Graffito am Donaukanal in Wien, 2013

Ochlokratie

ὄχλος bedeutet Gedränge, Lärm, Pöbel, Belästigung. Davon abgeleitet ist ὄχλοκρατία, die Pöbelherrschaft. Als Pöbel bezeichnete man zunächst eine – sozial unbestimmt – Volksmenge, Leute.

Ochlokratie ist ein Begriff aus der antiken griechischen Staatstheorie, der vom Historiker Polybios* eingeführt wurde. Polybios zufolge orientiert sich die Idealform der Demokratie am Gemeinwohl. Doch die Metamorphose von der Demokratie zur Ochlokratie, in welcher Eigennutz, hemmungsloses Anspruchsdenken, Habsucht und eine unerschöpfliche Vielfalt der Korruption ihren Triumphzug vollführen, lässt sich nicht vermeiden.

Grundsätzliche Überlegungen

Platon* begreift seine Zeit als einen Prozess des Niedergangs, der teils menschlich verursacht und teils durch das Schicksal gegeben ist.* Mittels der Darstellung alter Mythen erhebt Platon jene Zeiten zu glücklichen, die von den Göttern begleitet wurden, während die sich selbst zum Maßstab erhebende Menschheit allmählich in völlige Depravation verfällt. Dies manifestiere sich im Übergang von der Herrschaft gerechter Eliten zu immer schlechteren Herrschaftsformen.

Im Gegensatz zu Platon beschrieb Polybios diesen Verfall nicht mehr mythisch, sondern als einen naturgesetzlichen Kreislauf, der die Staaten von der Monarchie über die Demokratie bis zur Ochlokratie bringt. Er meinte, dass die Demokratie anhält, solange noch Zeugen der Gewaltherrschaft der Oligarchen da sind. Denn diese stellen ihre Wertschätzung von Gleichheit und Redefreiheit über alles. Mit dem Heranwachsen einer neuen Generation hört die Hochschätzung dieser inzwischen zur Gewohnheit gewordenen Güter auf. Die Reichen versuchen, die Menge zu beeinflussen, nicht zuletzt durch Verschleuderung des Vermögens auf jede nur erdenkliche Weise, und die Menge gewöhnt sich schnell daran.

Machiavelli* bezeichnete als wichtigstes Indiz für den Verfall einer Kultur den Niedergang der Institutionen, vornehmlich der Religion.
Schon seit der Antike wird von einem göttlichen Urzustand gesprochen, welcher zu einer heroischen und schließlich menschlichen Periode führt, die allmählich in ein wissenschaftliches Zeitalter mündet. Dieser Stufe höchster Verfeinerung folgt ein sittlichen Verfall, welcher in die Ochlokratie mündet.

Edmund Burke* sah in den sogenannten Menschenrechten eines der Übel der Aufklärung und der Französischen Revolution.* Ihren Verfechtern warf er vor, Erfahrung als Weisheit ungelehrter Menschen zu verachten. Geschrei und Tadel dieser spekulativen Köpfe der Verkünder der Menschenrechte erhebe sich sofort, wenn sich die Staaten nicht nach ihren Theorien verhalten. Wenn der Mensch ein Recht auf alles hat, mangelt es ihm an allem. Die Verfechter der Menschenrechte sind so von ihren Theorien erfasst, dass sie den realen Menschen beiseite schieben.

Als Beispiel schildert Edmund Burke die Verhaftung Ludwigs XVI. und seiner Familie in Versailles.

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Der einflussreiche Interpret der Geschichte Frankreichs, Jules Michelet* , sah in der Tatsache, dem König Mitleid und Vergebung vorzuenthalten, den Hauptmakel der Revolution. Er meinte, dass nicht die Vernunft den Menschen auszeichne, sondern das Mitleid. Die jakobinische Schreckensherrschaft war der Tiefpunkt der Revolution. Sie glich einer Wüste, in der das Leben aufgehört hatte, oder den Gipfeln hoher Gebirge, auf denen eine äußerste Dürre herrscht. Das Mitleid war verstummt, das Grauen triumphierte.

