Als er die Augen öffnete, sah er nichts.



Caravaggio (1571 – 1610): Die Bekehrung des Paulus, 1601, Kirche Santa Maria del Popolo, Rom.

Der hellenistisch gebildete Jude Saulus von Tarsus nannte sich nach seiner Bekehrung vor der Stadt Damaskus Paulus. Er wurde der maßgebliche Interpret und auch der erfolgreichste Missionar des jungen Christentums. Paulus verstand sich als Jude, geriet aber wegen seiner Lehre immer wieder in Auseinandersetzungen mit jüdischen Gruppierungen, welche schließlich die römischen Behörden zum Einschreiten veranlassten. Er wurde verhaftet. Als römischer Bürger appellierte er an den Kaiser. Während der neronischen Christenverfolgung wurde er im Jahre 64 nChr in Rom enthauptet. Die Apostelgeschichte, das fünfte Buch des Neuen Testaments, beschreibt die Bekehrung des Paulus folgendermaßen:

Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh’ in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob sich vom Boden.
Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts.*

Onesimus* hat soeben berichtet, dass in wenigen Augenblicken die Hinrichtung stattfinden würde. Die Soldaten seien bereits hierher unterwegs. Unter Tränen war er, so schnell er konnte, zu mir ins Gefängnis gelaufen, um diese Nachricht zu überbringen. Wir umarmten uns ein letztes Mal, dann schickte ich ihn weg. Dieses irdene Gefäß wird nun zerbrochen. Einst glaubte ich, dass sich darin ein Schatz befindet, mein Glaube und meine Hoffnung. So viele Städte habe ich besucht, so viele Gefahren habe ich überstanden, Beschimpfungen, Verleumdungen, Nachstellungen. Schließlich gelang es meinen Gegnern, mich verhaften zu lassen. Man machte mir den Prozess, doch ich berief an den Kaiser. So brachte man mich nach Rom. Ich war müde geworden, ein Schilfrohr zunächst, das vom Sturm gebeugt wird. Inzwischen weiß ich nicht mehr, ob ich nicht schon gebrochen im Wasser treibe.

Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Es wird schnell gehen, auch wenn der erste Schlag von einem Henkerslehrling stümperhaft durchgeführt wird. Den zweiten Schlag, wenn er denn nötig sein sollte, wird der Henker selbst vornehmen und es ist immer sein Ehrgeiz, den abgeschlagenen Kopf schnell hochzuhalten und zu zeigen. Von all denen hier in Rom, die ich in den letzten Jahren gelehrt habe, werden viele kommen. Sie werden einander trösten in dem Glauben, den sie durch mich angenommen haben. Doch ich stehe vor einem Abgrund. Nicht weil ich sterben muss.

Seit jener Stunde vor Damaskus, die nun dreißig Jahre zurückliegt, hatte ich mich verloren. Was geschah, traf mich unvermittelt. Es traf mich gegen die Logik meines Lebens, gegen meine Überzeugung und gegen meine inneren Kräfte. Heute weiß ich, dass beide Möglichkeiten, die mir damals offen standen, mit nachfolgenden Zweifeln verbunden sein würden. Doch ich ahnte noch nichts von den damit verbundenen inneren Qualen. Heute zweifle ich an diesem Licht und an dieser Stimme, die ich so in mir höre, als wäre alles erst gestern geschehen. Aber ich bin mir nicht mehr so sicher. Vielleicht bin ich irgendeiner Täuschung erlegen, der ich mein ganzes Leben gewidmet habe. Ich weiß, dass meine Befürchtungen belanglos sind, weil ich in kurzer Zeit tot und wie eine Flamme erloschen sein werde. Wenn ich aber weiterexistiere, werden mich meine jetzigen Ängste nicht mehr quälen. Wird dieses Leben nur etwas Vorläufiges gewesen sein, wie ich es immer geglaubt habe? Dieser Glaube ließ mich alle Widrigkeiten leicht bestehen. Jetzt bin ich mir über alles unsicher. War dieses Licht damals vor Damaskus irgendein Naturphänomen und diese Stimme, da ich das völlig erschöpfte Pferd antrieb, bis es stürzte und ich auf die Erde fiel und ohnmächtig liegen blieb, eine Halluzination? Hörte ich die Stimme, nachdem ich am Boden lag? Oder stürzte ich wegen der grandiosen Vision, die mich erfasst hatte? Ich weiß es nicht.

Nun höre ich laute Schritte.
Doch sie gehen vorüber.

