Nihilismus und Negativität

Mit dem Begriff Nihilismus wird einerseits eine Lebenshaltung selbstsüchtiger Borniertheit bezeichnet, die vor jeder kraftvollen Idee in die Gefahrlosigkeit der Indifferenz flüchtet oder sich entschlusslos dem Wechsel der herrschenden Meinungen fügt oder geistlos auf dem Bestehenden beharrt. Weiters wird jemand Nihilist genannt, welcher behauptet, alles zu verneinen und zerstören zu wollen.
Andererseits aber wird damit eine sehr differenzierte Einstellung benannt, welche von der Nichtigkeit alles Seienden ausgeht.
Der postmoderne Dekonstruktivismus trug dazu bei, die westliche Moderne nicht als Hort der Freiheit, des Individualismus und des Pluralismus zu sehen, sondern als Ordnung der Unterdrückung von Dissens und Diversität. Daraus entstand eine Delegitimierung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft, ihrer Vorstellung von Normalität, von Rationalismus, von der Kategorie der Nation, den Vorstellungen von Familie, Geschlechtlichkeit und Behinderung, der Rolle der Religion, der Kunst, der Lebensformen.

Iwan Sergejewitsch Turgenew beschrieb 1861 im fünften Kapitel seines Romans Väter und Söhne einen Nihilisten als einen Menschen, der sich vor keiner Autorität beugt und kein Prinzip auf Treu und Glauben hinnimmt, mag es auch noch so viel Achtung und Ehrfurcht genießen. Im Hintergrund steht die Überzeugung, dass ein Nichts, das für ein Etwas gehalten wird, als ein Nichts entlarvt werden muss.

Bereits Ludwig Tieck formulierte in seinem Briefroman Die Geschichte des Herrn William Lovell aus den Jahren 1795/96 ein nihilistisches Lebensgefühl. Die männliche Hauptperson erfährt sich in ihrer Einsamkeit, Leere, Haltlosigkeit, Langeweile und Nichtigkeit: „Jetzt, da ich nüchtern bin, schäme ich mich vor mir selber, ich wache in mir selbst auf, und alles wird zu nichte, was schon in sich selbst so nichtig war ... ich fühle meine ganze Nichtswürdigkeit, wie jetzt nichts in mir zusammenhängt, wie ich so gar nichts bin, nichts, wenn ich aufrichtig mit mir bin.“

Am Anfang seines Fragment gebliebenen Romans Hyperion aus den Jahren 1797 und 1798 zitierte Friedrich Hölderlin den ersten Teil der Grabinschrift des Ignatius von Loyola: Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo* . Weiter unten schreibt Hölderlin: „Ich hasse sie, wie den Tod, alle die armseligen Mitteldinge von Etwas und Nichts. Meine ganze Seele sträubt sich gegen das Seelenlose.“*

Albert Camus versteht unter Nihilismus das Bewusstsein der totalen Absurdität.
Sieht man überall geschichtliche und gesellschaftliche Bedingtheit, geht die Individualität des Menschen verloren. Alles verstehende Grundhaltungen schwächen die Kraft zu unbedingter Wertung, in der die sittliche Realität des Lebens besteht. Schnell wird daraus Relativismus, dessen Konsequenz der Nihilismus ist.
Sich selbst zu erlösen, ist eine Selbsttäuschung. Aber sich durch Kälte und Finsternis vor den Versuchungen und Herausforderungen des Lebens zu schützen, ist heroische Einsicht in die Nichtigkeit von allem.

