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Ich habe einen Traum gesehen,
und der Traum, den ich sah,
ist ganz und gar verwirrend.

(Gilgamesch-Epos* )

Manchmal denke ich an das Haus, das meine Eltern Anfang der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gebaut hatten. Als es fertig war, war ich etwa fünf Jahre alt. Heute noch hat es für mich eine labyrinthische Mächtigkeit, die allerdings durch die Illusionslosigkeit des Erwachsenen zu einer unbedeutenden Erinnerung geworden ist. In manchen Träumen tauchen die Nischen der Dachbodenschrägen oder eine Kellertreppe, die ins Nichts führt, wieder auf und verbinden sich mit den üblichen Rätseln des Schlafes.

Der Garten, welcher zum Haus gehört, war ein durchkomponierter Obst- und Ziergarten. Es gab zwei mir damals riesig erscheinende Nussbäume, viele kleinere Obstbäume, viele Rosenhecken und Forsythien und Flieder. Mit meinen Brüdern spielte ich oft ein Spiel, das wir Baumspiel nannten und dem wir uns stundenlang voller Konzentration hingaben. Heute habe ich keine Ahnung mehr von seinen Regeln und Abläufen. Wir kletterten auf den beiden mächtigen Nussbäumen herum und verfolgten uns auf wilden Jagden im Garten. War in der Kindheit wirklich alles eins? Manchmal war die Zeit im Augenblick gefangen und Spiele waren frei in ihrem schönen Schein. Doch das war nicht alles.

Ich erinnere mich auch an meine Gewohnheit, in schwierigen Situationen kleine Zettel, auf denen ich in griechischer Schrift mir unlösbar erscheinende Probleme notiert hatte, an bestimmten Stellen des Gartens zu vergraben. Doch kaum war alles, was mich beunruhigt hatte, in meinem Sinn oder durch die Zeit gelöst worden, fand ich die Ängste, welche sich in meinen seltsamen Riten gezeigt hatten, kindisch und lächerlich. Das Aufgeschriebene war völlig unwichtig geworden. So führte mich Vergänglichkeit zur Entzauberung. Dieser gegenüber bewahrte ich aber doch ein gewisses Maß an Skepsis, denn Entzauberung war allerorten und erschien mir als Kennzeichen eines simplen Vernunftglaubens. Alles konzentrierte sich auf Berechnung, Nutzen, Handlichkeit und Regelung. Der Durchschnitt schien immer besser zu werden und unwiderstehlich und unausweichlich seine Herrschaft zu festigen. Das Erlebbare, das Mach- und Beherrschbare triumphierte mit seinen vermeintlichen Reichtümern, welche zur Folge hatten, dass alles, das bisher als bloße Möglichkeit erschien, zu einer öden Wirklichkeit herabsank. Schon als junger Mensch betrachtete ich dies alles als nihilistischen Existenzialismus. Mich faszinierten vielmehr jene völlig aus der Mode gekommenen metaphysischen Sichtweisen, welche auf die Hinfälligkeit alles Seienden verwiesen.

Mein Bruder, der das Elternhaus geerbt hatte, und seine Frau wollten für einige Wochen verreisen und luden mich ein, Haus und Hund zu betreuen. Die ältere Frau, die ihnen den Haushalt führte, würde jeden zweiten Tag vorbeikommen, ihre Arbeiten verrichten und die notwendigen Einkäufe erledigen. Ich stimmte zu, da ich die Möglichkeit, einige Zeit am Land zu verbringen, verlockend fand. Dieser Rückzug, der mit täglichen Spaziergängen mit dem Hund, einem älteren Boxerrüden, verbunden war, kam mir gelegen, wollte ich doch endlich meine Abaelard-Studien voranbringen und mich ohne Ablenkung dem Universalien-Streit widmen. Ich pendelte zwischen meinem kleinen Arbeits- und Schlafzimmer und dem Garten, wo ich zwischen zwei Bäumen eine Hängematte aufgehängt hatte. In Griffweite stand auf einem Bambustischchen ein kleiner Kühlschrank, der Cynar, Campari und Soda enthielt. Daneben befanden sich die Bücher, Papier, Bleistifte und eine gläserne Halbkugel, welche die Papierblätter vor Windstößen schützen sollte. Rocco, der Hund, lag scheinbar schlafend in der Nähe, beobachtete aber aufmerksam alles, was ich tat. Er deutete jede sich ihm bietende Gelegenheit als Auftakt zum Spielen. Seine Anhänglichkeit hatte auch im Alter nicht an Intensität verloren. Er war ein wunderbares Tier, das mich immer wieder zu Liebesbeweisen hinriss, wobei ich wie Andy Warhol auf ihn einredete, er möge doch nur ein Wort sagen, dann würden wir beide berühmt. Doch er quittierte meine Suada mit kynischer Ignoranz.