Meine Mitgefangenen hier sind ruhige, innerlich gefestigte Männer. Nachdem ich gestern meine Mietwohnung verlassen musste und hierher gebracht wurde, verteilte ich an sie die wenigen Dinge, die ich noch besaß. Auch den wollenen Mantel, den mir einst Prisca* geschenkt hatte. Immer wieder blicken mich die Männer mit großen Augen an. Wahrscheinlich halten sie mich für verrückt. Sie alle hoffen, bald wieder frei zu sein. Dann werden sie, je nach Temperament, von jenem großzügigen oder verzweifelten Gefangenen erzählen, der ihnen seine Habseligkeiten aufgedrängt hat.

Wieder sind Schritte zu hören. Ich erkenne an ihrem disziplinierten Gleichklang, dass es Soldaten sind, die sich nähern. Sie gehen vorüber.

Hat jemand mit Onesimus seinen Scherz getrieben oder hat er etwas missverstanden? Oder fange ich etwa an, mich an dieses Leben zu klammern? Ich war so erfüllt von meinem Wissen. Alles wurde dadurch vorläufig. Meine Gegenwart wurde durch das Kommende, das ich erhoffte, bestimmt. In einem Winkel dieses Raumes, wo meine Mitgefangenen ein Feuer entzündet haben, erhebt sich der Rauch wie eine hohe Säule empor und entschwindet durch eine Öffnung an der Decke, durch die Licht zu erkennen ist. Ich starre auf meinen Daumennagel, auf dem sich dunkelrote Reste des Blutes erhalten haben, das gestern ein Schlag eines Soldaten hervorschießen ließ.

Ich weiß nichts. Ich erwarte nichts. Ich hoffe nichts. Dieses Ende, das viele Menschen so fürchten, ist so gewöhnlich wie das Leben. Ich erlebte Gewalt, ob ich sie selbst ausführte oder erlitt, nur als Zeichen für das, was körperlich ist. Die Stimme. Die Stimme. Sie hatte gefragt, warum verfolgst du mich? Hatte sie nicht gesagt, töte mich?

Ich befinde mich jetzt am Rande meiner Nichtexistenz. Bin ich wieder nur ein Werkzeug, wie damals? War ich jemals ich selbst? War ich nicht immer das Instrument dieses Unbekannten, den ich nur aus Erzählungen kenne? Seine Lehre war die wunderbarste Belohnung, welche ich je erhalten habe. Sie kam aus einem Inneren, das ich erkunden wollte, doch in dessen Tiefen ich nie gelangen konnte. Petrus hatte mir vor vielen Jahren von jenem Abendmahl berichtet, zu dem sich alle vor der Verhaftung und Hinrichtung des Mannes aus Nazareth getroffen hatten. Dabei waren die Worte gefallen, einer von euch wird mich verraten. Später münzte man fast erleichtert diesen Satz auf Judas Iskariot. Ich bin mir nicht mehr so sicher. Vielleicht war ich gemeint.

Was für ein Leben! Alles ist mir entglitten, weil ich alles haben wollte. Mit nichts war ich zufrieden. Alles, was so sicher erschien, ist inzwischen verschwunden. Ich war so lebenshungrig und so unbesiegbar.

Als sie Stephanus* steinigten und ich es geschehen ließ, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, seinen Tod zu verhindern, ließ ich es darauf ankommen, dass irgendein anderer diesen Mord verhindere. Doch nur ich hätte es tun können. Die fanatische Menge war in ihrer Hemmungslosigkeit keines vernünftigen Gedankens und keines Mitleids fähig. Bevor ihm der Schädel mit einem großen Stein zertrümmert wurde, erzählte er noch von seiner Vision des offenen Himmels. Dies stürzte den Pöbel in eine noch größere Raserei. Jenes von mir zugelassene Verbrechen war der Auftakt zu vielen weiteren, an denen ich mich beteiligte.

Wieder Schritte!
Wieder gehen sie vorüber.

Nun ist mein Leben auf diese Augenblicke zusammengeschmolzen. Die Visionen und die Sicherheiten, die mich getragen haben, sind verschwunden. Ich beklage nicht dieses Leben, das zu Ende geht, ich weine wegen der Leere, die es nun enthält und die mich umgibt. Wenn die Soldaten die Tür aufstoßen, um mich zur Hinrichtung zu bringen, werde ich nicht mehr jene Ruhe finden, die ich so gerne gehabt hätte, zumindest in diesen letzten Augenblicken. Dann werde ich mit meinem Körper und den äußeren Ereignissen beschäftigt sein. Vielleicht ist diese Erniedrigung mein höchster Gewinn und mein Tod zeigt mir dann jene Vollendung, die Stephanus damals bezeugte, als ich ihn sterben ließ.

Wieder Lärm!
Er kommt rasch näher.
Es ist eine Abteilung Soldaten. Jemand ruft meinen Namen! So wie damals vor Damaskus. Die Tür wird aufgerissen und ich sinke zu Boden.


   
 Seitenanfang
 Seitenende