Jules Michelet sah im Schmerz den Schlüssel zur Geschichte, denn sie ist eigentlich eine Leidensgeschichte, welche durch das Mitleid enthüllt wird.*



Graffito am Donaukanal in Wien, 2013

1793 fand man an manchen Pariser Hausfassaden die Worte: Einheit, Unteilbarkeit der Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod.*

In vielen Ländern hat die sehr weit getriebene Emanzipation von gesellschaftlichen Vorgaben ein Reich der Trivialkultur entstehen lassen, für das es kein historisches Vorbild gibt. Damit einher geht der zu beobachtende Verfall verbindlicher Formen.
Aus dieser Geringschätzung von Tradition resultieren einerseits Stilverlust, andererseits aber ist eine Verrechtlichung festzustellen, welche alle Fragen des sozialen Umgangs betrifft.

Die eklatantesten Fehlentwicklungen im Europa des späten zwanzigsten und begonnenen einundzwanzigsten Jahrhundert sind die Geringschätzung der klassischen Allgemeinbildung und die daraus entstandene infantil-liberale Gesinnungstyrannei, der materialistische Konsumwahn und der damit einhergehende kleptokratische Wohlfahrtsstaat und der Verlust jedweder ernsthaften metaphysischen Dimension, welcher das Lügengebräu der Massenmedien zur Folge hat.

Heutzutage weiß man nicht mehr, was Ochlokratie ist. Und wenn, dann wäre es auch egal, denn ein großer Mythos der Gegenwart besagt, dass alle Menschen Bürger sind mit den gleichen Forderungen an den Staat, egal was man für die Allgemeinheit beiträgt oder ob man nichts tut. Mit dem Gleichheitswahn einher geht eine hemmungslose Reformierungssucht. Bildungsinstitutionen, Kulturpolitik und der Wohlfahrtsstaat werden so lange reformiert und simplifiziert, dass auch der Mindestbemittelte etwas davon hat.



Graffito am Donaukanal in Wien, 2013

Selbstbewusst und frei

Jahrhundertelang galt als selbstverständlicher Grundsatz für eine öffentliche Diskussion, eine Behauptung durch Vernunft zu bekräftigen oder zu widerlegen. Heute steht etwas anderes im Vordergrund und hat dieses alte Prinzip verdrängt. Heute gilt die Meinungsfreiheit, welche in den Rang unantastbarer Rechte erhoben wurde.

Im Gefolge dieser Akzentverschiebung dauerte es nicht lange, bis Beliebigkeit der Freiheit den Rang ablief. Das Ideal der Freiheit war früher mit den konkreten Inhalten der Bildung, der Kultur, der Gerechtigkeit und der Frömmigkeit verbunden.
Weil die Beliebigkeit es ablehnt, sich ernsthaft mit etwas auseinanderzusetzen, ist sie versessen auf eine merkwürdige Doppelerscheinung. Einerseits rennt man jeder Mode nach, seien es politische Phrasen oder Blockbuster der Filmindustrie, andrerseits fühlt man sich durch Kleinigkeiten gekränkt, weil man das eigene Ego verabsolutiert und erwartet, dass alle anderen dies fasziniert zu Kenntnis nehmen.

Viele Menschen neigen dazu, extrem selbstzentriert vom eigenen Selbstbild besessen zu sein. Hier in der Mitte Europas leben die Menschen in einem Luxus, von dem selbst Könige in der Vergangenheit nur träumen konnten. Doch wir nehmen das alles als selbstverständlich hin. Obwohl wir die wohlhabendsten und privilegiertesten Menschen sind, die je gelebt haben, obwohl wir mehr Freiheit haben – Gedankenfreiheit, Wahlfreiheit, Bewegungsfreiheit – als sie je eine Gruppe von Menschen in der Geschichte genossen hat, gibt es eine große Unzufriedenheit. Viele empfinden ihre Existenz als große Last. Die privilegiertesten Menschen in der Geschichte unserer Erde sind so zwanghaft von den Ängsten und Wünschen des Egos besessen, dass man zwar hemmungslos genießt, aber sich auch unendlich langweilt.