Der nie entschiedene mittelalterliche Universalienstreit hatte mich auf einen logischen Fehler aufmerksam gemacht, der auch heute noch vielfach begangen wird. Man schließt aus irgendeinem Seienden auf ein Sollen und aus der Natur meint man verbindliche Verhaltensnormen ableiten zu können. Mir leuchtete ein, dass es eine Frage der Kultur und nicht der Natur ist, ob eine Verhaltensweise oder ein biologischer Vorgang als normal angesehen wird. Die Behauptung, eine Norm orientiere sich an kulturell vermittelten Maßstäben des Nützlichen und Schädlichen, Gerechten und Ungerechten, erschien mir plausibel. Die Menschen leben in zwei Welten zugleich, als biologische Wesen in der natürlichen Welt und als Kulturwesen in einer Welt symbolischer Bedeutungen, welche durch die Sprache, die üblichen Sitten und Traditionen repräsentiert wird. Und zu dieser Welt gehören auch die Selbstdeutungen der Menschen, mit denen sie bestimmen, wer sie sind und wer sie sein wollen. Das Problem, wie sich diese beiden Welten zueinander verhalten, ist eines der hartnäckigsten Rätsel der Philosophiegeschichte.

Die Gelehrten des Mittelalters waren gespalten. Die Franziskaner meinten, dass den Allgemeinbegriffen etwas in der Wirklichkeit entspricht. Ihre Gegner, die Nominalisten, verneinten dies. Die Franziskaner sagten, dass jeder Hund, sei er auch noch so verschieden von seinen Artgenossen, einen anderen Hund erkenne. Die Gegner der Franziskaner behaupteten, Allgemeinbegriffe gebe es nur in der menschlichen Vernunft. Ohne die Vernunft gebe es sie überhaupt nicht. Der Streit spaltete nicht nur die Philosophen, er schien auch fundamentale Glaubenssätze des Christentums zu bedrohen. Die Päpste nahmen wiederholt dazu Stellung, ohne den Streit entscheiden zu können. Schließlich versandete dies alles in der Zeit der Reformation mit ihren qualvollen Auseinandersetzungen, ohne dass eine Lösung gefunden worden wäre. Man hatte andere Sorgen.

Ich tätschelte den Kopf des guten Hundes Rocco, trank ein weiteres Glas Campari mit Soda und widmete mich mit neuem Schwung den Spekulationen über das Allgemeine und das Besondere, den Begriff und die Realität. Wenn wir etwas Tatsache nennen, meinen wir, es sei tatsächlich so, wie es der Satz ausdrückt. Eine so bezeichnete Tatsache ist aber nichts anderes als der Inhalt einer Überzeugung. So sehr Tatsachen und ihre Feststellung von der Welt handeln, so sind sie selbst nicht von der Welt. Im Unterschied zu konkreten Vorgängen sind die vom Menschen bezeichneten Tatsachen abstrakte Gegenstände. Sie behaupten zwar, ein reales Geschehen zu bezeichnen, aber sie sind ein bloßer Vorgang des Verstandes. Die Welt besteht aus Dingen und Ereignissen, über deren Verhältnisse die Menschen sich ein richtiges oder falsches Bild zu machen meinen. Diesen Bildern aber, die mit Sätzen ausgedrückt werden, entsprechen keine Wesenheiten in der Welt. Sie sind Leistungen des menschlichen Verstandes, durch die erkannt wird, was mit uns und um uns herum der Fall ist. Nicht wenige glauben an die Wahrheit in dem Sinn, dass sie unabhängig von allen menschlichen Bedürfnissen das ist, was wirklich existiert, und dass alle Menschen dies anerkennen müssen. Diese Auffassung von der Wahrheit führt zur Idee, wonach es nur eine Art gibt, wie die Dinge an sich sind. Dies ist das Gegenteil von dem, das die Griechen so ausdrückten: Der eine Gott ist nicht die Leugnung eines anderen Gottes. Was wir erkennen können, ist durch die Verlässlichkeit des menschlichen Wahrnehmungsapparates und dessen, was er zu denken und sich vorzustellen vermag, festgelegt. Das Gehirn ist ein Produkt eines evolutionären Prozesses, der aber nicht notwendig darauf hin optimiert ist, ein kognitives System hervorzubringen, dessen vornehmste Aufgabe es ist, die Bedingungen der Welt so zu begreifen, wie sie wirklich sind. Worauf es in der Evolution nach heutigem Wissenstand ankam, war die Herausbildung kognitiver Systeme, die für das Überleben wichtig sind.

