durchdringende Verschiedene.

Anselm von Canterbury* hat die Frage aufgeworfen, wie das Wort nichts etwas bezeichnen soll, was nicht ist. Er löst diesen scheinbaren Widerspruch, indem er darauf verweist, dass Etwas erkannt sein muss, um den Begriff Nichts verstehen zu können. Dass aber der Eindruck entsteht, das Nichts sei selbst etwas, liegt an der menschlichen Sprache und ist nicht in der Sache begründet, denn wir sprechen über solches, was nicht etwas ist, wie über existierende Dinge. Durch diese Eigenschaft der menschlichen Sprache entsteht daher der Eindruck, dass es das Nichts wie ein Etwas gibt.

Friedrich Nietzsche wies einen Weg ins Ungewisse hinauf, wo der Mensch hin muss, wenn er es vorzieht, sich nicht mit Illusionen zu begnügen, die Glück, Erfüllung, Sinn und Ziel des Lebens verheißen. Dies ist nur dem Einsamen möglich, nicht dem „Hornvieh auf der grünen Weide“. Dadurch gewinnt das Leben aus sich einen Antrieb, aber keine Legitimation, welche Nietzsche verachtet, da sie den Einzelnen aus seiner Verantwortung entlässt.

Für Martin Heidegger fallen Nihilismus und Metaphysik in eins. Er sieht im Nihilismus die Grundbewegung der Geschichte des Abendlandes* . Heidegger begründet dies damit, dass die abendländische Philosophie zur Überzeugung gelangt sei, dass im Grunde dem Seienden keine Tragfähigkeit für wahrhafte Sinngebung zugeschrieben werden könne. Diese Grundierung des abendländischen Denkens führte zu Moral, Technik, politischen Theorien, Logik und Anthropologie, aber um den Preis der Seinsvergessenheit.

Friedrich Hölderlin: Hyperions Schicksalslied


Ihr wandelt droben im Licht
   Auf weichem Boden, selige Genien!
      Glänzende Götterlüfte
         Rühren euch leicht,
            Wie die Finger der Künstlerin
               Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
   Säugling, atmen die Himmlischen;
      Keusch bewahrt
         In bescheidener Knospe,
            Blühet ewig
               Ihnen der Geist,
                  Und die seligen Augen
                     Blicken in stiller
                        Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
   Auf keiner Stätte zu ruhn,
      Es schwinden, es fallen
         Die leidenden Menschen
            Blindlings von einer
               Stunde zur andern,
                  Wie Wasser von Klippe
                     Zu Klippe geworfen,
                        Jahr lang ins Ungewisse hinab.

                         ***
   
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