Heute hat die subjektive Erfahrung des Individuums eine herausragende Bedeutung erhalten. Es scheint, als hätten die Menschen jegliche Bindung an höhere oder tiefgründigere Prinzipien, die über die eigene direkte Erfahrung hinausgehen, verloren.

Daraus entsteht der vulgäre Charakter, der ungehemmt Abscheu, Erstaunen, Frohsinn oder Schadenfreude seine Umgebung spüren lässt. Seine Regungen entstehen nicht aus seiner autonomen Persönlichkeit. Nicht aus Unkenntnis, Gedankenlosigkeit oder Protest werden Manieren und Umgangsformen missachtet, sondern aus innerer Unfreiheit. Da viele keinen Abstand zu sich selbst haben, sind sie jeder Stimmungsschwankung ausgeliefert.

Der Pöbel verhält sich unanständig, unhöflich und taktlos. Nur zu gerne rechtfertigen sich die Verteidiger des Ordinären mit Hinweisen auf ihre Wahrhaftigkeit. Sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, stellen sie als Inbegriff persönlicher Geradlinigkeit dar.



Hieronymus Bosch, 1450 – 1516: Kreuztragung Christi, Detail

Schlussfolgerungen

Nicht die Armut charakterisiert den Pöbel, sondern seine „Gesinnung“. Mit Pöbel ist nicht eine soziale Verortung charakterisiert, sondern eine Bezeichnung für ein ästhetisch und sittlich verrohtes Verhalten gemeint.

Bereits Baltasar Gracián* tadelte jenes Übermaß an Leidenschaft, ungeschicktem Eifer, unkluger Hast, törichter Leichtfertigkeit, vulgärer Übertreibung, Unbedachtsamkeit und sinnloser Eile als pöbelhafte Unklugheit.

Eine ungebändigte Begehrlichkeit der Masse wischt jede Distanz zur Seite. Ein Mangel an Stil und Vornehmheit ruiniert die Kultur und torpediert jede erhabene Kraft. Dieser Mangel wird verdeckt durch omnipräsente Werbung, durch die den Alltag beherrschenden Wegwerfprodukte und durch dümmlichen Boulevard-Journalismus.

Selbstbezogenheit und Zügellosigkeit sind Hauptmerkmale des pöbelhaften Menschen. Wenn vollständiges Fehlen von Manieren als „Stil“ akzeptiert wird, das großflächige Beschmieren von Gebäuden und U-Bahnen als „Kunst“ wahrgenommen wird, Tätowierungen und Piercings als Ausdruck der Selbstdarstellung ästhetisch gewürdigt werden, stellt sich die Frage nach den Ursachen dieses Kulturverfalls.

Die Hauptursache liegt wohl in der Vereinzelung der meisten Menschen. Der vulgäre Mensch vermag nur den eigenen Impulsen zu folgen, er kennt keine Selbstkritik und verbleibt in seiner Plumpheit. Vulgarität zerstört das Fundament des Sozialen.

Vulgär sind nicht bloß das Dahintreibenlassen des Körpers, das Gähnen und Grölen, Schmatzen und Schlürfen, Rülpsen und Furzen, das Gestammel in den meisten Rundfunksendern, öffentliche Entblößung oder die Enthüllung intimer Geheimnisse in den zahlreichen TV-Shows der Hemmungslosigkeit. Vulgarität will tendenziell verhindern, dass jemand ein höheres Niveau erreicht. Wer von niederen Instinkten getrieben ist, kann auch bei anderen nur niedere Beweggründe entdecken. Dies geschieht unter der Flagge der Freiheit und der Gleichheit. Brüderlich ist man zum Pöbel geworden.

Vielleicht haben diese Anmerkungen Züge des Missmutig-Unzufriedenen und der Vornehmtuerei und gehören ins Repertoire der laudatores temporis acti* , vielleicht sind sie bloß Ausdruck der Sichtweise eines Alten, der nicht jung bleiben will, ganz sicher aber beklagen sie das Verkümmern jedweder Form von Selbstreflexion.


   
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