Ich gab einen weiteren kräftigen Schuss Campari in das mit Eiswürfeln gefüllte Glas. Irgendwoher klang eine nervös zitternde, metallene Stimme, die in einem bedrohlichen Rhythmus sang, wovon ich eine immer wiederkehrende Textzeile ‚you don’t care about us’ zu verstehen meinte. Da durchzuckte mich ein Gedanke, hell und klar, und wie vom Blitz getroffen hielt ich inne. Ich hatte die Lösung, um die Jahrhunderte lang die Gelehrten gerungen hatten. Meine Hand brachte in flüchtiger Schrift schnell das zu Papier, was sich in klaren Gedanken formulierte. Ich betrachtete die schnell geschriebenen Zeilen, ergänzte sie noch und erhob mich nachdenklich aus meiner Hängematte. Mit dem Blatt Papier ging ich in den Keller zu jener Treppe, welche ein schalkhafter Baumeister ohne Nutzen errichtet hatte. Ich wusste plötzlich, dass diese Treppe ein Geheimnis barg. Im gleichen Augenblick fiel mir ein bis jetzt nicht wahrgenommener Mechanismus an den unteren Stufen auf. Obwohl offenbar noch nie benutzt, ließ er sich leicht bedienen. Geräuschlos öffnete sich die Wand, die mich in der Kindheit mit vielen Phantasien beschäftigt hatte. Ich betrat nun einen dunklen Raum, der nur schwach von einem Lichtstreifen erhellt wurde, der unter einer Tür hindurchfiel, die augenscheinlich in ein Nebenzimmer führte. Ich öffnete die Tür und wieder stand ich in einem leeren Raum, der kein Fenster besaß, nur eine weitere Tür. Ich öffnete auch diese, und vor mir lag nun ein Saal, der weder über Fenster noch eine Tür verfügte. Nebel erfüllte ihn und an einer Wand sah ich jetzt auch die Lichtquelle, welche die Schwaden des Dunstes in ein tiefes Blau tauchte. Als ich näher herantrat, erkannte ich allmählich die griechischen Buchstaben Theta und Sigma. Von ferne hörte ich das Bellen eines Hundes. Ich wollte diese merkwürdige Lichtquelle genauer betrachten und versuchte, die Nebelschwaden, die immer dichter wurden, mit ausgebreiteten Armen zu vertreiben. Je mehr ich mit meinen Armen herumfuchtelte, umso schwächer wurde das Licht. Nun hörte ich einen Hund ganz laut bellen. Neben mir.

Ich wachte auf. Voller Neugier griff ich nach dem Blatt Papier, das ich mit Notizen versehen hatte. Doch es war leer. Enttäuscht gab ich ein paar Eiswürfel in mein Glas und fügte mich der Erkenntnis, dass die Wahrheit der Träume nicht die unserer Vernunft ist. Dass allerdings, was wir für vernünftig halten, die Wirklichkeit angemessen wiedergibt, erschien mir nun völlig ausgeschlossen.



   
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