Da sich mit Philosophie heute niemand mehr beschäftig, ist der Begriff völlig entleert und fristet etwa als Firmenphilosophie nach der Art Unsere Philosophie sind Qualität & Frische, verbunden mit Tradition & Innovation! ein kümmerliches Dasein. Oder sie tritt als Alltagsphilosophie auf, welche sich der Philosophie der Kunst, kein Egoist zu sein widmet oder sich mit der Frage beschäftigt Wer bin ich – und wenn ja, wie viele. Dass hier nur wenig Platz für eigenständiges Denken bleibt, ist Ausdruck der fundamentalen Fehlentwicklung der ökonomisierten Welt. Die Ausbreitung wirtschaftlicher Prinzipien und Prioritäten auf alle Lebensbereiche führt dazu, dass alles nach Kosten-Nutzen-Kalkülen bewertet wird.

Von dem, was die anderen nicht von mir kennen, lebe ich. Wer dies von sich sagt, steht im Gegensatz zu den heutigen, jede Scham leugnenden und jede Privatheit eliminierenden, lärmend auftretenden Authentischen.
Wer sich der als gesellschaftliches Postulat geltenden Offenheit verschreibt, legt seine Singularität ab und muss sich der „Hölle des Gleichen ergeben“*. Die heute viel geschmähte Privatheit der bürgerlichen Welt trug der Tatsache Rechnung, dass jeder Mensch Bereiche benötigt, in denen er ohne Blick des Anderen bei sich sein kann. Doch Distanz und Scham gehören heute nicht mehr zum selbstverständlichen Inventar der westlichen Zivilisation.

Die Tätigkeit des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, der verwundersamsten und größten, oder vielmehr der absoluten Macht. Der Kreis, der in sich geschlossen ruht, und als Substanz seine Momente hält, ist das unmittelbare und darum nicht verwundersame Verhältnis. Aber dass das von seinem Umfange getrennte Akzidentelle als solches, das gebundne und nur in seinem Zusammenhange mit anderem Wirkliche ein eigenes Dasein und abgesonderte Freiheit gewinnt, ist die ungeheure Macht des Negativen; es ist die Energie des Denkens, des reinen Ichs. Der Tod, wenn wir jene Unwirklichkeit so nennen wollen, ist das Furchtbarste, und das Tote festzuhalten das, was die größte Kraft erfordert. Die kraftlose Schönheit hasst den Verstand, weil er ihr dies zumutet, was sie nicht vermag. Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt.*

Heute weicht das Verweilen im Negativen dem kategorischen Imperativ des Positiven. Heute werden keine Negativgefühle mehr zugelassen. So wird der Umgang mit Leiden, Schmerz, Misserfolg und Scheitern verlernt. Man hält es auch nicht mehr für wichtig, dem Leiden eine Form zu geben. Dabei verdankt die menschliche Seele ihre Tiefe, Größe und Stärke gerade dem Verweilen im Negativen und nicht seiner Verleugnung oder der Flucht davor. Heute soll jede Verletzung vermieden werden. Negativitätsloser Genuss ist das Ziel. Doch ohne die Negativität der Unterscheidung kommt es unweigerlich zu jener Verflachung, welche den Terror der Gleichheit gebiert. Nicht mehr die Entscheidung des Einzelnen steht im Mittelpunkt, sondern der sanfte Zwang, sich in die Herrschaft der Gleichheit einzuordnen.
Die schleichende Entmündigung des Individuums führt zur Diskreditierung der Entscheidung des einzelnen Menschen für oder gegen die Geltung von ethischen, moralphilosophischen und juridischen Forderungen. Der Gleichheitswahn der geglätteten Gesellschaft akzeptiert keine höheren Mächte oder Instanzen und will die Last der Entscheidung wie auch die Freiheit zur Entscheidung jedem Individuum abnehmen.
So wird das Bestehende bestätigt und man will es nur mehr optimieren. Diese fatale Perspektivlosigkeit eliminiert jede Infragestellung und Abweichung und zeigt alle Merkmale einer sich dem Materialismus und den Naturwissenschaften bereitwillig hingebenden gleichgeschalteten Gesellschaft. Diese vermeintliche Perfektionierung ist aber nichts anderes als Seinsvergessenheit.

Doch die Philosophie muss sich hüten, erbaulich sein zu wollen.


   
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